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Erinnerung an den gestrigen Volkstrauertag

Der gute Kamerad

Ich hatt’ einen Kameraden,
Einen bessern find’st du nit.
Die Trommel schlug zum Streite,
Er ging an meiner Seite
In gleichem Schritt und Tritt.

Eine Kugel kam geflogen,
Gilt’s mir oder gilt es dir?
Ihn hat es weggerissen,
Er liegt mir vor den Füßen,
Als wär’s ein Stück von mir.

Will mir die Hand noch reichen,
Derweil ich eben lad’.
Kann dir die Hand nicht geben,
Bleib du im ew’gen Leben
Mein guter Kamerad!

Text: Ludwig Uhland / Weise: Friedrich Silcher (nach einem Schweizer Volkslied)

39 Kommentare zu „Erinnerung an den gestrigen Volkstrauertag“

  • Mcp:

    Frau Clauß von der CDU sieht das ein wenig anders:

    “Sozialministerin Christine Clauß (CDU) hat zum Kampf gegen jede Form von Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit aufgerufen. «Setzen wir ihr Humanität, Verständnis und Solidarität entgegen», sagte sie am Sonntag in einer Gedenkstunde zum Volkstrauertag im Landtag in Dresden. «Das Gedenken an die Toten sei auch Mahnung, aus der Vergangenheit Schlüsse für die Gegenwart zu ziehen und danach zu handeln, mahnte Clauß.”

    Quelle: Bild

    Traurig. Oder?

  • Wahnfried:

    Naja, CDU eben…

  • Johann Ludwig „Louis“ Uhland (* 26. April 1787 in Tübingen; † 13. November 1862 ebendort) war ein deutscher Dichter, Literaturwissenschaftler, Jurist und Politiker. (WIKI)
    Was hat denn CDU damit zu tun?
    Hallo – 1825 wurde das als Lied vertont und hat auch mit dem 3. Reich nichts zu tun, sondern nur mit den gefallenen Soldaten der jeweiligen Kriege.
    Etwas mehr an Gedanken über die Toten und als Mahnung derer wäre schon angebracht.
    Gruß
     
    Honigmann
     

  • Anna Luehse:

    Der Volkstrauertag wurde offenkundig in diesem Jahr von vielen Politikern mißbraucht, um ihr zeitgeistliches Kriechertum zu propagieren.  Auch Innenminister Herrmann, Bayern sprach:

    …”Die NS-Diktatur hatte mit ihrer menschenverachtenden Ideologie unendliches Leid über Europa gebracht. Die Jahre 1933 bis 1945 haben gezeigt, welche Folgen politischer Extremismus und Fanatismus haben kann. Mein Appell gilt daher heute besonders den jungen Menschen: Kämpfen Sie für Demokratie und Freiheit! Scheuen Sie nicht die Auseinandersetzung mit dunklen Kapiteln der deutschen Geschichte und beziehen Sie klar Stellung gegen nationalistische oder sonstige extremistische Irrlehren. Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit. Wir müssen tagtäglich für sie eintreten und kämpfen.”

    http://www.stmi.bayern.de/presse/archiv/2009/475.php

  • Anna Luehse:

    Nachtrag
     

    Wir werden im Kampf gegen den Rechtsextremismus nicht nachlassen. Für das Nazi-Gesindel darf es bei uns keine Freiräume geben”, sagte Innenminister Joachim Herrmann bei der Landesfeier des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge zum Volkstrauertag 2009 in München.

  • Die junge Freiheit hatte gestern eine Bildstrecke anlässlichs unseres Volkstrauertags. Eines davon zeigt das Denkmal für die in Kriegsgefangenschaft nach 1918 gestorbenen deutschen Soldaten in Freiburg – ein Vorher und ein Nachher Bild. Es wurde, wie so viele Kriegs-Denkmäler, restlos beschmiert.

    Und genau das ist kaum einer der medialen Massenblätter auch nur eine Zeile wert.  Wie es eben auch kaum eine Zeile wert ist, wenn christliche Kirchen beschmiert, ihre Inneräume zerstört werden.

  • Freidenker:

    Wenn ein Mensch der sein Leben damit verbracht hat Bälle zu fangen beredigt wird, dann müssen millionen Tote halt mal zurückstehen.
    Die Götzenverehrung des Fußballes und die Medienmacht beherscht die Masse, es ist unglaublich.
    Es grenzt schon fast an ein Wunder das bei Enkes Beerdigung nicht noch eine Schweigeminute für den Kampf gegen Rechts eingelegt wurde.
    Nicht falsch verstehen der Tod Enkes ist tragisch, aber der Rummel darum lässt tief blicken wie es um uns bestellt ist.

  • @ Freidenker

    Ich finde den Rummel um Enkes Selbstötung abstoßend, genauso abstoßend wie Enkes Vorgehen, der nicht einmal dazu eigenverantwortlich in der Lage war, sondern noch einen vollkommen unschuldigen Lokfahrer missbrauchte. Wer jemals mit Menschen gesprochen hat, die von Suizidanten benutzt wurden, [Lokführer, Autofahrer etc.] der weiß, wie traumatisiert danach die meisten von ihnen sind.

  • virOblationis:

    Anna Luehse teilte mit, was Bayerns Innenminister Joachim “Kampf gegen rechts” Hermann kund tat:
    “‘Mein Appell gilt daher heute besonders den jungen Menschen: Kämpfen Sie für Demokratie und Freiheit! … Wir werden im Kampf gegen den Rechtsextremismus nicht nachlassen. Für das Nazi-Gesindel darf es bei uns keine Freiräume geben’, sagte Innenminister Joachim Herrmann bei der Landesfeier des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge zum Volkstrauertag 2009 in München.”
    Heißt letztendlich im Klartext:
    “‘Mein Appell gilt daher heute besonders den jungen Menschen: Kämpfen Sie für die Verwestlichung Deutschlands! … Wir werden im Kampf gegen alles Traditionelle und Volkstümliche nicht nachlassen. Für die eigene Vergangenheit darf es bei uns keine Freiräume geben’, sagte Innenminister Joachim Herrmann bei der Landesfeier des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge zum Volkstrauertag 2009 in München.”
    Die NS-Diktatur ist nur zum geringen Teil mit dem identisch, was der “Kampf gegen rechts” im Visier. hat.

  • Freidenker:

    @ Judith

    Ich mach ihm keinen Vorwurf, aber eine edle Art abzutreten war es wohl nicht, sofern es sowas überhaupt gibt.
    Aber das Menschen heulen wenn Mensch stirbt den sie nie im Leben persönlich getroffen haben, den sie also nur duch die Medien kennen,  das zeigt wie viele schon in einer Plastikwelt leben.
    Und ich rede nicht von histerischen Teenys, bei denen sich das noch rauswächst.
    Das sich so ein Ereignis mit dem Volkstrauertag überschneidet, und ein Ex-Kanzler bei Enkes Beerdigung dabei ist, während der Hosenanzug ein paar Tage zuvor bei Sarko sich mal wieder für die schlimmen Deutschen entschuldigt spricht Bände.
    Kannte Schröder den Enke überhaupt, oder wollte er einfach mal wieder mit Doris große Gefühle erleben ???

  • Sir Toby:

    # virOblationis

    Was soll denn da noch bekämpft werden? Ist doch nichts mehr da an Vergangenheit … die noch nicht ‘gesäubert’ wäre. Abgesehen von den Biographien diverser CSU-Politiker vielleicht…           :lol:

  • virOblationis:

    @ Sir Toby
    Eben. Die Vergangenheit wird nur als Popanz aufgebaut, um bestimmte politische Veränderungen in der Gegenwart zu verhindern.

  • virOblationis:

    @ Judith, Freidenker
    Was ich nicht verstehe, ist die Tatsache, daß man einen Gemütskranken in seinem unglücklichen Tode, in den er noch andere hineinreißt (Lokführer, Familie), geradezu zum Idol erhebt. Gerade höre ich, daß sein Tikot beim nächsten Fußballspiel auf der Ersatzbank (?) ausgelegt werden soll.

  • das zeigt wie viele schon in einer Plastikwelt leben.

    Nein, das zeigt, dass die natürliche Lebensform von Menschen die kleine Einheit ist, in der Jeder Jeden kennt – also der Clan oder, bei Sesshaften, das Dorf. Heute kann nicht mehr Jeder Jeden kennen, aber es kann immer noch Leute geben, die Jeder kennt, und deren Existenz daher Themen abgibt, über die Jeder mit Jedem sprechen kann. Die Trauer um Enke zeigt das Bedürfnis des Menschen, die Plastikwelt, in der er tatsächlich lebt, in ein Dorf zurückzuverwandeln, und bis zu einem gewissen Grad gelingt ihm das auch.

  • Freidenker:

    Es ist wohl eine Mischung aus der Sehnsucht nach Idolen,Identität, einem Gemeinschaftsgefühl, und emotionaler Armut im eigenen Umfeld.
    Und wie so vieles im Leben ist es für einige auch ein saugutes Geschäft.

    Einiges davon könnte man auch beim Volkstrauertag ausleben, aber das ist nur was für die pösen Rechten.

  • @ virOblationis

    Ich verstehe nicht, wieso Enkes Frau dieses entwürdigende Theater mitträgt. Wieso sie ihren Mann im Fußballstadion aufbahren ließ, anstatt der Familie Gelegenheit zu geben, im stillen Kreis Abschied von ihm zu nehmen und zu beerdigen. Danach hätten die “Fans” ja pilgern können, wie das unzählige vor ihnen taten, wenn ein Idol gestorben war.

    Der Medienrummel,  na ja. Ich denke, Freidenkers Analyse [gutes Geschäft etc.] trifft es da am Besten.

  • vakna:

    @Manfred:
     
    Die Erklärung hat was…
    So gesehen wird einiges klarer.

  • Wahr-Sager:

    @Judith:

    Wer jemals mit Menschen gesprochen hat, die von Suizidanten benutzt wurden, [Lokführer, Autofahrer etc.] der weiß, wie traumatisiert danach die meisten von ihnen sind.

    Ich habe vorhin mit einem Freund gesprochen, der genau das Gleiche sagte. Über den Lokführer wird in den Medien kaum gesprochen, er kann selbst mit seinem Trauma fertig werden. Statt dessen gibt es einen nicht zu überbietenden Medienrummel um einen depressiven Selbstmörder, weil es offenbar momentan keine aufsehenerregendere News gibt.
    Nicht missverstehen, eine Depression ist eine ernstzunehmende Krankheit, die leider oft genug bagatellisiert wird, aber was hier medial zelebriert wurde, ist schon nicht mehr normal.

  • Canuck:

    Mein Appell gilt daher heute besonders den jungen Menschen: Kämpfen Sie für Demokratie und Freiheit! Scheuen Sie nicht die Auseinandersetzung mit dunklen Kapiteln der deutschen Geschichte und beziehen Sie klar Stellung gegen nationalistische oder sonstige extremistische Irrlehren. Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit. Wir müssen tagtäglich für sie eintreten und kämpfen.”

    In nur wenigen Jahren wird es jedem klar welche Zeitspanne hier angesprochen wird.

    Dunkle Kapitel 

    etwa 33 bis 45?

    Es war schon recht trübe von 1918 vorwärts und was sich nun zunehmend als schwarze Wetterfront abzeichnet wird zur totalen Finsternis, Total Finsternis.
    Dagegen wird 33 bis 45 noch als Lichtblick empfunden werden.
     

    extremistische Irrlehre .
    Wir müssen tagtäglich für sie eintreten und kämpfen.”

    Ja das tun sie, mit Impertinenz…

  • virOblationis:

    In den sechziger / siebziger Jahren mit ihrem kaum gebremsten Fortschrittsoptimismus wurde “Kaiser Franz” zum Idol erhoben, heute ein Selbstmöder. Was sagt dies über unsere Zeit?
     

  • Sir Toby:

    # vir Oblationis

    Was sagt dies über unsere Zeit?
     
    Daß wir versuchen sollten unseren Idolen nachzueifern??

  • Sir Toby:

     Seltsame Erfahrung. Bei karl eduards kanal den Filmschnipsel über Volkstrauertag 1932 gesehen … prompt fing es in mir an zu rumoren. Es waren aber keine Blähungen, wie der klassische Linke wohl vermuten müßte. Was war es dann? Ja, ich weiß auch nicht so genau …. es stieg jedenfalls irgendwie hoch …. in mir – und oben angekommen waren es  – ? – …. Tränen. Warum, Weshalb, Wieso … auch immer – es war auf alle Fälle ein Unterschied zur BRD. Und ich realisierte einmal mehr – sozusagen im Zentrum meiner Emotionen – den Unterschied der BRD zu  …. allem was vor ihr war: Die BRD ist mir so gleichgültig, daß ich sie nicht einmal hassen kann.

  • @ Sir Toby

    Hast du zu dem Film-Schnipsel vom Volkstrauertag 1932 einen Link?

  • Sir Toby:

    # Canuck

    Mein Appell gilt daher heute besonders den jungen Menschen: Kämpfen Sie für Demokratie und Freiheit! Scheuen Sie nicht die Auseinandersetzung mit dunklen Kapiteln der deutschen Geschichte und beziehen Sie klar Stellung gegen nationalistische oder sonstige extremistische Irrlehren. Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit. Wir müssen tagtäglich für sie eintreten und kämpfen.”

    Der letzte Satz ist falsch. Jedenfalls aus der BRD-Perspektive. Richtig lautet er: Wir müssen tagtäglich auf sie eintreten und sie bekämpfen. Das jüngste BVerfG-Urteil geht da ja schon mal die richtige Richtung.

  • Sir Toby:

    # Judith

    Keine Ahnung, ob das ein direkter Klick ist? Ich versuchs einfach mal …

    http://karleduardskanal.wordpress.com/page/2/

    … wenn Du damit nur auf die Archivseite 2 kommst, dann ist es der letz te Beitrag auf dieser Seite. Nach Schluß der Seite verschwindet der Beitrag dann wieder ins youtube-Universum und es tauchen noch andere Schnipsel (Ja, ich wollte wirklich erst ‘clip’ schreiben, aber als ich bei ‘cl’ war fiels mir irgendwie auf und ich habe fast aus Trotz heraus ‘Schnipsel’ geschrieben) auf … ein Marsch des ‘Stahlhelm’ und anderes. Keine Ahnung wie man direkt auf diese Dinger kommt…

    Ich hab auch keine Ahnung, warum ich so reagiert habe wie ich reagiert habe. Aber das ist ja immer so: Wenn man sich das ICH als eine Membran vorstellt, die zwischen Unbewußtem und Bewußtem aufgespannt ist, dann können – bei Konfrontation mit bestimmten Formen aus der Welt des Bewußten (also unserer derzeitigen äußeren Wirklichkeit) nur dann Empfindungen wahrgenommen … emp-funden … werden, wenn die Form einen (unsichtbaren) Inhalt (des Unbewußten) repräsentiert, zu dem die Membran des ICH aufgrund ihrer Konstruktion (auf deren Tatsächlichkeit das in dieser Welt befindliche ICH wiederum keinen Einfluß hat!) tatsächlich in Resonanz steht. Ich kann eigentlich auch nur aus dem Vergleich zwischen dem Volkstrauertag BRD und diesem Filmschnipsel sagen: Ich stelle bei mir eine Resonanz fest zu dem Inhalt, der in dieser Form (aus dem Jahr 1932) sich artikuliert – und bei der BRD-Variante ist  … einfach nix da. Bei mir.

  • Sir Toby:

    # Judith

    Nein, es ist leider kein direkter Klick. Aber falls Du, die Du dich damit wohl besser auskennst, irgendwie das Geheimnis löst, wie man diese alten Schnipsel direkt verklicken kann, wäre es schön, wenn Du mich daran teilhaben lassen könntest.

  • Sir Toby:

    # Judith

    Ach, noch was fällt mir gerade ein. Ein Vergleich, den meine Mutter immer mal wieder gebracht hat und den ich irgendwie nie so richtig einordnen konnte. Die sagte dann immer sowas wie: Also das Brot … hat früher irgendwie ganz anders geschmeckt! Und irgendwie können wir das wohl auf die ganze Welt übertragen in der wir heute leben: Sie ist super! Supertoll, Supersüß, Supersexy … – aber sie macht einfach nicht satt. Und irgendwie schmeckt alles nach … nichts.

  • Sir Toby

    Und irgendwie schmeckt alles nach … nichts.

    Ja, das ist wie ein Menue, das man ißt, obwohl man gar keinen Hunger hat- es schmeckt nach nichts. Wie ein Glas Wein, das man trinkt, wenn man schon restlos betrunken ist – es schmeckt nach nichts. Wie riesige Trauerfeiern, obwohl man den Toten gar nicht kannte – die hysterischen Ausbrüche “schmecken” nach nichts.

    Diese irrationalen Gefühlsausbrüche bei gleichzeitig immer größeren Abgestumpftheit gegenüber realer Gewalt, das ist skurril, ver-rückt und hat in den letzten Jahren m.M.ständig zugenommen.

    Der Direktlink zu dem Volkstrauertagvideo von 1932.  Du hast Recht, der Unterschied ist gewaltig.

  • Anna Luehse:

    http://www.youtube.comwatch?v=BGa04BHj3dg

    Direkter Link zu youtube – danke an Sir Toby

  • virOblationis:

    Gestern schrieb ich: “In den sechziger / siebziger Jahren mit ihrem kaum gebremsten Fortschrittsoptimismus wurde “Kaiser Franz” zum Idol erhoben, heute ein Selbstmöder. Was sagt dies über unsere Zeit?”
    Diese Frage beschäftigt mich nach wie vor. – Heute Morgen hörte ich eine interessante Meinung dazu: Der jetzt als Idol verehrte Tote hatte großen Erfolg als Sportler (u.a. Torhüter der Nationalmannschaft), dennoch litt er unter Depressionen. Ahnen vielleicht viele Menschen, daß die Erfolge der BRD (u.a. “Exportweltmeister”) ebenso nichtig sind, und sehen sie einen Abgrund vor sich?
     
     

  • @ virOblationis

    Ich weiß nicht, was die 30 000 [oder wieviele es waren] bewogen hat – ich würde eine Menschenmasse auch nicht automatisch als Einheit ansehen, als Kollektiv, dessen Trauer – besser wohl: Projektion – in einem gemeinsamen Motiv wurzelt. Das vorweg.

    Ist es aber nicht so, dass nach den Jahren des Aufbaus, des Vorwärts  in der BRD eine Kultur des Kranken, des Toten, eine Kultur der Gewalt, der Panik und des Armageddon zur regelrechten Massenbewegung wurde. “Mach kaputt was dich kaputt macht”.  Die Forderung nach einem “Paradies auf Erden, in dem alle Menschen Brüder sind”. Was zwangsläufig, weil es das Paradies auf Erden nicht gibt, eine Dauernörgelei, ein ständiges  “sich betrogen fühlen” evoziert.

    Im Kroatischen gibt es einen Trinkspruch: živjeli.

    Übersetzt bedeutet das soviel wie “er möge leben” aber auch “auf das Leben”. Dabei hebt man das Glas in die Höhe und schaut seinem Gegenüber fest in die Augen. živjeli – auf das Leben. Ein Äquivalent dazu wirst du im Deutschen nicht finden.

    Zum Abschluss eine Gegenfrage Vir. Wo verortest du die Gründe für diese ver-rückte Trauerfeier für einen Selbsttöter, für einen, der das Leben nicht mehr wollte.

  • virOblationis:

    @ Judith
    Ich weiß es nicht. Vielleicht eine allgemeine Depression? Wie Du auch schriebst: “…eine Kultur des Kranken, des Toten, eine Kultur der Panik und des Armageddon…” Gefördert nicht nur durch das Scheitern des Fortschrittsglaubens, sondern u.a. auch durch beständige Katastrophenmeldungen (wie Waldsterben, Klimakatastrophe), die eine Bedrohung darstellen, der man als einzelner nie begegnen kann – wodurch man der Freude an der Natur beraubt wird. Hinzu kommt die Zerstörung der gewachsenen Städte und ihre Ersetzung durch Eintönigkeit in Beton und Glas – der Raub der Freude an der Schönheit. Die Zerstörung der Religion durch Beliebigkeit – der Raub der Freude am Glauben. etc etc.
     

  • @ vir Oblationis

    Was mir beim Thema Enke auch auffällt, ist, wie häufig darauf hingewiesen wird, dass der Mann ein Kind verloren hat. Das andere Ende, dass ein Kind [er hat noch eine acht Monate alte Tochter] jetzt einen Vater verloren hat, kommt in kaum einem Gespräch vor.

    Und dieser Vater, dieser Ehemann, schied freiwillig aus dem Leben – er erlag nicht einer schweren Krankheit oder einem Unfall.  Weißt du welche Botschaft ein Selbstöter seinen Angehörigen hinterlässt, vir? Überspitz formuliert: Ihr seid es mir nicht wert um weiterzuleben.

    Hast du mal mit Angehörigen gesprochen, die einen Vater, eine Mutter, ein Kind durch Selbstötung verloren haben`? Die Verzweiflung, die Schuldgefühle sind ungeheuer groß.
    Das aber bleibt in den öffentlichen Diskussionen, wie jetzt auch bei Enke, immer außen vor. Und das ist m.E. typisch für die BRD.

    Das Hauptmerkmal einer Depression ist übrigens das “ständige Kreisen um den eigenen Bauchnabel”, eine Fixiertheit auf das eigene Leid bei gleichzeitig fast vollständigem Verlust echter Empathie. 

    Das sind auch die Merkmale einer restlos “individualisierten” Gesellschaft. Von daher könnte deine Einschätzung eine weit verbreiteten “Depression”  vielleicht stimmen.

  • Wahr-Sager:

    Judith, das ist nicht richtig. Eine Depression hat nichts mit einer Ich-Fixiertheit zu tun, sondern ist Ausdruck einer inneren Leere, die sich in Niedergeschlagenheit und Unlust bemerkbar macht. Zu sagen, dass Depressive auf das eigene Leid fixiert wären und (fast) nicht fähig zu echter Empathie, ist eine pauschalisierende Aussage und somit falsch.
    Vielmehr sind gerade Depressive sensibler als ihre nicht-depressiven Mitmenschen und haben eine verstärkte Wahrnehmung, so dass sie auch anfälliger sind gegenüber negativen Äußerungen.

  • @ Wahr-Sager

    Ok. Du schreibst u.a.: so dass sie auch anfälliger sind gegenüber negativen Äußerungen.

    Das ist recht allgemein, mach es für mich als Laiin mal konkreter.  Anfälliger gegenüber negativen Äußerungen, ok.  Negative Äußerungen gegen wen: Gegen sie selbst, gegen andere?

    Und wenn Enke, der ja, so wird geschrieben, an Depressionen litt, mehr Empathie besaß als Nicht-Depressive, wieso

    a. tötet er sich selbst. Man braucht ja nicht viel Fantasie um sich vorzustellen, was das für die eigene Frau, den eigenen Mann, das Kind, Vater,Mutter etc. bedeutet  und

    b. wieso benutzte er dazu einen Lokfahrer.  Wie traumatisierend das für den Lokführer ist, dazu braucht man ja auch nicht viel Fantasie.

    Wie passt das zusammen?

  • Wahr-Sager:

    @Judith:
    Depressive sind aufgrund ihrer Verstimmung und negativen Lebensbetrachtung in ihrem Selbstwertgefühl wesentlich mehr beeinträchtigt als Nicht-Depressive, so dass selbst eine an sich harmlose und scherzhafte Bemerkung für sie als persönlicher Angriff gewertet werden kann.
    Was bitte hat es damit zu tun, weniger Empathie als andere besessen zu haben, weil man sich selbst getötet hat? Ich verstehe den Zusammenhang nicht, denn das könnte man ja auch auf einen beliebig anderen Fall übertragen, in dem die Ausweglosigkeit zu einem Suizid geführt hat, z. B. bei einem Krebskranken, der es vor lauter Schmerzen nicht mehr aushalten kann. Liebte er nun wegen seiner Entscheidung seine Familie weniger?
    b. ist ein ganz anderer Punkt, zumal sich nicht alle Depressive vor einen Zug werfen. Dass das sehr egoistisch ist und den Zugführer traumatisiert, muss nicht betont werden. Es ging hier aber um deine Aussage, dass Depressive echte Empathie (fast) nicht kennen würden – das ist eine Pauschaläußerung, die genauso auf jeden Nicht-Depressiven zutreffen kann.

  • @ Wahr-Sager

    Ok, ich habe deinen Blickwinkel jetzt verstanden. Eventuell sollten wir beide auch erst einmal klären, was jeder von uns unter Empathie versteht.

    Aber, excuse moi, ich muss mich jetzt erst mal ausklinken, weil die Arbeit ruft.  Schönen Abend noch dir und allen.

  • Wahr-Sager:

    @Judith:
    Danke, ebenso – bzw. angenehme Arbeit. Bis dann.
    Unter Empathie verstehe ich übrigens die tatsächliche Definition: das Hineinversetzen in andere, ohne deren Gefühle unbedingt teilen zu müssen.

  • virOblationis:

    In einem Gespräch bekam ich heute noch einen interessanten Hinweis auf Parallen zum Idol Enke: So gab es vor etlichen Jahren auch todgeweihte Heroinsüchtige, die als Stars verehrt wurden, so Jimi Hendrix und Janis Joplin, und wohl auch Selbstmörder aus “Kultbands”; Näheres weiß ich nicht. Bemerkenswert aber scheint mir, daß dies früher der Sub-Kultur zugerechnet wurde, fern der Mitte der Gesellschaft.

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