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Verbalkeule

Angenommen es gäbe ein Land mit parlamentarischer Demokratie, vielleicht in Zentralasien oder im südamerikanischen Urwald, das sich in ausgezeichneter wirtschaftlicher Verfassung befände und das vor allem leistungswillige Deutsche gern ansiedeln würde, wozu dann bei diesen eine gewisse Bereitschaft bestünde, da sie den ihrem Heimatland auferlegten  halbkolonialen Status nur ungern ertragen.

Weiterhin angenommen, dieses ferne Gastland wäre darauf aus, daß sich seine ihm so teuren deutschen Zuwanderer willkommen fühlen und drängte daher die eigenen Bürger dazu, die Deutschen nicht Deutsche zu nennen, da diese Bezeichnung allzu oft mit Nazi gleichgesetzt werde, sondern Mitteleuropäer, allenfalls noch Mitteleuropäer nicht-polnischer, nicht-tschechischer oder nicht-slowakischer Herkunft o.ä.

Als deutscher Zuwanderer bekäme man damit – sozusagen als Willkommensgruß – eine Verbalkeule überreicht, mit Hilfe derer man der wehrlosen einheimischen Bevölkerung überlegen entgegentreten kann, denn es ist ja klar, daß sie den “Mitteleuropäer nicht irgendwelcher anderer Herkunft” nach ihrer Gewohnheit nur allzu gern Deutscher nennen würden, da es sich ja auch um einen solchen handelt, doch sie trauen sich nicht, denn täten sie es, so könnte der Deutsche je nach dem Grad seines Wohlwollens sich traurig-verstimmt oder aggressiv-besserwisserisch zeigen, ohne daß igrendeine Institution des Gastlandes dem davon Betroffenen beistehen würde; gäbe dieser dann nach einer Belehrung dem deutschen Zuwanderer auch noch eine empörte Antwort, handelte er sich u.U. sogar eine Anklage wegen Beleidigung ein.

Natürlich gibt es solch ein Gastland nicht, und natürlich kehren Patrioten ihrem Land ohnehin kaum den Rücken, begegnet ihnen doch nur in der Heimat auf Schriftt und Tritt das Ergebnis des Leistungs- und Aufbauwillens all ihrer Vorfahren, und nur hier hören sie – zumindest vielfach noch – die Sprache um sich her, die ihnen seit der Kindheit vertraut ist. – Doch es gibt die Verbalkeule als Gastgeschenk, nicht in Zentralasien oder dem Urwald, sondern in Europa, ua. in Deutschland.

So hat es sich inzwischen bis zum letzten Bürger herumgesprochen, daß man “Neger” zu einem dunkelhäutigen Afrikaner, Karibikbewohner oder US-Amerikaner nicht zu sagen habe. Die dunkelhäutigen Zuwanderer bekommen dies natürlich auch mit, und es versetzt sie in eine komfortable Position gegenüber der Bevölkerung des Gastlandes. Wenn Zugewanderte solcher Art dann tatsächlich glauben, die Bezeichnung als Neger – die ja ursprünglich nichts anderes als Schwarzer, lateinisch niger, spanisch negro, bedeutet – setze sie herab, dann sind sie tatsächlich verletzt, wenn im unbedachten Augenblick das vermeintlich böse Wort dem Gehege der Zähne eines Weißen entschlüpft. – Ganz ähnliches gilt für die Zigeuner, d.h. Sinti und Roma, die Lappen, d.h. Samen, die Eskimos, d.h. Inuit, wobei uns nur der Umstand zustatten kommt, daß Angehörige der beiden letztgenannten Volksgruppen sich recht selten bei uns einfinden und dadurch der objektiv bloß vermeintlichen, aber subjektiv vielleicht tatsächlich gefühlten Herabsetzung ihrer Würde entgehen.

In bezug auf die Mohammedaner besteht die Forderung, Moslem zu sagen, womit nicht auf die Selbstbezeichnung eines Volkes zurückgegriffen wird, sondern auf das Selbstverständnis einer Religionsgemeinschaft, das man eigentlich gar nicht teilt, sieht man als Außenstehender in deren Angehörigen doch weniger Menschen, “die sich [dem Willen Gottes] hingeben”, sondern solche, die sich abgesehen von ihrem – aus christlicher Sicht – defizitären Gottesverständnis vor allem dadurch auszeichnen, daß sie Mohammed als Propheten und Gründer ihrer Glaubensgemeinschaft betrachten – daher der Begriff “Mohammedaner”.

Zwar wird der Ausdruck “Mohammedaner” noch nicht gerichtlich verfolgt, doch als Beleidigung gilt bereits die Bezeichnung “Muselmann“, obgleich dies doch nur ein verballhornter musalman ist. Der Wille des Gastlandes zur Ansiedlung wiegt vor dessen Gerichten eben schwerer als die überlieferte Begrifflichkeit der eigenen Bürger, und so verweist man zur Denunziation des Ausdrucks Muselmann darauf, daß ihn ja schon die Nazis in ihren KZ’s benutzt hätten; ja, durch einen solchen Gebrauch muß er natürlich kontaminiert sein. Wie konnte man nur jahrzehntelang nach Kriegsende nur so roh sein, die Kinder im schulischen Musikunterricht durch Absingen von “C-A-F-F-E-E” mit der spielerisch vermittelten Aufforderung “sei doch kein Lied vom Muselmann” geradezu systematisch zur Herabsetzung potentieller Zuwanderer zu erziehen!

 

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