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Rückblick auf den hiesigen Maoismus in seinem Zusammenhang (4)

[Vorbemerkung: Da sich die Betrachtung des Themas nicht in der von mir beabsichtigten Weise auf den Maoismus konzentrieren ließ, von dem erst im folgenden Teil wieder ausführlicher die Rede sein wird, da also der Kontext weit mehr Berücksichtigung erforderte und der Titel deshalb zu Mißverständnissen Anlaß gab, ist er von mir abgeändert worden. -] Nach dem Jahr 1968 stand die Alte Linke, vertreten durch deren kommunistischen Flügel, recht isoliert da und erschien als Interessenvertretung des Ostblocks im Westen; dem wurde von Seiten der Maoisten „Revisionismus“ vorgeworfen, d.h. Abweichung von der reinen Lehre des Marxismus-Leninismus, und daher bezeichneten sich die Maoisten selbst auch gern als Marxisten-Leninisten.

Die deutsche Sozialdemokratie hatte sich bereits mit der Verabschiedung des Godesberger Programms (1959) vom Marxismus abgekehrt. Damit einher ging eine veränderte und längerfristig verringerte Bedeutung der wirtschaftlichen Produktion für die Parteiprogrammatik, denn man richtete sich nicht mehr auf den Sozialismus aus, sondern auf den Konsum und strebte nicht etwa Ausweitung der staatlichen Kontrolle der Produktionsmittel an, sondern forderte Wettbewerb*, auf daß daraus ein „stetig wachsender Wohlstand“** entstehe, und zwar, so wäre hinzuzufügen, für alle, unabhängig davon, ob sie (je) werktätig (gewesen) sind oder nicht; an die Stelle der Forderung nach gerechtem Lohn tritt die soziale Gerechtigkeit, mit der der Kommunismus gewissermaßen vorweggenommen wird. Zwar entsteht keine klassenlose Gesellschaft, doch es gilt: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen.“ Jeder konsumiert möglichst grenzenlos und wie er will, ohne daß dies von seiner Leistung abhängig gemacht wird. Mit solchen Vorstellungen strebte die SPD nun eine „neue(n) Ordnung politischer und persönlicher Freiheit und wirtschaftlicher Sicherheit und sozialer Gerechtigkeit“*** an, in der Männer und Frauen gleichberechtigt sein sollen.**** – Seit 1966 regierte die SPD zusammen mit CDU und CSU in der damaligen Großen Koalition, und nach den Bundestagswahlen von 1969 gelang es den Sozialdemokraten, den Kanzler zu stellen und eine Regierung zu bilden zusammen mit der FDP, die begonnen hatte, sich von nationalen Traditionen zu lösen und mit dem Motto warb „Wir schneiden die alten Zöpfe ab“. An die Stelle des Klassenkampfes trat – neben der Politik – ein ganz anderes Konzept zur Verwirklichung sozialdemokratischer Ziele: die Umfunktionalisierung von Bildung und Erziehung. Durch Umgestaltung, „Reform“, des Bildungswesens, sollten die Menschen zur Gleichheit erzogen werden. Bereits zwei Monate nach der Bundestagswahl einigte man sich in der Kultusministerkonferenz Ende November 1969 mit den von der CDU/CSU regierten Bundesländern darauf, die Gesamtschule versuchsweise einzuführen. Doch dabei blieb es nicht lange. Schon im Juni 1970 verabschiedete die SPD/FDP-Bundesregierung einen Bericht zur Bildungspolitik, in welchem gefordert wurde, Gesamtschule und Gesamthochschule zum Regelfall zu machen; wie die verschiedenen Schulformen verschwinden sollte, so auch die Unterscheidung der Fachhochschule von der Universität.

* „Stetiger Wirtschaftsaufschwung“

** „Wirtschafts- und Sozialordnung“

*** „Unser Weg“

**** „Frau – Familie – Jugend“

Ohne sich dessen voll bewußt zu sein, beschritt die Sozialdemokratie den Weg hin zur Neuen Linken, wobei man sich von den vorgeblich benachteiligten Kindern der Arbeiter ausgehend den noch benachteiligter erscheinenden zuwenden konnte, dem Nachwuchs verschiedener Minderheiten. – Wenn man zur besseren Orientierung die verschiedenen Aspekte der sich konstituierenden Neuen Linken unter den Stichworten früherer Marcuse (Befreiung des Polymorph-Perversen), späterer Marcuse (Zuwendung zum Asozialen) und Fanon (Drittweltbewohner als revolutionäres Subjekt) unterscheidet, dann richtete sich die Sozialdemokratie am späteren Marcuse aus, am „Eindimensionalen Menschen“*, wo er sich vom Proletariat abwendet und im Lumpenproletariat das revolutionäre Element erblickt, wozu alle gehören, die sich mit der „Geschäftswelt“ nicht arrangiert haben, die Außenseitern der Gesellschaft, die „Arbeitslosen und Arbeitsunfähigen“, „Geächteten und Außenseitern“; später sprach man von Minderheiten. Deren Pendant bilden diejenigen Intellektuellen, die sie als Lehrer zur Gleichwertigkeit erziehen und als Therapeuten betreuen: Man erkennt den Kern der sich bildenden Sozialindustrie.

* „One-Dimensional-Man (1964; dtsch. Der eindimensionale Mensch, 1967)“

Der spätere Marcuse schlägt den Bogen zu früheren Veröffentlichungen, indem er am Schluß des „Eindimensionalen Menschen“ behauptet, das Lumpenproletariat, auf das er seine Hoffnung setzte, sei in der Lage, eine nicht repressive Gesellschaft ohne Triebunterdrückung zu errichten. Oben wurde bereits die bis 1969 bestehende West-Berliner Kommune 1 erwähnt. In ihrer Nachfolge entstanden nicht nur solche Einrichtungen wie die abartigen AAO*-Kommunen während der siebziger und auch noch der achtziger Jahre, die Familie sowie Privateigentum abschaffen wollten und deren Gründer schließlich u.a. wegen Kindesmißbrauchs 1991 verurteilt wurde.** Andere gründeten Landkommunen und suchten, eine alternative Landwirtschaft zu betreiben. Auch dabei steht Bakunin*** im Hintergrund, der nicht auf die sukzessive Erringung politischer Macht setzte, sondern auf die Bildung von Zusammenschlüssen, Assoziationen, im Proletariat, das dazu angeleitet werden sollte durch [intellektuelle] Angehörige eines Geheimbundes von Revolutionären; schließlich sollte durch eine Revolution nur noch die äußere Hülle abgesprengt werden, so daß der Staat beseitigt werde und die zuvor gebildeten neuen gesellschaftlichen Strukturen hervortreten wie der Schmetterling aus der Verpuppung. Mit Bakunin hat sich nicht nur Marx auseinandergesetzt, was zur Auflösung der ersten Internationale (1864 – 1873) führte, sondern auch Engels;**** in dessen „Denkschrift über den Aufstand in Spanien im Sommer 1873“ mit dem Titel „Die Bakunisten an der Arbeit (1873)“, heißt es: „Die bakunistischen Anarchisten Spaniens wollten eine Revolution nur unternehmen, wenn sie den Staat sogleich abschaffte. Darum beteiligte man sich auch nicht mit einer eigenen Partei an den Wahlen, um Macht zu erringen. …und so erfanden sie den jammervollen Ausweg, die Internationale als Ganzes sich enthalten, aber ihre Mitglieder als einzelne nach Belieben [ab]stimmen zu lassen.“ „Und was war die Folge der Anwendung einer so abgeschmackten (sc. der bakunistischen) Lehre? Daß die große Masse der Internationalen, mit Einschluß der Anarchisten, sich an den Wahlen beteiligte, ohne Programm, ohne Fahne, ohne eigne Kandidaten, und so dazu beitrugen, daß fast ausschließlich Bourgeoisrepublikaner gewählt wurden.“

* Aktionsanalytische Organisation

** Gemeint ist Otto Muehl; geb. 1925, gest. 2013 – Als Kunstschaffender wurde nach seiner Haftentlassung gleichwohl öffentlich mit Ausstellungen geehrt.

*** Michail Bakunin; geb. 1814, gest. 1876

**** Karl Marx, geb. 1818, gest. 1883; Friedrich Engels, geb. 1820, gest. 1895

Wie wenig friedlich insgesamt der sozusagen unter der Anleitung durch den früheren Marcuse auftretende Zweig der sog. Achtundsechziger sich gebärdete, zeigt das Beispiel Fritz Teufels*, eines Studenten, der der Kommune 1 angehörte und später der Terrorszene. Machte er zuerst noch durch groteske Auftritte wie das Pudding-Attentat auf den us-amerikanischen Vizepräsidenten (1967) auf sich aufmerksam, so gehörte er zu der Zeit, da sich die Kommune 1 auflöste (1969) zu den Münchner Tupamaros, die bis 1971 Überfälle, Brand- und Sprengstoffanschläge verübten.

* geb. 1943; gest. 2010

 

[zweiter Absatz erweitert; 19. Sept.]

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