Inhaltsverzeichnis

Zivilisiertes Germanien

Wilde Barbaren seien sie gewesen, die Germanen: Aggressiv, streitsüchtig und ohne höhere Kultur. Tacitus zufolge lebten sie in Strohdachkaten und Grubenhäusern, ernährten sich von “Graupensuppe” und frönten exzessiv dem Würfelspiel. Dieses Bild unserer Vorfahren dominiert bis heute, könnte sich jetzt aber ändern.

Eine Gruppe aus Altphilologen, Mathematikhistorikern und Erdvermessern vom Institut für Geodäsie der TU Berlin hat eine verblüffende Landkarte vorgelegt – eine Dekodierung des ›Atlas der Oikumene‹, den der Mathematiker und Astronom Klaudios Ptolemaios um 150 n. Chr anfertigte. Darunter auch die Germania Magna [„großes Germanien“], die 137 geographische Einzelangaben verzeichnet, darunter auch die 94 „poleis“ [Städte] und 6000 Zahlen – die Längen-und Breitengrade auf denen die Städte damals lagen.

Im entzerrten Germania der TU-Gruppe erhalten die Ortsangaben von Ptolemaios nun einen Sinn: Sie liegen oft dort, wo heute große Städte liegen und Städte wie Jena, Eisenach, Leipzig und Dresden waren schon zu Zeiten der Römer besiedelt. Städte wie Braunschweig, Hannover, Hamburg und Essen sind wahrscheinlich bis zu 1000 Jahre älter, als bisher gedacht

Viele Siedlungen lagen – anders als bisher vermutet – an antiken Handelsstraßen, zum Beispiel an der Bernsteinstraße von Nord nach Süd. Die Germanen betrieben regen Handel mit ihren Nachbarn, auch den Römern. Germania war also dichter besiedelt, zivilisierter und weltoffener als bisher angenommen.

[1] In einem Beitrag für das ZDF-Magazin Aspekte widmet sich Christoph Spielberger den neuen Erkenntnissen – das Video ist in der ZDF-Mediathek noch abrufbar. Germania war anders.

[2] Germania und die Insel Thule: Die Entschlüsselung von Ptolemaios’ “Atlas der Oikumene”. Das Buch zu den neuen Forschungsergebnissen.

8 Kommentare zu „Zivilisiertes Germanien“

  • TROPENWOLF:

    Bisher ist es in der Geschichte nicht bekannt dass Germaniens Nachbarländern von den Germanen oder Kelten erobert, geplündert, niedergemetzelt und versklavt wurden (oder?). Es gibt auch keine Unterlagen dass es in Germanien weder  Bürger noch feindliche Gefangene in einer Arena zum Kampf bis zum Tode getrieben wurden. Man hat auch noch nie erfahren dass bei den Germanen andere Völkermitglieder gefoltert oder massenweise “barbarisch” gekreuzigt wurden. Es gab auch nicht einen Fall von verkommenen germanischen Führern, die in der Dekadenz ihre Macht feierten während sein Volk in Not und Hunger unterging.  In diesem Sinne könnte man sich die Frage stellen wer eigentlich  die “Barbaren” waren, die Germanen und Kelten oder die Römer?

  • @ Tropenwolf

    Ist das nicht überhaupt ein Grundübel unserer Kultur und Geschichte? Dass sie in wesentlichen Teilen von anderen Ländern geschrieben und bewertet wurde, und die Deutschen die Fremdbeschreibung widerstandslos, ja sogar inbrünstig, übernahmen. Einmalig in der Geschichte der Völker.

  • Freidenker:

    Och Menno, nun bauen seit 1945 alle “Historiker” mit viel Aufwand und Staatsknete an der Mär des dumpfen Germanen, dessen Entwicklung über die Jahrhunderte zwangsläufig im 3. Reich enden musste, und dann schreibt wieder wer ein Buch und behauptet einfach das Gegenteil.
    ;-)

  • Karl Eduard:

    Trotz Kälte gab es keine Fußbodenheizungen und keine Thermen. Wenn heute etwas gefunden wird, was uns Staunen läßt, dann war es sicher nicht von den Germanen. Das kommt mir immer so vor wie die Berichte aus Afrika mit diesen Hochkulturen, die nichts als Legenden sind.

  • Freidenker:

    “Trotz Kälte gab es keine Fußbodenheizungen und keine Thermen.”

    Spätrömische Dekadenz wurde in Germanien halt erst ein paar tausend Jahre später eingeführt, so spricht es Westerwelle, und der ist Politiker,
    also weiß bescheid. 

    ;-)

  • Freidenker:

    Nun aber mal ernsthaft, der Luxus von Thermen und Fußbodenheizungen waren nicht unwesentlich dem Umstand geschuldet das die Römer Sklaven für sich arbeiten ließen.
    Auch “Hochkulturen” haben ihre Schattenseiten.
    Und Westerwelle irgendwie doch recht, wenn auch unbeabsichtigt.

    Im alten Rom hat ein Senator vorgeschlagen, man sollte alle Sklaven mit einem weissen Armband versehen, um sie besser erkennen zu können. „Nein“, sagte ein weiser Senator, „Wenn sie sehen wie viele sie sind, dann gibt es einen Aufstand gegen uns.“

    Heute braucht niemand mehr Sklaven ins eigene Land holen, in der modernen Welt gibt es Transferzahlungen, Eurobonds, Länderfinanzausgleich, Rettungsschirme, etc.
    Die Nutznieser (Sklavenhalter) können damit ganze Völker versklaven,
    und die versklavten wissen nicht einmal von wem genau sie gehalten werden.
    Das macht Aufstände so gut wie unmöglich, gut, gell ???

  • Georg Mogel:

    Die germanische Welt
     
    Der germanische Geist ist der Geist der neuen Welt, deren Zweck die Realisierung der absoluten Wahrheit als der unendlichen Selbstbestimmung der Freiheit ist, der Freiheit, die ihre absolute Form selbst zum Inhalte hat. Die Bestimmung der germanischen Völker ist, Träger des christlichen Prinzips abzugeben. Der Grundsatz der geistigen Freiheit, das Prinzip der Versöhnung wurde in die noch unbefangenen, ungebildeten Gemüter jener Völker gelegt, und es wurde diesen aufgegeben, im Dienste des Weltgeistes den Begriff der wahrhaften Freiheit nicht nur zur religiösen Substanz zu haben, sondern auch in der Welt aus dem subjektiven Selbstbewußtsein frei zu produzieren….
    Sie haben sich durch das Aufnehmen und Überwinden des Fremden in sich gebildet und ihre Geschichte ist vielmehr ein Insichgehen und Beziehen auf sich selbst.
     
    G.W.F. Hegel
    Philosophie der Geschichte

  • eo:

    Hätte
    da einen
    kurzen Text
    anzubieten, der
    einen bestimmten,
    schon lange bestehenden
    Mißstand zum Thema hat.
    Und zwar ist das der Apho 927
    aus ‘Anleitung zum
    Selber.-Denken

    Band 2.

    927.
    So bemüht und doch so ungeliebt.

    Ein erster Satz, aufgeschlagen in einem Literaturlexikon – und schon erschließt sich in voller Drastik mit einem Hauch Wehmut ob der verpaßten Chancen das eigentümliche Verhältnis der Deutschen zur eigenen Tradition.

    Zitat: Auf deutschem Boden hat
    über der germanischen Literatur ein Unstern gewaltet.

    Mit den Deutschen ist es so – denn genauso will es scheinen, daß es nicht einmal erforderlich ist, sie mit fremder Hand mühsam zu kolonialisieren, da sie selber gar willfährig und ehrgeizig das Geschäft der anderen besorgen; und zwar mit großer Hingabe und ebensolcher Professionalität.
    So sind sie dabei am Ende noch ungemein stolz ob der erbrachten Anpassungsleistung in geistiger und kultureller Unterwerfung – für Dritte und Außenstehende bleibt ein solches Verhalten vollkommen unverständlich und gibt eher zu ernsthaften Bedenken Anlaß, als daß es der Sympathie und der Anerkennung von Seiten der anderen Völker förderlich wäre.

Kommentieren