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Gedankensplitter: Globaler Neoliberalismus 4 (17. Febr. ’15)

Schon länger wurden Darlehen zu einem festen Zins an Unternehmen als Anleihen vergeben, die am Ende zurückzuzahlen waren. Eine bedeutende Neuerung stellte dann die Aktie dar, weil das Geld, für das sie ausgegeben wurde, in das Unternehmen einging. Dafür sollte die Aktie höheren Ertrag abwerfen als die Anleihe, schon dadurch, daß sie so lange Dividenden einbringt, wie das als Aktiengesellschaft betriebene Unternehmen besteht und Gewinne erwirtschaftet. Um letzteres sicherzustellen, kontrolliert ein Aufsichtsrat den Vorstand, der den Betrieb leitet, und der Aufsichtsrat wird von der Hauptversammlung der Aktionäre gewählt; das Interesse an maximalem Gewinn ist das Einzige, was alle Beteiligten miteinander verbindet. – Dieses Modell läßt sich unschwer mit dem politischen der Gegenwart vergleichen, den Wählern, lauter gleichförmigen Kandidaten für das Parlament und der Regierung.

Lenin* hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Übergang zum Monopolkapitalismus analysiert: [Allzu komplex gewordene Unternehmen werden von ihren Besitzern verkauft und organisieren sich als Aktiengesellschaften.] Aus dem Konkurrenzkampf der Konzerne gehen am Ende Monopole hervor. In diesem Zusammenhang weist Lenin auf die „Tendenz zur Stagnation und Fäulnis“ hin, die „jedes…Monopol(,) unvermeidlich“ erzeugt.** Wenn keine Konkurrenz vorhanden ist, fehlt der Zwang, die Gewinne zu maximieren und sie wieder zu investieren. – Die Bedeutung, die der Aktie in diesem Zusammenhang zukommt, hat Lenin allerdings nicht gesehen. Aktionäre sind nicht nur Couponschneider, die sich daran erfreuen, was ihre Aktien an Gewinn einbringen, sondern sie haben ein Interesse daran, daß diese Gewinne möglichst hoch sind, und sie werden deshalb solche Aufsichtsratsmitglieder wählen, von denen sie sich eine Tätigkeit in diesem Sinne versprechen. So wirken die Aktionäre der Stagnation entgegen.

* eigentl. Wladimir Iljitsch Uljanow; geb. 1870, gest. 1924

** Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus (1917), Kap. VIII. Parasitismus und Fäulnis des Kapitalismus

Doch vermögen auch Monopole, einander Konkurrenz zu machen, indem eines in den Geschäftsbereich eines anderen eindringt. Außerdem ist die globalisierte Welt ein so weites Feld, daß ein einziges Unternehmen zu komplex wäre, um z.B. die gesamte Schwerindustrie zu umfassen, so daß die Monopolbildung nur unzureichend gelingt. – Doch auch unter diesem Aspekt ist die Betriebsform der Aktiengesellschaft wiederum von höchster Bedeutung, denn verschiedene Unternehmen können voneinander Aktien erwerben, so daß die Konkurrenz zwischen ihnen entschärft wird. Um es mit Mao* zu sagen: Der antagonistische Widerspruch zwischen ihnen verwandelt sich in einen nicht antagonistischen. Ihre gemeinsamen Interessen erstrecken sich so weit, daß sie nicht mehr darauf aus sind, einander vollständig zu verdrängen. Das Geflecht gegenseitiger Beteiligungen vermag als Netzwerk das nicht realisierbare Monopol zu ersetzen, doch eben dadurch droht wieder die von Lenin prognostizierte Stagnation.

* Mao Tse-tung bzw. Mao Zedong; geb. 1893, gest. 1976; hier: Über den Widerspruch (1937), VI. Der Platz des Antagonismus in den Widersprüchen

Um dieser Situation zu begegnen, fordert Friedmans Neoliberalismus die Beseitigung sämtlicher der Produktion auferlegten Hemmnisse, ins Besondere durch die Berücksichtigung des Interesses der Werktätigen. – Um deren Entlohnung abzusenken, bietet sich vor allem die Aufhebung der Grenzen in Form der Globalisierung an, um einen internationalen Unterbietungswettbewerb der Lohnempfänger zu betreiben. Der führt zuerst dazu, daß die Hausfrau in die Produktion genötigt wird, um den Lebensstandard der Familie zu erhalten, aber letztlich zur Deindustrialisierung weiter Gebiete in den Staaten des Westens, durch die die Arbeitslosenzahlen in die Höhe getrieben werden. Wenn in dieser Situation die amerikanisierte, die Neue Linke fordert, die Ausgaben zur Unterstützung der Arbeitslosen zu erhöhen, ohne das ökonomische System grundsätzlich in Frage zu stellen, sondern nur die „Reichen“ stärker besteuern will, dann dient diese Linke der Aufrechterhaltung des Systems: Die Rückkehr zu traditionellen Familienstrukturen, die als kleinste Einheiten der Gesellschaft selbst für ihr Überleben sorgen, soll verhindert werden, damit das Heer der Arbeitslosen als Reservearmee bereitsteht, das am Tage X erneut mobilisiert werden kann, um die heimische Produktion in die Höhe schnellen zu lassen, doch wird der Tag X nie mehr kommen, weil den Werktätigen in der globalisierten Welt als Produzenten auf Grund des Prozesses der Vermögenskonzentration ein zunehmend geringerer Teil des Reichtums für ihren Lebensunterhalt zur Verfügung steht, so daß sie entsprechend weniger zu konsumieren vermögen.

Es gibt aber noch einen weiteren Punkt, der in nachhaltigster Weise dazu dient, der Stagnation des Monopols entgegenzuwirken, das Investment.

 

 

2 Kommentare zu „Gedankensplitter: Globaler Neoliberalismus 4 (17. Febr. ’15)“

  • Unke:

    Aha, wurde mein Kommentar also zensiert.
    Trotzdem noch einmal Frage: wo tritt Friedman für offene Grenzen oder die Abschaffung der Nationalstaaten ein?
    [vO: Davon ist nicht die Rede. – Friedman wird erwähnt in dem Satz: “Um dieser Situation zu begegnen, fordert Friedmans Neoliberalismus die Beseitigung sämtlicher der Produktion auferlegten Hemmnisse, ins Besondere durch die Berücksichtigung des Interesses der Werktätigen.” Vgl. im vorangegangenen Artikel: “Sein (sc. Friedmans) Neoliberalismus zielte darauf ab, die Nachfrageseite bzw. die werktätigen Produzenten sich selbst zu überlassen, um die Angebotsseite bzw. die Unternehmen zu födern durch Beseitigung von Hemmnissen wie den Anti-Trust-Gesetzen.”]

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