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Ein Pyrrhussieg

Die Vorfahren des Vaters Getrud von le Forts waren piemontesische Waldenser, die nach Savoyen zogen und dort als Reichsfreiherren residierten, bis sie im 16. Jahrhundert, um sich der Reformation anzuschließen, nach Genf übersiedelten und ihren Namen li Forti in le Fort änderten. Als Soldaten gingen zahlreiche Angehörige der Familie außer Landes. So gelangte der Urgroßvater des Vaters der Schriftstellerin während des Nordischen Krieges (1700 – 1721) von Rußland aus nach Mecklenburg, wo er sich niederließ. Gertrud von le Forts Vater, ein preußischer Offizier, fühlte sich in religiöser Hinsicht kaum an die protestantische Gemeinschaft gebunden, dafür orientierte er sich an Kantischer Ethik, ohne deshalb überlieferte kirchliche Gebräuche in Frage zu stellen. Drei Jahre nach dem Einsatz im Krieg gegen Frankreich (1870 – 1871) heiratete er. Seine an Kunst interssierte und religiös dem Pietismus nahestehende Gattin entstammte väterlicherseits dem märkischen Adel, mütterlicherseits aber dem fränkischen Bürgertum Würzburgs. Lothar und Elsbeth von le Fort wurden Eltern dreier Kinder; deren ältestes ist die 1876 geborene Freiin Gertrud von le Fort (geb. 1876, gest. 1971) gewesen. Des Öfteren hatte die Offiziersfamilie umzuziehen, von einem Standort zum weit entfernten nächsten. Die Kinder wurden anfangs im Hause unterrichtet und besuchten erst später eine Schule.

Nachdem Lothar Freiherr von le Fort 1902 verstorben war, wagte es die Mutter, ihre Kinder mit zeitgenössischer Literatur bekanntzumachen, wozu Fontane und Ibsen gehörten, aber auch Gottfried Keller. Gertrud von le Fort unternahm mehrere Reisen in den deutschen Süden, nach Wien, und darüber hinaus nach Italien (Venedig, Genua, Florenz, Rom). Schon zuvor hatte sie begonnen zu schreiben. Ab 1893 hatte Getrud von le Fort bereits eigene literarische Werke publiziert, auf Grund derer sie sich 1908 immatrikulieren durfte, obwohl sie kein Abitur abgelegt hatte. So studierte sie sechs Jahre lang in Heidelberg und Marburg Evangelische Theologie, Philosophie und Geschichte, ohne einen Abschluß anzustreben. – Im 1. Weltkrieg diente Gertrud von le Fort zeitweise als Rot-Kreuz-Schwester.

Elsbeth, Freifrau von le Fort starb 1918 auf ihrem Mecklenburger Gut an der Grippe wenige Tage vor dem Kriegsende, da eine Niederlage Deuitschlands außerhalb ihres Vorstellungsvermögens lag. Gertruds Bruder nahm in Mecklenburg am Kapp-Putsch teil und floh nach dessen Scheitern (1920). Das Gut der Familie wurde vom Freistaat Mecklenburg-Schwerin eingezogen und verkauft. Gertrud von le Fort zog nach Baierbrunn im Tal der Isar (1922). Sie wandte sich der Katholischen Kirche zu und veröffentlichte ihre „Hymnen an die Kirche (1924)“, durch die sie schlagartig zu einer bekannten Schriftstellerin wurde. Sie selbst betrachtete hernach alles zuvor von ihr Verfaßte als Frühwerk, das nicht wiederaufgelegt werden sollte.

Die „Hymnen an die Kirche“ verbinden die Sprache des Expressionismus mit derjenigen deutscher Psalmenübersetzungen. Wie sehr diese Dichtung vom Tonfall der zwanziger Jahre geprägt ist, bemerkt man deutlich, wenn man die exaltierte Sprache der „Hymnen“ mit der nüchternen Ausdrucksweise der nachträglich hinzugefügten „Litanei zur Regina Pacis“ vergleicht, die sich wenig von der Sprache der von der Kirche während der Nachkriegszeit beauftragten Übertragungen von Gebete ins Deutsche unterscheidet.

Die „Hymnen“ bilden ein Zweigespräch zwischen der Seele und Gott, der ihr durch die Kirche antwortet. Der Mensch findet sich vor ohne Beziehung zu Gott: „…es fällt kein Strahl von dir in meine Tiefen“1. Ihm fehlt eine natürliche Gotteserkennntis. Er erkennt, daß ihm jeder Hinweis auf Gott fehle: „außer der Wunde in meinem Geist -“2. Wie in der Theologie Luthers gilt der Glaube als etwas der Vernunft Entgegengesetztes: „Mitten durch meinen Verstand ging seine (sc. des Schwertes des Glaubensgesetzes) Schärfe, mitten durch die Leuchte meiner Erkenntnis.“3 Und wiederum wie bei Luther wird der Mensch zuerst in die Verzweiflung getrieben, zu Nichte gemacht, bevor ihn die tröstliche Botschaft des Evangeliums erreicht: „…furchtbar ist das Gesetz des Glaubens“4. Die Erlösung steht in einem Gegensatz zur Natur, Gott im Gegensatz zur Schöpfung: „Ich bin…geworden zur Gewalt an deiner Natur.“5 Dem entsprechend haben die Heiligen mit dieser nichts mehr gemein: „Du sonderst sie (sc. die Heiligen) aus den Gesetzen der Kreatur aus…“6

Von dieser protestantischen Position aus strebt Le Fort nach dem katholischen Glauben, wurden doch die Hymnen vor ihrer Konversion und zu deren Vorbereitung verfaßt. Tatsächlich korrigiert sie vorige Irrtümer: „Du (sc. Christus) bist wie ein Aufblühn unserer Heimat, Du bist wie ein Lichtwerden unserer dunklen Vernunft.“7

Doch schließlich verfeht Le Fort leider ihr Ziel, indem sie sich am katholischen Bekenntnis vorbei zur Allerlösungslehre verirrt. „Ich (sc. die Kirche) bin die Straße aller Straßen: auf mir ziehen die Jahrtausende zu Gott!“8 Dies könnte man noch in rechtgläubigem Sinne verstehen. Doch weiter heißt es: „Er schenkt ihr (sc. Christus der Kirche) alle Seelen seiner Herrschaft, er schenkt ihr noch die verlorenen Seelen zur Seligkeit.“9 Dieser Satz kann kaum anders als im Sinne der Allerlösung verstanden werden, und solche Deutung bestätigt Le Fort mit der Anrufung: „Du Herz [Jesu], an dem die ganze Welt zu deinem Volke wird…“10 – 1926 wurde die fünfzigjährige Schriftstellerin zu Rom in die Kirche aufgenommen.

Gertrud von le Fort identifiziert Natur und Gnade. So schreibt sie ganz im Sinne der Allerlösungslehre: „die anima chistiana naturaliter ist es, aus der jede echte Dichtung strömt.“11 Doch mache dies den Glauben nicht einfach überflüssig, denn die große Dichtung entstehe erst dort, wo man sich der eigenen Natur bzw. Begnadung auch bewußt sei: „Der heutige Mangel an wirklich ganz großen dichterischen Schöpfungen ist (also) weniger in der geringeren Begabung spätgeborener Menschen zu suchen als in der Abwendung dieser Begabungen von dem eigentlichen Quell des Lebens.“12

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Gertrud von Le Fort akzeptiert nicht die Grenzen zwischen einander ausschließenden Geisteshaltungen, sie will die Verschiedenheit von Katholiken und Protestanten (Doktor Reinhart Bake13 in: „Die Magdeburgische Hochzeit“, 1938), Christen und Juden (Petrus Pier Leonis14 in: „Der Papst aus dem Ghetto“, 1930), Gläubigen und Atheisten (Das Brautpaar Veronika und Enzio15 in: „Das Schweißtuch der Veronika“, 1928, 1946) nicht wahrhaben. Alle sollen im Einklang stehen mit dem dreifaltigen Gott, ob sie wollen oder nicht.

Allein denjenigen nimmt Le Fort – inkonsequenter Weise – von der Allversöhnung aus, der dieser Irrlehre widerspricht. Er ist ein von Gott verworfener „Pharisäer, als der einzige Menschentyp, dem Christus unnachsichtig begegnete…“ So fordert auch sie „eine volle, rückhaltlose Abwendung von allem hochmütig-richtenden Moralismus und Pharisäertum.“16.

Warum wird gerade derjenige als Pharisäer diffamiert, der Moral, gute Werke einfordert, Frucht von den gereinigten Reben?17 – Allzu nah steht Le Fort offenbar auch nach ihrer Aufnahme in die Katholische Kirche noch immer der reformatorischen Auffassung von der Gerechtigkeit „allein aus Glauben ohne des Gesetzes Werke“18 und der rigorosen Verwerfung der „papistischen“ Lehre von der Verdienstlichkeit guter Werke.

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Le Forts Novelle „Die Letzte am Schafott (1931)“ greift das Schicksal eines Konventes von Karmelitinnen auf, die während der Französischen Revolution den staatlich geforderten Eid ablehnten und zum Tode verurteilt wurden. Diese sechzehn Karmelitinnen von Compiègne wurden am 17. Juli 1794 in Paris durch die Guillotine hingerichtet und 1906 seliggesprochen. – Die Gestalt der Protagonistin Blanche de la Force hingegen, die sich ihnen am Blutgerüst anschließt, ist von Gertrud von le Fort erfunden worden.

In Form eines Briefes, den eine Pariserin im Oktober 1794 einer Emigrantin sendet, erzählt Le Fort vom Lebensweg der Blanche, deren Mutter bald nach der Geburt verstarb, eines stets überängstlichen Menschenkindes. Als Sechzehnjährige wird sie in den Karmel der Unbeschuhten zu Compiègne aufgenommen. Als Novizin erhält sie den Namen „de Jésus au jardin de l‘Agonie“, von Jesus im Garten der Todesangst.

Als der staatliche Verfolgungsdruck wächst, flieht Blanche de la Force. Sie gerät in Paris in den Strudel des Revolutionsgeschehens. Gleichzeitig wird ihr Voltaire verehrender Vater, der Marquis de la Force, von den Revolutionären dort eingekerkert und kommt in den ersten Septembertagen des Jahres 1792 um („Septembermorde“). – Der Konvent der Unbeschuhten Karmelitinnen von Compiègnes wird unter einem Vorwand im Juni 1794 verhaftet, nach Paris geschafft und die ihm angehörenden Schwestern zum Tode verurteilt. Als sie sich der Gullotine nähern, steht Blanche in der Menge der Schaulustigen; wie sie die Zeit seit dem Spätsommer 1792 verbracht hat, bleibt unklar. Während die Schwestern des Konventes hingerichtet werden, singen sie den Pfingsthymuns „Veni creator spiritus“19. Er verklingt mit der Enthauptung der letzten Karmelitin ohne das abschließende Gloria Patri. Dieses stimmt daraufhin Blanche an und wird vom Pöbel erschlagen, bevor sie noch das Amen herausbringt.

Gertrud von le Fort erfindet noch eine zweite Gestalt hinzu, sozusagen das Spiegelbild der schwachen Blanche, die aus königlicher Familie stammende, wenn auch unehelich geborene Novizenmeisterin Marie de l‘Incarnation, „die Seele des Opferwillens aller“ Schwestern des Konventes. Sie entgeht der Verhaftung und damit auch der Hinrichtung. Gerade die Opferbereiteste bekommt somit keinen Anteil am Martyrium des ganzen Konventes.

Im Verhalten der Blanche „geht es nicht um den Sieg des Menschen über die Todesangst, sondern um den Sieg der Gnade über diese, …die reine, fast unbegreifliche Gnade Gottes… [Die Protagonistin] ist eine bis ins Letzte zerstörte Persönlichkeit…[ohne] Klarheit der Verantwortlichkeit“ für ihr eigenes Tun.20 Es geht um „die Erweisung der unendlichen Gebrechlichkeit all unserer Kraft und Würde“, wie es in der Novelle heißt – Aus der Schilderung des Todes der Blanche dort wird dies freilich nicht ersichtlich. Es heißt lediglich: „…dieses Gesicht…war völlig furchtlos: sie sang…ohne jedes Zittern…jubelnd wie ein Vögelchen…“ Le Fort verdeutlicht ihre Auffassng also erst nachträglich. Da aber wird klar, daß aus ihrer Sicht wie bei Luther der Mensch in geistlichen Dingen nichts vermag. Die Gnade eröffnet nicht dem Menschen ein Handeln, das über dessen natürliche Möglichkeiten hinausgeht, sondern sie ersetzt sein Handeln, sie wirkt an Statt seiner, der dies nicht vermag. Bezeichnender Weise spricht Le Fort wie Luther gewöhnlich von der Gnade im Singular, nicht von Gnaden.

Das Wirken höherer Mächte im Weltgeschehen wird bei Gertrud von le Fort nur insoweit erkennbar, als außergewöhnliche Ereignisse wie das Verhalten der Blanche im Angesicht der Hinrichtung ihrer Mitschwestern auf Gott zurückgeführt werden. Gott wirkt Wunder, aber die Lenkung des gesamten Geschehens durch die Vorsehung wird nicht thematisiert.

Gertrud von Le Fort verirrt sich dazu, die Gottgefälligkeit des Menschen schon dort zu erblicken, wo eine Umkehr noch gar nicht vollzogen ist. Die ängstliche Versagerin steht im Mittelpunkt des Interesses der Novelle „Die Letzte am Schafott“. So verliert sich Gertrud von Le Fort in den Wirrungen der modernen Theologie,21 die sich Zöllnern und Sündern als den vermeintlich Gottgefälligen zuwenden will, weil sie nicht mehr versteht, daß Christus jene nicht aufsucht, um sie in ihrer Gottesferne zu begleiten, sondern um sie zur Umkehr zu führen. Zwar entspricht es dem Willen Gottes, daß keiner dieser Kleinen verloren gehe (s. Matth. 18, 14), doch wer von denen in seiner Sündhaftigkeit verharrt, der „sei dir gleichwie der Heide und der Zöllner“ (Matth. 18, 17). – Gertrud von le Fort aber hatte seit ihrer Kindheit eine Vorliebe für die Eigensinnige, Dwarsdriver22, ja rebellische Charaktere. Sie verwechselt diese mit den bußfertigen Sündern und meint, ihnen als Verlorenen gehöre insbesondere die Liebe Christi und daher die Aufmerksamkeit des Dichters.

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Ein zweibändiger Roman bildet das Opus magnum Le Forts, „Das Schweißtuch der Veronika“, desen erster Band 1928 erschien und nach der Veröffentlichung der Fortsetzung den Untertitel „Der römische Brunnen“ erhielt. Den zweiten Band hatte Le Fort bereits vor Kriegsende fertiggestellt, doch das satzfertige Manuskript wurde bei einem Bombenangriff zerstört. So erschien die Fortsetzung erst 1946. Sie trägt den Untertitel „Der Kranz der Engel (1946)“.

Im ersten Band erzählt Le Fort von der Mädchenzeit Veronikas, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Rom aufwächst. Sie lebt dort zusammen mit ihrer Großmutter, deren Tochter Edelgart und der französischen Hauslehrerin Jeanette; doch spielt eine schulische Bildung offenbar keine nennenswerte Rolle im Haus. Veronikas Erziehung wird auf Wunsch ihrer Mutter der Tante Edelgart anvertraut. – Vor Veronikas Fenster sprudelt unablässig ein kleiner römischer Brunnen, dessen Wasser dahinströmt wie Veronikas Leben dort.

Tante Edelgart ist die Schwester der Mutter Veronikas, die in einer Anstalt untergebracht wurde, nachdem sie versucht hatte, sich das Leben zu nehmen, und inzwischen alle Menschen hassend verschieden ist. Der Vater begibt sich auf einer Forschungsreise in die Ferne, wo er umkommt. Wegen seiner „glaubensfindleiche[n] Haltung“ hat er die christliche Unterweisung seiner Tochter im Rahmen der Erziehung untersagt, doch stirbt er als ein mit der Religion Versöhnter. – Seine Frau hatte er unglücklich gemacht, weil er eigentlich Edelgart liebte, doch diese, seine frühere Verlobte, hatte er wiederum wegen deren intensiven religiösen Neigungen verlassen.

Die Großmutter ist Heidin, Jeanette Katholikin, und Edelgart hat sich seit zwanzig Jahren dem Katholizismus zugewandt, ohne den Schritt zur Konversion zu vollziehen; ihr ist auf Wunsch ihrer Schwester die Erziehung Veronikas anvertraut. Endlich will Edelgart konvertieren, verweigert aber während der Aufnahmezeremonie die hl. Kommunion, und ihre Liebe zur Kirche wandelt sich in einen übernatürlichen Haß. Erst im Angesicht des Todes bekehrt sie sich endgültig.

Das Heidentum der von Veronika ehrfürchtig geliebten Großmutter besteht in einer Verehrung „des großen und edlen Menschen“ mit Tendenz zur Allerlösung: „Jedenfalls hatte man niemals den Eindruck, daß es etwas ganz Rätselhaftes und Entsetzliches um die Weltgeschichte sein könne, sondern diese erschien [in den Schilderungen der Großmutter] viel eher wie ein erhabener Triumphzug menschlicher Größe und Unsterblichkeit, in dem alle, die nicht ganz würdig waren, mit diesem Zuge zu schreiten, gewissermaßen nur als Beutestücke zu seiner größeren Herrlichkeit mitgeführt wurden.“

Eines Tages kommt ein junger deutsche Dichter dazu, dessen Mutter mit Veronikas Großmutter gut bekannt ist. Der Zwanzigjährige schreibt nihilistische, antik-verbrämte Gedichte, verlangt nach Wildnis, nach Tiefe und pflegt jeden, der älter ist als er, mit eeiner Mischung aus Überheblichkeit und Verächtlichkeit abzukanzeln; eine Ausnahme macht er bei der Großmutter Veronikas, von der er sich ebenso angezogen fühlt wie sie von ihm. Es stellt sich heraus, daß die Großmutter und der Vater des Dichters einander in Liebe zugetan waren, so daß sie mütterliche Gefühle für den jungen Enzio empfindet, der „eine gewisse Abneigung gegen das Christentum und die Kirche“ hegt. – Nach der Fertigstellung seiner „Römischen Oden“ reist er wieder ab, nachdem sich zwischen Veronika und ihm ein Liebesverhältnis angebahnt hat.

Anfangs ist diese gänzlich ohne Religion. Der überwältigende Anblick des eucharistischen Heilands in der nächtlichen St. Peter – Kirche eröffnet ihr den Weg zur Kirche, und am Gründonnerstag sinkt sie dort auf die Knie beim Anblick des Schweißtuches ihrer Namenspatronin, das den Versammelten als Reliquie zu Verehrung gezeigt wird.

Die Großmutter.verstirbt an ihrem Herzleiden, Edelgart stirbt ebenfalls, und Jeanette kehrt zu dem bis dahin getrennt von ihr lebenden Ehemann zurück. Die sechzehnjährige Veronika bricht nach ihrer Aufnahme in die Kirche von Rom aus nach Deutschland auf, um den Gelehrten aufzusuchen, den ihr Vater kurz vor seinem Tode noch an Stelle Tante Edelgarts zu ihrem neuen Vormund bestimmt hat.

Im zweiten Band stellt sich heraus, daß die Veronika wegen des Beginns des 1. Weltkrieges (1914 – 1918) von Rom aus gar nicht bis nach Deutschland gefahren, sondern bei Freunden des neuen Vormunds in der Schweiz geblieben ist, an die sie aber eigenartiger Weise gar nicht zurückdenkt, nachdem sie vier Jahre bei ihnen zugebracht hat. Enzio nimmt 1918 durch eine im Lazarett beschriebene Postkarte wieder Verbindung mit Veronika auf. Er holt sie in Heidelberg von der Bahn ab, als sie nach Deutschland heimkehrt. Ein dort lebender Professor ist Veronikas neuer Vormund. In dessen Haus zieht sie ein. Enzio ist einer seiner Schüler, und zwar „der begabteste“; der Professor ist Enzios Doktorvater. – An der Wand von Veronikas Zimmer, über ihrem Bett, halten zwei Engel einen Kranz, den sie als ihren Brautkranz für die Hochzeit mit Enzio versteht, auch wenn ihr dies erst allmählich aufgeht.

Enzios Studien werden von der Mutter finanziert, die zwar durch die Inflation ihr Vermögen verloren hat, nun aber in Heidelberg eine Fremdenpension betreibt. Enzio selbst erteilt Nachhilfestunden. – Durch das Erlebnis des Krieges hat sich Enzio ganz mit Deutschland und dessen Schicksal identifiziert. Er schreibt keine Gedichte mehr, sondern nur noch atheistisch-nationalistische Essays. Aus diesem Grunde und um sich selbst samt Veronika versorgen zu können, erstrebt Enzio eine Anstellung als Schriftleiter bei einer Zeitung, gibt sie aber schon auf, noch bevor er sie angetreten hat.

Enzio will Veronika heiraten, und sie nimmt seine Werbung an. Doch Enzio lehnt die kirchliche Trauung ab. Veronika akzeptiert dies, denn „gerade diese (sc. die Gottesferne) hat er (sc. Gott) in Christus gesucht und geliebt – gerade diese!“: Sie will die Hochzeit bis auf unabsehbare Zeit aufschieben. – Ein Dechant verdeutlicht die Position der Kirche gegenüber einer solchen Verbindung; über seinem Schreibtisch hangt ein Bild der hl. Veronika.

Schließlich erkrankt Enzios Mutter und fordert von der sie pflegenden Veronika die Eheschließung mit ihrem Sohn. Veronika gibt nach und rechtfertigt dies damit, „daß man die Mehrzahl der heutigen Menschen überhaupt nicht mehr bekehren, sondern nur noch durch stellvertretende Liebe retten könne.“ Die Liebe, die sie mit Enzio verbindet, soll diesem Zugang zu Gott ermöglichen. Sie erkennt nicht, daß sie schlicht Enzios Liebe der Liebe Gottes vorzieht. – Der Dechant weist sie ausdrücklich auf die Folgen ihres geplanten Tuns hin, die Exkommunikation.

Während Enzios Mutter genest, erfolgt ein psychischer Zusammenbruch Veronikas. Sie empfängt die Letzte Ölung und wird wieder gesund. Endlich willigt Enzio in die kirchliche Trauung ein: Veronikas Vormund hat ihn zur Umkehr geführt, da er in einer Vorlesung das Christentum als Quelle der Kultur dargestellt hat. So endet der zweite Band mit der Aussicht auf die kirchliche Trauung von Veronika und Enzio.

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Le Forts Roman „Die Magdeburgische Hochzeit (1938)“ beginnt mit dem Bündnis, das Magdeburg 1630 mit den schwedischen Invasoren schließt, und endet nach der Einnahme der Stadt 1631. Entgegen weithin verbreiteter Verleumdung hält Le Fort daran fest: Tilly „ist an der Zerstörung Magdeburgs…schuldlos“.23 Historisch genau wird die Verwüstung der Stadt der fanatischen Unnachgiebigkeit des schwedischen Stadtkommandanten Dietrich von Falkenberg24 zugeschrieben, der bekennt: „…wir wählen…Ratio belli – wir ziehen auf den Tod“, und „er werde jeden hängen lassen, der auch nur von Akkord [mit Tilly] rede“.25 Dem folgend „predigten [die protestantischen Geistlichen der Stadt ] …das Evangelium von Königlicher Majestät von Schweden“26. Doch am Schluß, „da gähnten ja nur noch schwarze, verkohlte Trümmer!“27 – Nach den Erfahrungen von totalem Krieg und totaler Zerstörung konnte man „Die Magdeburgische Hochzeit“ durchaus als Vorahnung der Schrecken des 2. Weltkrieges verstehen. Jedenfalls wurde die Autorin seit dem Jahr des Erscheinens des Romans, seit 1938, im ns-regierten Deutschland totgeschwiegen, und man hört den totalitären Staat selbst sprechen, wenn der Stadtkommandant sagt: „…das Gewissen…bestimme jetzt ich…“28

Gertrud von le Fort zog 1941 um nach Oberstdorf im Allgäu, wo sie sich zuvor schon längere Zeit wegen eines Lungenleidens aufgehalten hatte, das dort während des Kriieges ausheilte. – Nach dem Ende des Krieges trat sie als Autorin der Inneren Emigration wieder in die Öffentlichkeit und empfing vor allem in den fünfziger Jahren zahlreiche Ehrungen. In der Nacht zwischen Reformationstag (31.10.) und Allerheiligen (1.11.) ist sie 1971 in ihrem Haus zu Oberstdorf verstorben.

Nach Gertrud von le Forts Tod verbreitete sich unter Papst Johannes Paul II (1978 – 2005) eine der Allerlösungslehre günstige Stimmung in der Kirche. Dennoch fand die verstorbene Schriftstellerin bald keine Beachtung mehr. Ihre Schriften wiesen zu viele konservative Elemente auf, so daß sie dem Zeitgeist nicht kompatibel waren. Insbesondere ihr Deutschlandbild mußte spätestens seit den sechziger und siebziger Jahren auf zunehmendes Unverständnis stoßen. Statt des Landes mit kollektiv schuldiger Bevölkerung, insgesamt verstrickt in ein einzigartiges Verbrechen, liest man ihren Lobpreis des Reiches, das sie allerdings auch nicht im nationalistischen Sinne der NS-Zeit versteht, wie die Gedichtsammlung „Hymnen an Deustchland (1932)“ und ihr Büchlein „Das Reich des Kindes. Legende der letzten Karolinger (1934)“ zeigen.

„Das Reich des Kindes“ war als Einleitung einer Trilogie geplant, die das Kaisertum der deutschen Könige in Früh- und Hochmittelalter darstellen sollte, wobei Le Fort die Stauferzeit als den Höhepunkt ansah, wie der dafür vorgesehene Titel „Corona aurea“, Die goldene Krone, zeigt, der die Darstellung der Epochen der sächsischen und der salischen Kaiser als Reich der silbernen und der eisernen Krone vorangestellt werden sollten. – Le Fort setzt zu Beginn des Büchleins die Menschwerdung des Heilands in Niedrigkeit mit der Wiedergeburt des Reiches unter den deutschen Kaisern ausdrücklich gleich. Uta, die Mutter des letzten Karolingerkönigs, steht an der Stelle Marias, und – so ist sinngemäß zu ergänzen – ihr Sohn, König Ludwig IV., genannt „das Kind“, an derjenigen des Christkindes, über dessen Wiege bereits der Schatten des Todes liegt.

Wegen der inneren Uneinigkeit und der Angriffe heidnischer Völkerschaften ist das Reich Karls des Großen (768 – 814; Kaiser seit 800) im Untergang begriffen. „…wenn die Völker des Abendlands wanken und untereinander zerfallen, so erhebt sich der Sturm aus Asia – also war es, als das Reich der Römer versank, und so wird es sein bis an das Ende der Zeiten.“

Die fränkischen Konradiner sehen ein, daß alle Teilungen des Reiches seit Ludwig dem Frommen (814 – 840; Kaiser seit 813) verhängnisvoll waren, „Todsünden“, wie Gertrud von le Fort sagt. Die Konradiner planen, das Reich wiederherzustellen. Dazu unterstützen sie Arnulf von Kärnten, den illegitimen Sohn eines Bruders König Karls III. des Dicken (876 – 887; ab 885 Herrscher auch über das westfränkische Reich; Kaiser seit 881). Dieser verdrängt Karl 887 vom Thron, der bald darauf verstirbt. Arnulf (887 – 899; Kaiser seit 896, was aber von Le Fort verschwiegen wird.) bekämpft die heidnischen Völkerschaften siegreicher, aber letztlich auch ohne nachhaltigen Erfolg. Endlich empfängt seine Gemahlin, die Konradinerin Uta, einen Sohn von ihm, Ludwig (Tatsächlich 893 geboren; bei Le Fort noch ein Kleinkind, als der Vater stirbt). Danach wird sie des Ehebruches angeklagt (899), verteidigt sich aber erfolgreich. Arnulf stirbt, die Hunnen (gemeint sind die Ungarn), brechen ins Land ein, wobei der Thronfolger Ludwig umkommt.

Das Reich der Karolinger geht also mit Ludwig dem Kind (900 – 911; tatsächlich sechs oder sieben Jahre alt bei der Krönung, ein kränklicher Knabe, an dessen Stelle einflußreiche Kirchenfürsten regierten; 910 unterlag das Ostfränkische Reich auf dem Lechfeld den Ungarn, und im Jahr darauf verstarb Ludwig mit siebzehn oder achtzehn Jahren.) unter, und Uta nimmt den jungen, mit ihr verwandten Konrad an Sohnes Statt an. Er regiert daraufhin als König Konrad I. (911 – 918), und ihm folgt Herzog Heinrich von Sachsen (919 – 936) nach, dessen Sohn Otto (936 – 973; Kaiser seit 962) das Kaisertum wiederaufrichtet: Doch all dies liegt schon außerhalb des Büchleins, das mit der – von Le Fort erdachten – Adoption Konrads schließt.

Nach Le Fort umfaßt das in der Nachfolge Roms erstandene Reich das gesamte Abendland: „…im weltenen Schatten / Romas… / Empfingst du die Fackel! / … Es blühen die Völker des Erdteils / Ewig verschwistert / Aus dem Schoß deiner Kraft -“ (Hymnen an Deutschland, Die Sendung, Vorgeläut, II Opfervolk des Erdteils). Dies läßt sich mit Bergengruens Auffassung vergleichen. Doch Le Fort schließt den im Mittelalter zum Abendland hinzugewonnenen lateinischen Osten, den slawisch-baltischen Bereich samt Ungarn, aus und versucht das Abendland auf die Provinzen des Römischen Reiches zu beschränken, zu denen aber auch Germanien ja nur zum geringen Teil und für nicht lange Zeit gehört hat. Durch diese Reduktion aber, die auch Irland, Wales, Schottland und ganz Skandinavien betreffen müßte, zumindest Finnland, kommt Le Fort der nationalistischen Reichsauffassung nahe, die allerdings auch noch den Westen und den Süden, Frankreich und Italien, ausschließen muß, was nun wiederum Le Fort ganz entgegengesetzt ist.

Anmerkungen

1Prologos

2Heimweg zur Kirche IV

3Heimweg zur Kirche IV

4 Heimweg zur Kirche III

5Heimweg zur Kirche VI

6Heiligkeit der Kirche V

7Corpus Christi Mysticum I

8Heiligkeit der Kirche I

9Das Königsfest Christi II

10Litanei zum Fest des allerheiligsten Herzens [kursiv im Original]

11„Vom Wesen christlicher Dichtung. in: Aufzeichnungen und Erinnerungen (1951)“

12„L‘annonce fait à Marie. in: Aufzeichnungen und Erinnerungen (1951)“

13Bake, lutherischer Prediger am Dom zu Magdeburg, ruft im Dreißigjährigen Krieg (1618 – 1648) zum Bündnis der Stadt mit den Schweden auf, doch nach deren Einnahme durch die Kaiserlichen meint er, in dem während der Meßfeier der Sieger aus dem Dom ertönenden Credo „ein einmütiges Bekenntnis der gesamten Christenheit“ zu vernehmen, wonach es also gar keinen wirklichen Unterschied zwischen seinem Bekenntnis und dem katholischen gebe.

14Die Mutter des zum (Gegen-)Papst Anaclet II. (1130 – 1138), also zum Oberhaupt der Christenheit gewählten Petrus Pier Leonis gehört dem Judentum an, und sein getaufter Vater kehrt sterbend dahin zurück, woraufhin der Kardinal Petrus Pier Leonis selbst ebenso bekennt: „…ich bin ein Jude.“ Zur Vervollständigung seiner jüdischen Identität wird ihm eine stets innerhalb der Synagoge verbliebene Zwillingsschwester Trophäa beigesellt.

15S.u.

16„Vom Wesen christlicher Dichtung. in: Aufzeichnungen und Erinnerungen (1951)“

17S. Joh. 15, 2f.

18Luther übersetzte Rom. 3, 28, indem er dem Text ein „allein“ hinzufügte: „So halten wir es nu, das der mensch gerecht werde on des Gesetzes werck, allein durch den glauben.“

19Als Verfasser des Textes dieses Hymnus gilt St. (H)rabanus Maurus (geb. ca. 780, gest. 856).

20„Zu Georges Bernanos‘ ‚Die begnadete Angst‘. in: Aufzeichnungen und Erinnerungen (1951)“. – Georges Bernanos (geb. 1888, gest. 1948) diente die Novelle als Vorlage für ein Drehbuch zu dem Film „Les Dialogues des Carmélites (1949)“, deutscher Titel: „Die begnadete Angst“, und dieses wurde wiederum Grundlage des Librettos der Oper „Dialogues des Carmélites (1957)“ von Francis Poulenc (geb. 1899, gest. 1963).

21So korrespondierte Le Fort auch intensiv mit dem für die Allerlösungslehre eintretenden Hans Urs von Balthasar (geb. 1905, gest. 1988), einem zeitweilig der Gesellschaft Jesu (1929 – 1950) angehörigen Priester, der von Johannes Paul II. (1979 – 2005) hochgeschätzt zum Kardinal ernannt wurde (1988).

22Quertreiber: Leute, die ihr Schifflein stets querstellen im Strom des Lebens, deshalb selbst nicht vorankommen und andere behindern.

23Die Magdeburgische Hochzeit, Das Brautgemach

24geb. 1580, gest. 1631

25Die Magdeburgische Hochzeit, Das Brautgemach

26ebd.

27ebd.

28ebd.


2 Kommentare zu „Ein Pyrrhussieg“

  • Georg Mogel:

    Gerechtigkeit gibt es nur in der Hölle,im Himmel ist die Gnadeund auf Erden ist das Kreuz. Gertrud v. Le Fort,Der Papst aus dem Ghetto

  • Georg Mogel:

    Die Kommentarfunktion zickt !
    Lesenswerter Beitrag,
    danke.

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