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Oskar kommt

Oskar Lafontaine ist in den letzten Monaten seinem Ziel der Rache an seiner alten Partei SPD deutlich näher gekommen. Unter seinem Vorsitz startet in diesem Wahlkampf „Die Linke“ als nun etablierte politische Kraft voll durch und schickt sich an, als treibende Kraft den Lagerwahlkampf zugunsten von rot-rot-grün zu gewinnen. Oskar ist dabei der fleißigste Trommler. Am vergangenen Montagabend sprach er auf einer Wahlkampfveranstaltung im Potsdamer Hauptbahnhof.

Ein Augenzeugenbericht von Zentralachse.

Oskar kommt

Eine halbe Stunde vor Lafontaines Auftritt finden sich zuerst nur wenige Zuschauer in dem Saal des Potsdamer Hauptbahnhofs ein. Im gleichen Gang, nur wenige Meter entfernt, ist auch die Wahlkampfzentrale der „Linken“, fast wie in einem Großraumbüro. An dem zentralen Ort befindet sie sich in einer idealen Lage. Der Saal füllt sich bis 18 Uhr mit über 400 Gästen. Es wird eng, weitere Stühle müssen hereingetragen werden. Ein Blick in das Publikum offenbart das Strukturproblem der „Linken“, die sich vor allem auf eine grau gewordene Klientel mit einem Durchschnittsalter von 70+ stützt. Perspektiven, die die heute so dynamisch erscheinende Partei spätestens in zwei Legislaturperioden selbst sehr alt aussehen lässt.

Über die Lautsprecher erklingt abwechselnd die Musik von dem Liedermacher Hannes Vader, einem inzwischen ergrauten Altkommunisten westdeutscher Provenienz, der sich kürzlich erst in dem Kasseler Nobelviertel Brasselsberg zur Ruhe gesetzt hat, und der von Kerstin Kaiser. Kaiser ist die Fraktionsvorsitzende der „Links“-Partei im Brandenburgischen Landtag. Über die linke Spitzenpolitikerin Kaiser schreibt das Onlinelexikon Wikipedia:

„Nachdem sie 1979 ihr Abitur erworben hatte, studierte sie bis 1984 russische Sprache und Literatur an der Staatlichen Universität Leningrad. Während dieser Zeit spionierte sie als inoffizielle Mitarbeiterin des Ministerium für Staatssicherheit unter dem Decknamen ‚Kathrin‘ ihre Kommilitoninnen aus und denunzierte sie unter anderem wegen des Tragens von ‚unsauberen Jeans‘ oder weil sie Westsender hörten. Zudem informierte sie die Staatssicherheit darüber, wer Kontakte zu westlichen Studenten unterhielt und wer ‚sexuell sehr stark bedürftig‘ sei. Es wird beschrieben, dass sie die Spitzelaufträge mit viel Elan ausführte und ihrem Führungsoffizier bei jedem Treffen mehrere Personenbeschreibungen diktierte.“

Lafontaine bekommt einen begeisterten Empfang. Das erstaunt, denn der Politiker aus dem Saarland stand nie im Verdacht, ein weiches Herz für die Mitteldeutschen zu haben. Offenbar zeigen sich hier die Wähler ebenso vergesslich wie bei den Stasi-Verstrickungen mancher „Linken“-Politiker.

Sein Vertrag wirkt routiniert; Lafontaine scheint sich anstrengen zu müssen, nicht von seinen eigenen hundertmal ausgegebenen Worten selbst gelangweilt zu sein. Dabei kann man seiner Kritik an den sozialpolitischen Einschnitten der vergangenen Jahre und ihre Bedeutung vor allem für die kommenden Rentnergenerationen durchaus sehr viel abgewinnen. Problematischer sind da schon seine Lösungsvorschläge, die weit über eine stärkere Besteuerung der „Reichen“ (oder wen immer er – sich eingeschlossen? – dafür hält) hinausgehen.

Das von ihm beworbene Konzept der Belegschaftsaktien bedeutet nichts anderes als die Enteignung des Unternehmers durch die Hintertür. Es hört sich ja auch so plausibel an, dass damit der Spekulation ein Ende gesetzt wäre. Bisherige Experimente mit ähnlichen Modellen sind jedenfalls bislang gescheitert. Und ob die mit der Verwaltung der Aktien betrauten Funktionäre bessere Unternehmerentscheidungen treffen können als die bisherigen Inhaber, ist eine Frage, die sich dem genialen Oskar nicht stellt. Es sollte nicht vergessen werden, dass es der Gewerkschaftsfunktionär Klaus Zwickel war, der im Fall der Mannesmann AG die weit überzogenen und dubiosen Abfindungen an Manager des Konzerns im Aufsichtsrat mit zu verantworten hat.

Das zur Unterstützung seiner Argumentation herangezogene Brecht-Zitat, wonach Friedrich der Große den Siebenjährigen Krieg nicht alleine gewonnen hat, legt dabei nur eine Teilwahrheit offen. Denn ohne Friedrichs geniale Führung hätte die deutlich unterlegene preußische Armee kein einziges Jahr dieses Krieges durchgehalten.

Am nächsten Tag wird die „Märkische Allgemeine Zeitung“ (MAZ) über Lafontaines Vortrag u.a. verharmlosend schreiben, er wünsche sich „eine starke Streikbewegung“ nach französischem Vorbild. Doch was ihm tatsächlich wortwörtlich vorschwebt ist der „politische Streik“, der aus guten Gründen in Deutschland verboten ist.

Auffallend schonend verfährt er in seinen Angriffen mit seiner früheren Partei, der SPD. Ihre Rolle in der praktischen Umsetzung neoliberaler Ideologie spielt er herunter und schiebt die Verantwortung dafür schwarz-gelb zu, so als ob die Agenda 2010 eine Erfindung von Merkel und Westerwelle gewesen sei. Lediglich bei den jüngsten Parteispenden kann er sich die Ironie nicht verkneifen, dass die SPD im Vergleich zu den anderen Altparteien zu schlecht weggekommen ist – „nach allem, was die SPD für die Banken getan hat.“ Die Linke hingegen sollte man deswegen schon „aus Barmherzigkeit“ wählen, denn sie erhalte keine Parteispenden. Selbst bei solchen Bonmots könnten einem tatsächlich die Tränen kommen, wenn man nicht wüsste, dass der Löwenanteil der Parteienfinanzierung heute aus dem Staatssäckel fließt und „Die Linke“ nach wie vor auf dem Vermögen der SED sitzt.

Ein geschicktes Wortspiel leistete sich Lafontaine in diesem Zusammenhang auch mit Bundeskanzlerin Merkel, bei der er sich freue, wenn er sie dank der jüngsten Spenden bald an jedem Baum hängen sehen könne. Die lachenden Reaktionen zeigten, dass das Publikum das Wortspiel verstand. Einem Politiker rechts der Mitte würde eine derartige Rhetorik nicht verziehen, aber in diesem Fall schwieg das ehemalige SED-Blatt MAZ. Wo waren da überhaupt die Jusos, die sonst jeden Auftritt eines CDU-Politikers so fleißig filmen? Die Junge Union hat an dem Abend eine gute Gelegenheit verpasst, an dem politischen Gegenlager ebenso zu verfahren.

Der beste Grund „Die Linke“ zu wählen, so Lafontaine, sei das Versagen der etablierten Parteien. Dass er damit auch das Urteil über seine eigene Partei gesprochen hat, die ja unter dem Namen SED immerhin einen ganzen Staat ruiniert hat, ist dem – zugegebenermaßen unterhaltsamen – Demagogen gar nicht aufgefallen.

15 Kommentare zu „Oskar kommt“

  • Wahr-Sager:

    Passend zum Thema: Harald Bergsdorf, Die Linkspartei. Eine überfällige Aufklärung (Artikel in einer PDF-Datei der Homepage “Die neue Ordnung”, s. Rand)

  • Wahnfried:

    Sorry für den unthematischen Kommentar, aber ich las gerade diese Rede von Präsident Medvedjew… Und wie sehr würde man sich etwas ähnliches von deutschen Politikern wünschen. Wie sehr… Dachte ich teile das mal.
     
    http://eng.kremlin.ru/speeches/2009/09/10/1534_type104017_221527.shtml

  • CD:

    Man muß sich das einfach mal geschmeidig durch die Gehirngrütze gehen lassen. Da sitzt die direkte Nachfolgepartei der SED vom Verfassungsschutz beobachtet mitten im Bundestag, demnächst wahrscheinlich stärker vertreten, als die SPD. Indessen befeuern alle etablierten Parteien unisono im Gleichklang mit so ziemlich allen offiziellen gesellschaftlichen Gruppen den Kampf gegen -inzwischen- Allgemein-Rechts’. An der Spitze der einzigen (ehemals rechtskonservativen) Gegenpartei CDU -längst schon ob des ‘Kampfes gegen Rechts’ wegen auf linkslastigem Schlitterkurs- sitzt ausgerechnet eine ehemalige DDR-FDJ-Sekretärin. Der rechte Flügel indess wird nur noch besetzt durch ein kleines Häuflein Extremisten. Konservative und Bürgerliche haben sich entweder in die Passivität zurück gezogen oder sind der Karriere und des gesellschaftlichen Ansehens wegen ins linke Lager gewechselt. Man muß wirklich kein Orakel sein, man kann die Zukunft erraten.

  • Sir Toby:

    Das Beste ist einfach das Bild – das ist mindestens so gut wie der ‘Palast der sozialen Gerechtigkeit’ (= die schlichte Unterkunft von Hr. Lafontaine in Saarbrücken, wo er nebst Kind und Gattin sein freudloses Arbeiterdasein fristet). 

  • ThePassenger:

    @Zentralachse

    Eine wirklich schöne Reportage. Allerdings fürchte ich sie wird nicht viel bewirken. Ich denke unsereins ist schon lange klar wie die Linke ihre Wähler wirbt. Die Wähler selbst ficht deine Argumentation nicht an, dafür fehlt den Prekariatswählern der notwendige Hintergrund.

    In dieser Wählerschicht gibt es bloß Populismus gegen Populismus, durchdachte Argumente interessieren nicht. Es wundert mich daher nicht wenn diese Wählerschicht, früher zumeist von der SPD abgedeckt, ob der wachsweichen Aussagen zur Linken abwandert.

    Ich denke von der Dramturgie her ähnlich gelagerte Aufrtitte wird es nur noch bei der NPD geben. Bürgerliche Rechtsparteien haben daher das selbe Problem wie die Etablierten, die Programme sind zu kompliziert, keine einfachen Lösungen, nicht “griffig” genug in den Aussagen.

    Die “Was interssiert mich Energiepolitik, bei mir kommt der Strom aus Steckdose”-Fraktion ist eben nur mit simplen, aber deutlichen Aussagen zu ködern. Wohl der Hauptgrund warum im derzeigen Wahlkampf nahezu keine konkreten Aussagen mehr getroffen werden.

    Von daher, auch wenn das keinen Bezug mehr zu dem Artikel hat, ist klar warum Gerhard Schröder seine Klientel verraten hat, er wußte, er kann die Verprechen seiner Partei nicht mehr einhalten und ersann die Agenda 2010, ein Brocken an dem die SPD noch heute schluckt.

    Für diesen Wahlkampf sehe ich ehrlich gesagt ziemlich schwarz. Meine Hoffnung beruht darauf, daß die CDU/SPD ihre stragetischen Fehler erkennen und beide, wenn auch nur zum purem Machterhalt, wieder Klientelpolitik an ihren Rändern betreiben. Die SPD steht bereits mit dem Rücken an der Wand, die Union wird wohl ihre Wähler hauptsächlich an die FDP verlieren. Mir erscheint die FDP derzeit als das heimliche Lager der Rechtskonservativen. “Rechts sein” darf man ja nicht mehr, dann soll es eben der Liberalismus lösen.

    Alles was Rechtkonservative machen können, ist den Anteil der Stimmen rechts der Union möglichst groß zu machen um bei dem Kurswechsel, der kommen muß, möglichst grossen Anteil zu haben.

    Kommt dieser Kurswechseln nicht, werden die beiden Grossen selbst zusammen bald keine Mehrheit mehr auf Bundeseben zusammenbringen.

    Die GroKo ist der Offenbarungseid des derzeigen pol. Systems, wenn sie jetzt nicht einlenken verlieren sie u.U. alles und die Chancen auf italienische Verhältnisse hierzulande wachsen immens – und dann ist alles möglich.

    Warten wir es ab, der 27. ist ja nicht mehr weit.

  • @ Zentralachse

    Ich glaube, die drei größten Fehler wurden direkt nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Systems gemacht und resultieren aus einer Fehleinschätzung.

    1. Man dachte wohl, ein  System, das sich durch seinen Zusammenbruch selbst absurdum führte,  könnte keine neuen Anhänger finden. Irrtum eins, weil er ausschließlich auf die menschliche Vernunft setzt.

    2. Fehler zwei war es, den dreckigen SED-Kadern zu ermöglichen, Kritik an ihnen und ihrem diktatorischen System als Kritik auf ALLE DDR-Bürger umzumünzen und so ehemalige DDR-Bürger, die es eigentlich besser wüssten müssen, auf ihre Seite brachten. Man hätte bei der Kritik auf diese Trennung von Führug und Volk scharf achten sollen.

    3. Der dritte Fehler liegt m.E. in der BRD selbst. Die schlimmsten Salonbolschewiken und linken Träumer lebten und leben hier. Menschen, die mit roten Diktaturen liebäugeln, sie verharmlosen und ihre Verbrechen herunterschreiben, schlicht weil sie nie hautnah die furchtbare Politik eines solchen Systems leben mussten [die Einwanderung dieser Leute in rote Diktaturen hält und hielt sich ja auch immer in sehr sehr engen Grenzen].  In Verbindung mit den alten SED-Kadern ergeben sie eine unveilvolle linke Seilschaft.

    Diese drei Punkte wurden nicht bedacht und deshalb wirksame Gegenmaßnahmen nicht ergriffen.  Und deshalb hat man das Problem, dass alte SED-Kader sich heute in jeder Talkshow präsentieren dürfen und als “demokratische” Politiker medial hofiert und damit legitimiert werden.

  • Freidenker:

    Ich bin gewiss kein Freund der Linken,
    aber Herr Gysi, Frau Wagenknecht und Herr Lafontaine machen in Talkshows immer eine recht gute Figur, rethorisch und beim Anstand, ohne den ein sachliches Gespräch nun mal nicht zu führen ist, sind sie den meisten etablierten Politiker weit voraus.
    Auch hat Lafontaine mit vielen Dingen Recht behalten, Kosten der Einheit, Zusammenbruch des Finanzsystemes,……

  • Freidenker:

    @ Judith

    ich glaube die Leute in der DDR sind der Westpropaganda auf dem Leim gegangen, die meisten kannten die BRD und den Westen nur aus dem Fernsehen, “Schwarzwaldklinik,Traumschiff”,…. und wie die Serien alle damals hießen hatten mit der Realität wenig zu tun.
    Und beim Westbesuch hat der Bandarbeiter beim Daimler vor der Ostverwandschaft mit dem Jahreswagen geprahlt, und so getan als ob er Graf Rotz persönlich wär.
    Dann die Versprechungen von den blühenden Landschaften, Begrüßungsgeld und Umtausch der Ersparnisse nach der Devise es ist genug für alle da, taten den Rest.
    Nun stellen viele fest das sie auf eine Scheinwelt reingefallen sind, und sehnen sich nach der “guten alten Zeit”.

  • Freidenker:

    Hinzu kommt das es keine Revolution im eigentlichen Sinne war,
    es ging für die meisten um Teilhabe an der Scheinwelt des Westens, D-Mark und Urlaub auf Malle.
    Ich kann mich noch an den Spruch erinnern,”kommt die D-Mark nicht zu uns, kommen wir zu ihr”.

  • Freidenker:

    Eine gelungene Revolution setzt das streben nach neuen Werten vorraus, die dann von der Revolutionären selbst umgesetzt werden.
    Aber so war es nichts als die Forderung nach anschluss an die BRD.

  • Sir Toby:

    # Freidenker

    “Eine gelungene Revolution setzt das streben nach neuen Werten vorraus, die dann von der Revolutionären selbst umgesetzt werden.”

    Das allerdings haben wir (im Westen) in der Tat zu bieten – mit den Achtundsechzigern. Die streben ja nun wirklich nach neuen Werten und haben sie in den letzten 30 Jahren auch schon fleißig umgesetzt. Wovon sich jeder überzeugen kann, wenn er mit offenen Augen durchs Land geht.

  • Freidenker:

    # Sir Toby

    Insofern ist es den 68ern ja gelungen, beim Marsch durch die Institutionen hatten sie einen langen Atem,  aber halt auch den Geldbeutel von Papi im Rücken, und die ideologische Unterstützung durch die DDR Stasi und co.
    Nur die wertlosigkeit der Ostmark hinderte sie daran den Anschluss an den Osten zu fordern.  ;-)

  • Sir Toby:

    # Freidenker

    Ja, und jetzt haben sie auch noch den Geldbeutel der SED im Rücken – das ist in jedem Fall eine schöne Wegzehrung. Da läßt es sich trefflich von einer neuen, gerechten … blablabla – Welt philosophieren.

  • Freidenker:

    #Sir Toby

    Nur wenn man selbst aktiv für Umverteilung ohne Maß und Ziel einsteht
    lässt sich das eigene Luxusleben so richtig genießen, ganz ohne schlechtes Gewissen.
    Nach der Devise ” ich bin zwar reich, aber ich darf das, denn ich bin für” reichtum für alle”. ;-)

  • @ Freidenker

    nach der “guten alten Zeit”.

    Mauertote, Internierungslager  und Rundumbespitzelung bei gleichzeitiger Mangelwirtschaft? Armut für alle? – außer für SED-Größen natürlich.

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