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Feiertag 17. Juni

Wäre der 17. Juni nicht ein würdiger Feiertag für unser Land? – Der Einwand, mit der Wiedervereinigung von 1990 sei die spontane Erhebung vom 17. Juni 1953 sozusagen nachträglich an ihr Ziel gelangt, verfängt nicht, denn wenn es am 17. Juni um ein freies und vereintes Deutschland ging, so unterschied sich dieses gewiß von dem, was wir heute vorfinden.

Erst einmal ist nur ein Rest-Deutschland wiedervereint worden. Ostdeutschland ist untergegangen; ein Dreiviertel Jahrtausend deutscher Kultur dort vernichtet. Nein, daraus müssen keine Rachegelüste entstehen, und wiederherstellen läßt sich der frühere Zustand längst nicht mehr; 1953 war dies noch anders. Doch wenn die neuen Bundesländer jetzt stattdessen in unseren Medien immer wieder als Osten und Ostdeutschland bezeichnet werden, so stellt dies eine Begriffsverwirrung dar. Eigentlich stünden die Repräsentanten des Volkes natürlich in der Pflicht, den Getöteten und Geschundenen, den Enteigneten und Vertriebenen ein ehrendes Gedenken zu bewahren. Doch wer wollte behaupten, daß sie dem nachkämen?

Das Deutschland, das 1953 erhofft wurde, war ein freies, souveränes. Aber was finden wir stattdessen vor? Ein zunehmend in der EU aufgehendes Staatsgebilde, das von einer nirgendwo heimischen Elite in eine Zukunft gesteuert wird, in der Europa das wird, was viele Zeitgenossen eine “EUdSSR” nennen, die sich schließlich in eine entgrenzte Region innerhalb weltweiter Ordnung auflösen soll. Hoffnung, daß dies nicht geschieht, erwächst jedoch aus der Tatsache, daß keines der europäischen Völker und wohl überhaupt kein Volk der Erde dies will.

1953 hoffte manauf ein freies, souveränes Deutschland, nicht auf ein zunehmend von Fremdstämmigen bevölkertes Territorium. Es stellt sich die Frage, inwieweit dieser Vorgang selbst der Kern des Problems ist: Bildet er nicht eher die äußere Erscheinung der innerlichen Befindlichkeit eines seiner eigenen Geschichte und Kultur entfremdeten Volkes? Wiederum erwächst Hoffnung aus der Tatsache, daß die europäischen Völker insgesamt davon betroffen sind; je weiter im Westen sie leben, desto stärker sind sie betroffen – wenn auch die rituellen Reuebekundungen der Repräsentanten unseres Volkes zur Rechtfertigung dieser Problematik in ihrer Intensität etwas Besonderes darstellen.

Der 17. Juni wäre ein geeignetes Datum – nicht für eine ausgelassene Feier, wie es sie heute so oft gibt, obwohl kein Anlaß dazu besteht, sondern – für ein ernstes, würdiges Gedenken der gescheiterten Hoffnungen, der vergeblichen Mühen, der vielfältigen Opfer, des nicht sinkenden Mutes auch angesichts überwältigender Gegenmacht und für den Vorsatz, eine bessere Zukunft zu erstreben.

 

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