Inhaltsverzeichnis

Die Entstehung der anti-racistischen Ideologie (letzter Teil)

Fanons „Verdammte dieser Erde“ fand rasch weite Verbreitung während der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts, vor allem in studentischen Kreisen, die sich ebenso wie manche Dozenten – vor allem angesichts des Vietnamkrieges (1957 – 1975)* – für den anti-kolonialistischen Befreiungskampf begeisterten. – Als Leitfaden für die mörderische Praxis in Kambodscha diente 1975 bis 1979 gewiß zuvörderst der Maoismus, aber möglicherweise auch Fanons Auffassung von der nicht allein [sadistisch-]lustvollen, sondern ebenso befreiend-reinigenden Wirkung der Gewaltanwendung durch die Kolonisierten.** Die Roten Khmer kamen 1975 im Zuge des Vietnamkrieges, der auch Laos und Kambodscha erfaßt hatte, an die Macht, und innerhalb von nicht einmal vier Jahren rotteten sie einen beträchtlichen Teil des eigenen Volkes aus; schon wer beispielsweise eine Brille trug, war verdächtig, ein Intellektueller zu sein, und damit dem Tode geweiht. Daneben sollten vor allem Kaufleute und buddhistische Mönche umgebracht werden, Fremdstämmige sowie Angehörige des früheren Regimes samt deren Soldaten. Geld, Privateigentum und Bücher wurden abgeschafft, die Religion verboten; gemeinschaftliches Wohnen einschließlich gemeinsamer Mahlzeiten und Einheitskleidung erzwungen.

* Der Vietnamkrieg bildete – mit zeitweise offener Beteiligung der USA (1964 – 1973) – einen zweiten Indochinakrieg nach dem französisch-vietnamesischen (1946 – 1954).

** vgl. das ausfürliche Zitat aus Aimé Césaires „Les Armes miraculeuses (1946)“ in [Chapitre] I

Der Führer der Roten Khmer, Pol Pot*, hatte 1949 bis 1952 in Paris studiert und die Universität ohne Abschluß verlassen; gleichwohl unterrichtete er in Kambodscha seit 1956 an einer privaten Hochschule. 1962 wurde er Generalsekretär der KP des Landes, deren Kader hauptsächlich aus Studenten bestanden. Im folgenden Jahr floh Pol Pot vor seiner Verhaftung in den Dschungel. Seine Idee von der militärischen Befreiung des Landes, der eine Aufhebung alles städtischen Lebens zu folgen habe, läßt sich durchaus mit Fanons Forderung nach Verhinderung neokolonialer Verhältnisse und seiner Einschätzung der nationalen Bourgeoisie aus Intellektuellen und Kaufleuten in den Städten vergleichen, die in einem Gegensatz zur Landbevölkerung gesehen wird: Eine erste Anordnung nach der Machtübernahme der Roten Khmer bestand in der vollständigen Räumung der Hauptstadt Phnom Penh innerhalb weniger Tage!

* eigentl. Saloth Sar; geb. wohl 1928, gest. 1998

Es gibt nur wenige schriftliche Dokumente der Roten Khmer aus jener Zeit. Eines, die Zusammenfassung einer Diskussion der Parteiführung um Pol Pot, stammt vielleicht noch aus der Zeit vor der Eroberung der Hauptstadt. Darin wird behauptet, daß in den Städten des Landes, die ohnehin von Ausländern gegründet worden seien, nur Fremdracige und Mischlinge lebten, echte Khmer hingegen auf dem Lande; insofern bestünde eigentlich gar kein Gegensatz zwischen Stadt und Land, denn die Einwohnerschaft der Städte sei „also nicht reinen Khmer-Ursprungs und kann ohne politische und psychologische Schwierigkeiten eliminiert werden.“ Wenn dieses Dokument tatsächlich authentisch ist, offenbart es nicht nur einen biologistisch-racistischen Ansatz der Khmer-Ideologie, sondern es läßt auch verstehen, warum die Roten Khmer darauf aus waren, das städtische Leben Kambodschas zu vernichten. Vorausgesetzt, daß Fanon ihnen bekannt war, dann dehnten sie Fanons These des unaufhebbaren racischen Gegensatzes zwischen Kolonialherren bzw. Ausländern und Einheimischen aus auf Fanons These eines Gegensatzes zwischen Stadt und Land innerhalb der befreiten Kolonie; nur die kambodschanische Landbevölkerung ist reinracig und darum revolutionäres Subjekt und darum erhaltenswert; die Utopie einer ethnisch homogenen und egalitären Gesellschaft von Reisbauern steht dahinter. Ihr entspricht die jedenfalls authentische, in verschiedenen Versionen verbreitete Parole: „Wenn wir Reis haben, haben wir alles.“ bzw.: „Wer Reis hat, besitzt alles.“ oder auch: „Wenn wir Reis haben, können wir alles haben.“ – So wird nicht nur verständlich, warum die Roten Khmer sich nicht scheuten, einen großen Teil der eigenen Landsleute zu liqudieren, sondern es läßt die Roten Khmer auch als entfernte Geistesverwandte des nationalsozialistischen Regimes erscheinen, wenn dieses wie jene ethnisch-kulturelle Gegensätze durch den Massenmord an – tatsächlich oder vermeintlich – Fremdstämmigen zu beseitigen suchten, um eine möglich reinracige Gesellschaft zu schaffen.*

* Letztlich erinnert die Ideologie der Roten Khmer jedoch an die Erhebung der englischen Bauern des Spätmittelalters und John Ball.

Der Biologismus der Roten Khmer führte sie zu dem Schluß, daß ein Abweichler kein reinraciger Kambodschaner sein könne. Wenn es sich nicht um einen Mischling handelte, dann um eine Art Chimäre; man sprach von einem „Khmer-Körper mit vietnamesischem Kopf“. Um das nicht-kambodschanische Körperteil, in diesem Fall den Kopf als Sitz des – verkehrten – Denkens, zu amputieren, wurden Säuberungen durchgeführt, vor allem in den Streitkräften. Dadurch geschwächt eigneten sie sich nur noch zur Terrorisierung des eigenen Volkes, jedoch nicht mehr für einen Krieg, und so war ihr Widerstand gegen die vietnamesischen Truppen nur schwach: Der Krieg mit Vietnam begann im Dezember 1978, und bereits im Januar 1979 fiel die Hauptstadt Phnom Penh. – Pol Pot floh erneut in den Dschungel, wo er schließlich entmachtet (1997) in Hausarrest verstarb (1998).

Konnte Fanons Konzeption der Dekolonisierung anscheinend also in der Dritten Welt praktisch umgesetzt werden, so ließ sich Vergleichbares in den hochindustrialisierten Ländern des Westens nicht durchführen. Dort mochte man sich zwar auf die Seite Nord-Vietnams sowie des Ostblocks stellen und gegen die USA demonstrieren, aber eine machtvolle politische Bewegung ließ sich nicht auf Begeisterung für Exotisches allein gründen.* – Sartre hatte zwar die Bereitschaft zum Verrat am Eigenen vorgeführt, doch blieb das revolutionäre Subjekt fern in der Dritten Welt; allein in den USA vermochte man – angesichts der dortigen, heterogenen Zusammensetzung der Bevölkerung – sozusagen den anti-kolonialen Kampf ins eigene Land zu verlegen, d.h. in den Nachkommen der schwarzen Sklaven das revolutionäre Subjekt wiederzufinden, und tatsächlich suchten ins Besondere die Black Panthers** diese Rolle zu übernehmen, was ihnen jedoch mißlang. Desinformation und Mordanschläge des FBI*** sowie falsche Anklagen durch die US-Justiz schwächten die militante schwarz-racistische Bewegung, die sich 1971 aufgespaltete. Nach dem Niedergang der Black Panthers setzte sich das Konzept einer multikulturellen Gesellschaft**** durch; darin ließ sich eine gegen den weißen Mann gerichtete anti-racistische Ideologie verbreiten, ohne daß man eine Sezession der Nicht-Weißen zu befürchten hatte. Zu dieser Zeit beendeten die USA ihre aktive Beteiligung am Vietnamkrieg (1973), der zwei Jahre darauf sein Ende fand mit dem Fall Saigons, der Hauptstadt Süd-Vietnams (1975).

* Bei einem Konzert des im Westen seit Woodstock (1969) sehr populären Musikers Ravi Shankar (geb. 1920, gest. 2012) erregten bereits die ersten Töne seiner Sitar verzücktes Applaudieren; der Meister bedankte sich sogleich, wobei er allerdings darauf hinwies, daß er noch beim Stimmen des Instrumentes sei.

** 1966 gegründet

*** Federal Bureau of Investigation, Ermittlungs-Bundesamt; Bundeskriminalpolizei und (seit 1939 auch) Inlandsgeheimdienst

**** Während die KPUSA die Selbstbestimmung der Schwarzen und deren Sezession befürwortet hatte, entsprach die multikulturelle Gesellschaft mehr dem Gedankengang Trotzkis (Leo Trotzki, eigentl. Lew Dawidowitsch Bronstein; geb. 1879, gest. 1940), der die Selbstimmung der Schwarzen nur deshalb befürwortete, weil er – wie bei den nicht-russischen Völkerschaften innerhalb der UdSSR – keine daraus resultierende Sezession erwartete, sondern einen Beitrag zur revolutionären Umgestaltung der USA ins Gesamt.

Möglicherweise also hatte Pol Pot als Hochschullehrer Fanons „Verdammte dieser Erde“ zu Beginn der sechziger Jahre kennengelernt. – Der von 1954 bis 1965 an der privaten Brandeis-Universität in Waltham (Massachusetts) lehrende Marcuse jedenfalls benutzte Fanons „Verdammte dieser Erde“ ganz offensichtlich, um seine gesellschaftskritische Konzeption in „One-Dimensional-Man (1964; dtsch. Der eindimensionale Mensch, 1967)“ zu entwickeln. Wie Fanon für die Kolonien eine Privilegierung des Proletariats behauptet, so stellt Marcuse die [weißen] Werktätigen als geradezu konterrevolutionäre Elemente dar, die sich mit der „Geschäftswelt“ verbündet hätten. Wieder in offenbarer Anlehnung an Fanon greift Marcuse auf das Lumpenproletariat als Alternative zurück; nur durch die nicht ins System Integrierten könne – Marcuses Wunschbild, nämlich – eine nicht repressive Gesellschaft ohne Triebunterdrückung realisiert werden. Wie Fanon greift Marcuse also auf das Lumpenproletariat als revolutionäres Subjekt zurück, indem er Fanons Konzeption auf die Situation in den hochindustrialisierten Ländern des Westens überträgt. – Natürlich bleiben Unterschiede zwischen Fanon und Marcuse, denn auf die Kolonialvölker setzt „Der eindimensionale Mensch“ noch keine allzu großen Hoffnungen, und anders als bei Marcuse besteht das Lumpenproletariat Fanons keineswegs nur aus sozial Randständigen, da er als Handwerker tätige Selbständige miteinbezieht.

Marcuses „One-Dimensional-Man“ bahnte den Weg hin zu einer im Kern anti-racistischen Neuen Linken, ohne daß dies dem Autor bewußt gewesen sein muß, denn sein revolutionäres Subjekt ist selbst gar nicht zur Aktion fähig; es wird nur dadurch indirekt wirksam, daß sich Betreuer, Therapeuten, Vereine etc. seiner annehmen, um die – tatsächlichen oder vermeintlichen – Interessen dieser Klientel durchzusetzen. Man konnte auch weitere Minderheiten und Benachteiligte einbeziehen, letztlich sämtliche Menschen bis auf den weißen Mann. Um alle bemühte sich sonst die Krankenpflege, doch auch Bildung, Erziehung und Wissenschaft beteiligten sich, letztlich jedwede Berufstätigkeit, die historisch aus dem Ersten Stand hervorgegangen war.* – Allmählich entstand eine Sozialindustrie, und je mehr Milliarden sie verschlang, desto mächtiger wurde ihre politische Repräsentanz, die Neue Linke; je mächtiger aber die Neue Linke wird, desto mehr Milliarden für die Sozialindustrie aus den öffentlichen Kassen verlangt sie. Solche wuchernde „Umverteilung“ fördert Beschäftigung und Konsum auf Kosten derer, die sie zu finanzieren haben; denen droht die monetäre Kachexie. Wenn nämlich die Neue Linke eine bedeutende Machtposition errungen hat, dann wird im Falle knapper werdender Mittel nicht die Klientel der Neuen Linken darunter leiden, sondern diejenigen, die die zunehmenden finanziellen Lasten zu schultern haben, es sei denn, daß sie ihre Interessen politisch gegen die Neue Linke durchsetzen, was jedoch äußerst schwierig ist, da diese in einer Symbiose mit den Vertretern des globalen Monopolkapitalismus lebt. Praefiguriert wurde sie gewissermaßen durch Franklin Delano und Eleanor Roosevelt als einer Vorläuferin der Neuen Linken.

* Auch dessen Kern, die Geistlichkeit, wurde in die sich bildende Strömung der Neuen Linken einbezogen: Die Einführung der protestantischen Frauenordination diente als Vehikel zur Aufnahme des Feminismus, der die Umformung des Protestantismus in eine antiracistische Lehre von der Erlösung des Nicht-Weißen vorantrieb. Etwa gleichzeitig entstand die katholische Befreiungstheologie, die sich zwar nicht allgemein durchsetzen konnte, doch die Erlösung des Nicht-Weißen wurde als Teilaspekt in die Irrlehre einer Allerlösung integriert.

Bereits der Stonewall-Aufruhr von 1969 führte in New York mehrere Gruppen von sog. Minderheiten und Benachteiligten zusammen, Homosexuelle, Black Panthers, Hippies und Straßengangs.* Das nicht-weiße revolutionäre Subjekt schien sich in den USA zu etablieren, allerdings mit Duldung daran interessierter Kreise: Wie hilflos man im Grunde gegenüber dem Establishment war, hatte sich um 1970 am Beispiel der „Black Panthers“ gezeigt. – Die Degradierung des weißen Mannes entsprach der mächtigen us-amerikanischen Frauenbewegung, indirekt auch der sich entwickelnden Sozialindustrie, die sich vorzugsweise um sämtliche vom weißen Mann benachteiligten Minderheiten bemühte, und der Großindustrie, die jede Schwächung des (weißen) Werktätigen begrüßen mußte, da sie zum Abbau von Rechten und Sozialleistungen genutzt werden konnte. Hinzu kommt in Zeiten drohender Überproduktion das Interesse des Investitionskapitals an Umverteilung durch Abschmelzung der Rücklagen u.a. des (weißen) Werktätigen zu Gunsten eines staatlich dirigierten Konsums, der zumeist wiederum der Sozialindustrie zu Gute kommt.** Dieses gesamte die eigenen kulturellen Traditionen teils auf den Kopf stellende, teils verleugnende Establishment läßt es jedoch zu, daß die „benachteiligten Minderheiten“ des Prekariats, die ursprüngliche Klientel, einem massenhaft importierten Konkurrenten unterliegen, den Millionen assimilationsresistenter Kulturfremder***, die einerseits die Sozialindustrie mit einem nahezu unerschöpflichen Werkstoff versorgen und andererseits zum Rückbau des Sozialstaates durch Überdehnung führen.**** Sie paradieren als neue Bannerträger des Anti-Racismus.

* vgl. Die Entstehung der Neuen Linken 5b: Das Erscheinen der Neuen Linken (zweiter Teil)

** s. Die “Panama-Papers” und der staatlich dirigierte Maximal-Konsum

*** Fände eine Assimilation statt, ginge der Sozialindustrie der Werkstoff verloren.

**** s. Sozialindustrie

*

Die marxistische Alte Linke war im angelsächsischen Bereich stets schwächer als im kontinentalen Europa; umgekehrt ist die Frauenbewegung im angelsächsischen Bereich stärker gewesen, und so beschränkte sie sich im kontinentalen Europa bis zum Entstehen der Neuen Linken im Wesentlichen auf die liberale Forderung nach Rechtsgleichheit. Der kontinental-europäischen Frauenbewegung gab die – im Kern anti-racistische – Neue Linke die Gelegenheit, darüber hinausgehend sich ideologisch dem us-amerikanischen Vorbild anzugleichen und über die Rechtsgleichheit hinausgehend Dominanz gegenüber dem weißen Mann anzustreben. Dazu benötigt sie die Neue Linke als Verbündeten und liefert nicht nur den weißen Mann, sondern auch sich selbst der Klientel der Sozialindustrie wohl oder übel aus. Werden die Vertreterinnen der Frauenbewegung im Stich gelassen, verleugnen sie eher ihre Forderung nach gesellschaftlicher Vorherrschaft, als daß sie die Hoffnung aufgeben, Tom werde seine Eva(ngeline) doch noch retten.* In den USA ist der Feminismus eher gleichberechtigter Partner des Anti-Racismus, während die Frauenbewegung in Europa unter Verweis auf den weißen Mann als gemeinsamen Gegner darauf hofft, selbst verschont zu werden. – Der feministische Kampf gegen den weißen Mann akzeptiert bei den Einheimischen nur Schwächlinge oder Abnorme, was sich in verbreiteter Effemination, vulgo Verschwulung, niederschlägt; dabei wird auch die Rangordnung der Gesellschaft auf den Kopf gestellt, so daß die Tüchtigen die unteren Plätze einnehmen, während die weniger Fähigen oder auch weniger Willigen aufsteigen.** Außerdem zerstört der anti-sexistische Kampf gegen den weißen Mann die eigenen Familien und fördert damit die moderne Transformation der Gesellschaft gemäß dem westlichen Ideal einer Gründung auf das Individuum an Stelle der Familie, was wiederum notwendig die Tendenz zum Totalitarismus verstärkt.***

* Beispiel

** vgl. Kurzer Rückblick

*** vgl. fiat justitia aut pereat mundus (letzter Teil)

Die us-amerikanische Frauenbewegung bildete auch einen Wurzelgrund für die Übertragung der Moral aus der Familie in die Politik und die im Gegenzug stattfindende Vergesellschaftung bzw. Entprivatisierung der Familie. Bereits Gehlen* erkannte dies im Ansatz, da er das von im als „Humanitarismus“ bezeichnete Phänomen verbunden sah mit einem Übergreifen der Moral vom Bereich des Familiären auf den der Gesellschaft; an einer Stelle schreibt er sogar, auf die [us-amerikanische] Frauenbewegung abzielend, „…(das Wohlstandsdenken und) der Feminismus“ sei mit der „Moral des Humanitarismus sogar ursprungsidentisch“**. Leider verfolgte Gehlen diesen Gedanken nicht weiter. – Der Übertragung der Moral aus der Familie in die Politik des Staates war vorbereitet worden durch die Emotionalisierung*** der Frömmigkeit durch die us-amerikanischen Erweckungsbewegungen des 18. und 19. Jahrhunderts, die die Äußerung von Affekten an der Stelle vernunftgemäßer Erwägungen in der Öffentlichkeit gesellschaftsfähig machte, und dies ließ sich mit dem – feministischen – Moralisieren vortrefflich verbinden. So gehen Emotionalisierung***** und Moralisierung der Politik Hand in Hand; die Folge der Emotionalisierung, des Zurückdrängens der Vernunft, ist zuletzt die allgemeine Infantilisierung.

* Arnold Gehlen; geb. 1904, gest. 1976; vgl. fiat justitia aut pereat mundus (3)

** Moral und Hypermoral. Eine pluralistische Ethik ([Frankfurt / Bonn] 1969, 2. Aufl. 1970); hier: 10. Moralhypertrophie

*** Politik ist die verstandesmäßige Vertretung von Interessen; Affekte haben dort im allgemeinen keinen Platz, Rücksicht auf das eigene Wohlergehen noch weit weniger.

**** s.o. Teil (1)

***** vgl. Kampfideologie der Diktatur

Bildet die us-amerikanische Frauenbewegung also den Vorläufer der Neuen Linken, so ist sie doch eben nicht damit identisch. Diese Frauenbewegung brachte mit ihrem Anti-Racismus die Neue Linke gleichsam hervor und wurde dann zur Schutzbefohlenen ihres Wechselbalgs, zumindest außerhalb des angelsächsischen Bereiches, wo die mächtige Alte Linke sich in eine biologistische Neue Linke transformierte. – Deren Theorie ist kaum ausgearbeitet; sie benutzt ggf. Parolen der Alten Linken, die unvermeidlich eine – zumindest teilweise – Umdeutung erfahren, was jedoch nicht weiter reflektiert wird. Es gibt kaum Grundlagenwerke, mit denen man sich auseinandersetzen könnte, denn was massenhaft publiziert wird, setzt die neulinke Ideologie bereits voraus, statt sie theoretisch zu entwickeln und zu begründen. Die Neue Linke konzentriert sich auf die Praxis und versteht sich als anti-racistisch; daraus ergibt sich dann im Umkehrschluß, daß es sich bei dem politischen Gegner in jedem Falle um einen Racisten handeln muß. Man unterstellt der Gegenseite stets die eigene biologistische Denkweise mit umgekehrten Vorzeichen, und wenn die Gegenposition partout keinen biologistischen Standpunkt einnimmt, dann wird ein solcher trotzdem postuliert, so daß z.B. die Religion wie der Islam zum Merkmal einer Race erklärt wird, oder man spricht von Kulturracismus, wenn die Fremdartigkeit anderer Sitten sowie Gebräuche konstatiert und eine mangelnde Vereinbarkeit mit den eigenen festgestellt wird. Ebenso sieht man sich auf seiten der Neuen Linken gefeit vor dem Angriff mittels empirisch untermauerter Gegenargumente, da man darauf verweist, daß die Wirklichkeit derart komplex ist, daß eben nur die eigene Ideologie ihr gerecht wird. So behauptet diese auch trotz ihrer Emotionalisierung des Öffentlichen, das Monopol der Vernunft zu besitzen; die anderen seien ihren Affekten ausgeliefert, hätten Ängste, die sich zur Phobie zu steigern vermögen, oder sind gar gemeingefährliche Hasser.*

* vgl. Kampfideologie der Diktatur

Der Anti-Racismus bildet den Kern der Ideologie der Neuen Linken, die unterstützt wird von der Frauenbewegung. Ferner gehören verschiedene saecularisierte Strömungen des angelsächsischen Protestantismus zur Neuen Linken hinzu, vor allem der aus dem Tierschutz* hervorgegangene globale Umweltschutz, der seine letzte Ausformung in der Deutung des sich wandelnden Klimas als von der Industrie des (weißen) Mannes verursachter Klimawandel gefunden hat. – Bis auf den Anti-Racismus können alle anderen Positionen jedoch preisgegeben werden, wodurch sie sich als nicht wesentlich erweisen; so führten die neulinken BRD-Grünen als Regierungspartei neben der SPD trotz des zuvor von ihnen propagierten Pazifismus die Bundeswehr 1999 in den ersten Kriegseinsatz seit 1945.

* s. Die geistigen Wurzeln der Neuen Linken 2b: Das manichäische Denken (zweiter Teil)

Da von der Neuen Linken der Nicht-Weiße als revolutionäres Subjekt verehrt wird, erscheint verständlich, warum ihr Anti-Racismus an die Präsidentschaft Obamas* geradezu messianische Erwartungen knüpfte; schon zu Beginn seiner Amtszeit als US-Präsident erhielt er den Friedensnobelpreis (2009): Was sonst als den ersehnten Frieden sollte er auf Grund seiner racischen Voraussetzungen der Menschheit bescheren? – Obwohl es sich bei Barack Obama um einen Mulatten handelt, sah man ihn – der us-amerikanischen Tradition entsprechend – als einen Schwarzen an. Sein Nachfolger soll Hillary Clinton** werden, die wie Barack Obama der Partei der US-Demokraten angehört und als deren Kandidatin in die Präsidentschaftswahlen des Herbstes 2016 geht, womit noch einmal das Miteinander von Frauenbewegung und Neuer Linker augenscheinlich wird.

* Barack Obama; geb. 1961; US-Präsident ab 2009

** geb. 1947

Wie sich mit der Person des schwarzen US-Präsidenten messianische Hoffnungen verbanden, so feierten im Spätsommer 2015 Willkommenskommitees die Ankunft des Erlösers Tom in deutschen Bahnhöfen. – Wie früh die neulinke Indoktrinierung in der BRD begonnen hat, veranschaulicht ein bekanntes Beispiel: Nachdem 1960 Michael Endes* Buch „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ erschienen war und noch im selben Jahr den „Literaturpreis der Stadt Berlin für die Junge Generation“ erhielt, veröffentlichte der Autor zwei Jahre darauf eine Fortsetzung der Geschichte, „Jim Knopf und die Wilde 13 (1962)“. Darin offenbart sich der als schwarzes Findelkind im kleinen Lummerland aufgenommene Jim als Prinz Myrrhen und wahrer Monarch des Landes: Lummerland bildet lediglich den höchsten Gipfel seines viel größeren Reiches Jamballa, und die asoziale Wilde 13, eine Seeräuberbande, steigt zu Prinz Jims Leibwache auf. Für weiteste Verbreitung dieser Geschichte sorgte eine Fernsehfassung als Puppenspiel, die 1961 bis 1962 vom Hessischen Rundfunk aufgezeichnet und bundesweit ausgestrahlt wurde.

* geb. 1929, gest. 1995

1 Kommentar zu „Die Entstehung der anti-racistischen Ideologie (letzter Teil)“

Kommentieren