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Das Wesen des Finanzkapitalismus

von virOblationis

Der Philosoph Heraklit schrieb, da er Feuer für den Grundstoff hielt, aus dem alle anderen Elemente (Luft, Wasser, Erde) hervorgehen: “Feuer kann alle [anderen Dinge, aus welchen Elementen auch immer sie bestehen,] ersetzen, und Feuer [wird] von allen [anderen Dingen ersetzt], gleichwie Waren von Gold [ersetzt werden] und Gold von Waren. (Frg. 90)” Der Austausch von Waren gegen Gold und Gold gegen Waren bildet die Grundlage, auf die die allgemeinere Aussage gegründet ist. – Marx übernahm dies. Die allgemein verbreitete Einsicht, daß Waren gegen Gold bzw. Geld und Geld gegen Waren eingetauscht werden (aus W – G  und G – W entstehender Kreislauf), vertiefte er durch die Einsicht des in beiden enthaltenen Maßes an menschlicher Arbeit. Diese nimmt gewissermaßen den Platz des Feuers bei Heraclit ein.

So gewann Marx Erkenntnisse über das Wesen des Kapitalismus, wenn sie auch erhebliche Defizite aufwiesen. Doch den globalisierten Finanzkapitalismus hätte er, so meine ich, auf der Grundlage seiner Theorie nicht erfassen können. Zwar bemerkte Marx, daß die “Bourgeoisie” nicht nur aus lauter Unternehmern bestand, aus Kapitalisten, doch die übrigen Vertreter des dritten Standes waren für ihn von geringem Interesse, weil er sich in seiner Theorie ganz auf den Gegensatz von Kapitalisten und Proletariern, Lohnarbeitern, konzentrierte. So schreibt Marx in “Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 – 1850 (1850)”: “Nicht die französische Bourgeoisie herrschte unter Louis Philipp, sondern eine Fraktion derselben, Bankiers, Börsenkönige, Besitzer von Kohlen- und Eisenbergwerken und Waldungen, ein Teil des mit ihnen ralliierten Grundeigentums – die sogenannte Finanzaristokratie. … Die Finanzaristokratie in ihrer Erwerbsweise, wie in ihren Genüssen, ist nichts als die Wiedergeburt des Lumpenproletariats auf den Höhen der bürgerlichen Gesellschaft.” – Eine recht schmissige Formulierung, doch was besagt sie schon? Das Lumpenproletariat besteht aus solchen Lohnarbeitern, die sich nicht entsprechend der marxistischen Lehre verhalten. Die Finanzaristokratie, zu der als wesentlicher Bestandteil die Vertreter des Finanzkapitals gehören, während Bergwerks- und Grundbesitzer eigentlich gar nicht dazuzurechnen sind, stellt also einen Teil der Bourgeoise dar, der sich ebenfalls nicht der marxistischen Lehre entsprechend verthält: Der Grund dafür besteht darin, daß die Finanzaristokratie nicht auf den Kreislauf von Waren und Geld ausgerichtet ist. Vielmehr lebt sie davon, Geld aus Geld zu gewinnen, d.h. eine größere Summe aus einer geringeren. Dies ist nicht möglich ohne den Zins. – N.B. Lenin befaßte sich zwar mit dem Finanzkapital (und Bankkonzernen), sah es aber immer noch als unmittelbar mit der Warenproduktion (von Industriekonzernen) verbunden an; s. “Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus (1917)”.

Schon in der Antike war der Zins Gegenstand der Kritik, am nachhaltigsten bei Aristoteles, denn er charakterisierte das Streben nach Gewinn aus Geld als naturwidrig, da diesem Gewinn eine entsprechende Arbeitsleistung fehlt. Platon, der Lehrer des Artistoteles, hatte bereits zuvor moniert, daß die Kreditvergabe gegen Zins zu einer Vergrößerung der Armut führt und im Gegenzug das Müßiggängertum (auf Seiten der Kreditgeber) befördert. Dies ist von daher verständlich, weil das Münzgeld damals seinen Metallwert in sich trug: Man konnte die Geldmenge nicht wie heute beliebig vergrößern. Gab es aber nur eine bestimmte Menge Geldes (und Waren), dann führte das Abzahlen der Zinsen eines Kredits zu einer Umverteilung von den Kreditnehmern zu den müßigen Kreditgebern.* – Es ist daher verständlich, daß das Alte Testament angesichts hoher Zinsen im Alten Orient das Kreditgeben gegen Zins innerhalb des Gottesvolkes verbot, wovon das koranische Zinsverbot abgeleitet sein dürfte. Aus dem alttestamentlichen Zinsverbot entstanden entsprechende kirchliche Vorschriften, die vom 4. bis zum 18. Jh aufrecht erhalten wurden. Ab dem 16. Jh suchten katholische wie protestantische Theologen die Zinsverbote zu umgehen, was innerhalb des protestantischen Bereiches erfolgreicher war, da dort das kirchliche Lehramt fehlte. So verbreitete sich im Verlauf der Neuzeit das Zinsnehmen immer weiter.

* Das ist auch der Stand der Dinge bei Marx. Er schreibt: “Während der Zins nur ein Teil des Profits ist, d.h. des Mehrwerts,…erscheint jetzt umgekehrt der Zins als die eigentliche Frucht des Kapitals, als das Ursprüngliche… In G – G’ haben wir…die Verkehrung…der Produktionsverhältnisse…” (Kapital Bd. 3, 5. Abschnitt, 24. Kapitel)

Der Finanzkapitalismus setzt jedoch nicht nur das Zinsnehmen voraus, sondern auch die Veränderung des Wesens des Geldes von der seinen Wert in sich tragenden Münze hin zum bloßen Wertzeichen. Der Beginn dieser Entwicklung blieb auch Marx nicht verborgen. Natürlich kannte er Papiergeld. Doch ging er davon aus, daß diese “Papierzettel…an der Stelle der gleichnamigen Goldsumme zirkulieren” (Kapital Bd. 1, 1. Abschnitt, 3. Kapitel), und wenn man die Menge der Papierzettel erhöht, nicht aber die des Goldes, so entwertet dies das einzelne Wertzeichen proportional zum Ausmaß der Vergrößerung der Geldmenge (ebd.). Was Marx nicht vorhersah, war die Loslösung der Wertzeichen, des Papiergeldes, von jedem staatlich garantierten Gegenwert. Dies geschah aber mit dem Ende des Abkommens von Bretton Woods, das den Dollar als Weltwährung an einen Goldstandard gebunden hatte (1944 – 1971). Ursache war die Vermehrung der Dollarmenge zur Finanzierung des US-Indochinakrieges gewesen. Dies hatte den Dollar entwertet; um die Vergrößerung der Dollarmenge beständig fortsetzen zu können, wurde keine bestimmte Menge Goldes pro Dollar mehr vom Staat garantiert. Damit stand seine Menge der Menge des Goldes samt aller übrigen verfügbaren Waren gegenüber: Die Menge aller für Dollars zu erwerbender Waren im Verhältnis zur Menge der Dollars bestimmte nun den – durch das sich stets verändernde Mengenverhältnis – fluktuierenden Wert des US-Papiergeldes. Entsprechendes galt nun für die übrigen Währungen, deren Maßstab nicht mehr existierte. – Da die Geldmenge im allgemeinen immer nur vergrößert wird, nimmt der Wert des einzelnen “Papierzettels” in umgekehrtem Maße ab. Eine Inflationsrate von 2% bezeichnet man im Euro-Raum als Preisstabilität.

Erst mit der Loslösung der Währungen von der Bindung an eine konstante Größe vermochte sich der Finanzkapitalismus ganz zu entfalten. Denn nun durfte sich die Geldmenge verändern, da kein Staat den Wert der Währung mehr garantierte. So wurden Milliardengeschäfte an der Börse möglich, die vorher als zu riskant erschienen wären. Immer abenteuerlicher wurden die Geschäftspraktiken, um immer rascher immer größere Gewinne zu erzielen; der Name “Goldman Sachs” steht dafür. – 1986 deregulierte Thatcher die Finanzmärkte in Großbritannien, 1994 Clinton in den USA und ab 2002 die Schröder-Fischer-Regierung in Deutschland.

Bloße Vergrößerung der Geldmenge durch noch so spektakuläre Gewinne treibt letztlich nur die Entwertung des Geldes voran. Um als gesamtgesellschaftliches ökonomisches System zu funktionieren, benötigt der Finanzkapitalismus daher auch Zugriff auf die Warenproduktion. Dies geschieht über das Investmentbanking. Es geht dabei nicht um die Frage, was produziert wird, sondern darum, daß etwas produziert wird, das möglichst rasch möglichst hohen Gewinn abwirft. Dies wirkt sich auf die lohnabhängigen Beschäftigten naturgemäß negativ aus, nicht nur hinsichtlich des Einkommens; ihre Tätigkeit wird zum inhaltlich beliebigen Job. Das bevorzugte Geschäftsmodell für das Investmentbanking bilden Aktiengesellschaften, da man Beteiligungen an ihnen ebenso rasch vornehmen wie aufgeben kann. – Um an Kapital zu kommen, werden sich immer mehr Betriebe in der Peripherie nach dem vom Zentrum, dem Finanzmarkt, erwünschten Modell umgestalten. Umgekehrt sähe ein Zusammenschluß  von kleineren Betrieben aus, denen eine Bank gehört, deren Aufgabe es ist, die Betriebe mit günstigen Krediten zu versorgen. Im Finanzkapitalismus hingegen dominiert das Zentrum die Peripherie.

Um den Finanzkapitalismus zu überwinden, reicht es daher nicht, das Investmentbanking in bankeigene Abteilungen zu verlagern, sondern es wäre abzuschaffen. Parallel dazu wären die Finanzmärkte zu regulieren.

 

16 Kommentare zu „Das Wesen des Finanzkapitalismus“

  • Freddy:

    Mit Polemik gegen hohe Gewinne kommen Sie nicht weit. Hohe Gewinne sind meist Signale von der Nachfragerseite her an Produzenten von einem Gut mehr zu produzieren WENN nicht der Staat durch Geldinflation, Wettbewerbseinschränkungen oder ähnlichem den Markt verzerrt.

  • virOblationis:

    @ Freddy

    Gegen hohe Gewinne ließe sich durchaus polemisieren, schon weil man zu ihrer Absicherung der Staatsmacht bedarf, die sich andererseits nicht in ökonomische Fragen einmischen soll. Diese Thematik spielte für mich allerdings keine Rolle, als ich den obigen Artkel verfaßte. Darin habe ich versucht, über Marx hinausgehend das innerste Wesen des gegenwärtig vorherrschenden Finanzkapitalismus zu erfassen. Die von Ihnen angebundenen Seiten stimmen in der Beschreibung der Phänomene tw. mit meiner Analyse überein, doch mangelt es den beiden Texten und der liberalen Sichtweise ganz allgemein m.E. an grundlegenden Erkenntnissen, die Marx gewonnen hat, so daß der Charakter des Geldes, den ich in meinem Artikel darzustellen versucht habe, nicht erfaßt wird. Dies aber ist für das Verständnis meines Artikels unabdingbar.

  • Mino:

    Zins = Gewinn *ohne Arbeit*? – Allein dieser Satz bringt die Theorie zum Einsturz, weil er falsch ist.
    Wenn ich jemandem beim Hausbau helfe, kann ich eine Gegenleistung verlangen. Das könnte z.B. Geld sein, oder Zins. Wenn ich jemandem Geld gebe, gebe ich ihm meine “kondensierte” Arbeit, damit er damit etwas machen kann. Manchmal fällt derjenige aus. Ich sehe mein Geld (meine Arbeit) nicht wieder, dieses Risiko decke ich, in dem ich einen Zins verlange.
    Zins spiegelt auch den Wohlstandsgewinn wieder.

    Die Frage also, ob Zins ja oder nein, ist falsch.
    Die Frage ist vielmehr, kann man den Zins übertreiben.

    Der Unterschied dieser Fragen ist entscheidend und grundsätzlich.

  • virOblationis:

    @ Mino

    Die von Plato bis zu Benedikt XIV. festgestellte Problematik des Zinses besteht darin, daß mehr (in Form von Geld) kondensierte Arbeit zurückverlangt wird, als zuvor zur Verfügung gestellt worden ist; so weit dies “mehr” über eine Aufwandsentschädigung hinausgeht, handelt es sich um aus Geld erzielten Gewinn, und der wurde verurteilt. Insofern ist der von ihnen genannte Unterschied traditionell tatsächlich stets als entscheidend angesehen worden. Damit aber erweist sich Ihr Eingangssatz, wonach Zins kein Gewinn ohne [ensprechende] Arbeit sei, als unzutreffend.

  • Unke:

    Na, werter virOblationis, am “Charakter des Geldes” haben sich schon ganz Andere versucht.
    Ein wahrhaft unerschöpfliches Thema. Aus der Lameng einige Anmerkungen:

    1. Ob der Zins per se schlecht ist wäre zu diskutieren. Oder umgekehrt: ob eine Welt OHNE Zins eine bessere wäre ist alles andere als gegeben.
    Grosso modo existieren diese heutigen Riesenkonzerne und Finanzkraken ja nicht wegen des Zinseszinseffektes, sondern wegen staatlicher Protektion (jaja, auch hier wieder Marx à la ’68: Stamokap…)
    Unabhängig davon ist der Mensch auf der Suche nach einem Medium zur Wertaufbewahrung: er möchte schließlich nicht nur von der Hand in den Mund leben (OK, mindestens 10% wollen das nicht). Im Altertum hat man seine Kostbarkeiten dieserhalb in den Tempel verfrachtet (Heiligtümer waren vor willkürlichen Aneignungen durch Einzelne einigermaßen sicher); für bedeutende Vorhaben (Investitionen, Kriegszüge, Tributzahlungen etc.) trennte man sich von den Kostbarkeiten (teilweise) wieder.
    In Zeiten eines dematerialisierten Digitalgeldes („Papiergeld“) allerdings wird durch ständige Steigerung der Geldmenge („Inflation“) das Geld immer weniger wert, es hat also seine Wertaufbewahrungsfunktion verloren.* Um dem Anleger / Wähler das Papiergeldsystem schmackhaft zu machen wurde er mit dem Zins als Ausgleich für das Inflationsrisiko geködert…
    …um dann, wenn das System erst einmal etabliert und (wie jedes Papiergeldregime unweigerlich) an die Wand gefahren ist durch desparate Rettungsmaßnahmen (Nullzinspolitik, exzessive Besteuerung „leistungsloser“ Einkommen, direkte Enteignung [vgl. Zypern]) trotzdem ausgeraubt zu werden.
    Kurz: aktuell kann ich eine Zinsgeißel beim besten Willen NICHT erkennen. Das Problem ist vielmehr viel zu billiges „Geld“ (merke: zu viel und zu billig!) bzw. Scheingeld oder Kreditgeld.

    2. Wer ist also der Gewinner des haltlosen Kreditgeldsystems außer seinen Initiatoren (wer DAS ist wäre in einem separaten Artikel zu diskutieren ;-) ?
    Es sind Finanzjongleure, genauer gesagt Kreditjongleure. Das sind Leute, die mit fremdem Geld spekulieren und vom Überschuss (Gewinn ./. Fremdkapitalkosten [Zinsen]) leben bzw. reich werden.
    Woher kommt das Geld? Von anonymen Gesellschaften, Banken genannt. Diese sind als Kapitalgesellschaften („societé anonyme“ mit „limited liability“) organisiert, genauso übrigens wie die Jongleure, die sich zur Verhinderung etwaiger persönlicher Haftung hinter einer Kapitalgesellschaft verstecken. (Die Geschäftsbanken wiederum haben das zusätzliche Privileg, durch Verleih oder gar Verkauf von Aktiva an die Zentralbank ‚Geld aus dem Nichts’ schaffen zu können.)
    Der unglückliche Rest (Arbeitnehmer, Sparer, Unternehmer in der Realwirtschaft): Pech gehabt, er wird von Inflation und staatlichen Abgaben aufgefressen.
    Damit ergibt sich in der real existierenden „regulatory democracy“ (Anthony While, thedailybell.com) folgender Kreislauf: es gewinnt derjenige, der sich „vom System“ billig Geld leiht, damit etwas tut (in Immobilien steckt, z.B.) und den Gewinn privatisiert (Verluste wiederum betreffen die Existenz der Kapitalgesellschaft, nicht die Person).
    Indem diese Art des Wirtschaftens überhand nimmt redet Max Keiser von einem Prozess der „Financialisation“, der größte Teil der Bevölkerung verarmt.
    Um das Diktat der Finanz- über die Realwirtschaft zu verhindern hat ein kleines Land übrigens (vergeblich) 2 große Kriege geführt, jaja… das kleine Land war Deutschland.

    3. Die Sache mit dem Rückbau des Investment Banking könnte schneller wahr werden als gedacht.
    Bekanntlich ist das aktuelle Geldsystem à la post- Bretton Woods gescheitert. Anstatt aber 2008/2009 sich die Niederlage einzugestehen, die Groß- und Investmentbanken Pleite gehen zu lassen und etwaige Verwerfungen in der Realwirtschaft staatlich abzufedern wurde zunächst der finanzielle Weltbrand bekanntlich mit weiteren (staatlichen) Krediten an eben jene Zombies -Groß- und Investmentbanken- „gelöscht“ um dann in ein langanhaltendes Zeitalter der „finanzielle Repression“ zu münden. Letztere hat die Geschäfts- und Investmentbanken bereits eingeholt; ob sie alle Finanzmarktteilnehmer (außer den Vorgenannten auch noch Asset Manager [Lebensversicherungen!] und Hedgefonds) gleichermaßen trifft ist ungewiss.
    „Finanzielle Repressionen“ jedenfalls werden z.B. dazu führen, dass der Kapitalverkehr (wieder) eingeschränkt wird. Dazu wird man „guten“ und „schlechten“ Kapitalverkehr definieren: „schlechter“ Kapitalverkehr wird z.B. sein, wenn Private Vermögenswerte ins Ausland verschieben (d.h. wenn die Mittelschicht noch etwas vom Ersparten retten will), „guter“ Kapitalverkehr ist, wenn bestimmte institutionelle Anleger (die um die Aufnahme in eine entsprechende Liste zu ersuchen haben) in, sagen wir, emerging markets investieren oder umgekehrt anglo-amerikanische Heuschrecken in Deutschland investieren.
    Im Laufe der Zeit wird die finanzielle Repression in die finanzielle Eiszeit münden. Früher sagte man dazu Stalinismus.
    Was ich damit sagen will: die Investmentbanker stehen genauso zur Disposition wie jeder andere Arbeitnehmer auch. Da die Zinsen nicht mehr steigen DÜRFEN –das hätte Staatspleiten zur Folge und würde die parasitäre Klasse gefährden- wird anstelle der bisherigen marktkonformen Eingriffe (die Fed, z.B., kauft aktuell monatlich Anleihen im Volumen von 85 Mrd. USD) künftig ein autoritäres Zinsregime treten, in dem Zinsen einfach staatlicherseits festgelegt werden („ist doch ohnehin viel besser; schaut Euch doch nur die Schummeleien beim Libor-Fixing an!“). Wenn allerdings Marktparameter zunehmend vom Staat festgelegt werden gibt es immer weniger zu „managen“, d.h. die Kapazitäten der Finanzindustrie werden schrumpfen.
    Ob dann allerdings die neue Welt -wertloses Geld (wie war das mit den Aluchips?), bolschewistische Abgabenhöhen, Verbote wohin man schaut- eine erstrebenswerte ist…? Und das alles nur, um die herrschende Clique an der Macht zu halten!

    * von 1814-1914, zu Zeiten des Gold- / Silber- bzw. Goldstandards, betrug die Preissteigerungsrate in Europa 0 (Null) Prozent.

    4.

    Vergrößerung der Geldmenge durch […] spektakuläre Gewinne

    Da ist was dran. Und zwar liegt das an der unter 3. bereits geschilderten Asymmetrie: Gewinne werden privatisiert und Verluste werden durch die Allgemeinheit ausgeglichen, d.h. die in Rede stehenden Kapitalien verschwinden eben nicht (und würden die Geldmenge entsprechend reduzieren), sondern sie werden durch frisch „gedrucktes“ Geld ersetzt. Beispiel: wenn eine Bank Griechenland-Anleihen gekauft hatte und sie wertlos wurden, waren diese abzuschreiben und die Bank hat Verluste zu verbuchen; vielleicht sogar geht sie darüber pleite.
    Ist das passiert? –I wo. Die EZB hat diese Anleihen zum großen Teil zu überhöhten Kursen angekauft und somit die Geschäftsbank vor der Pleite bewahrt; gleichzeitig wurde die Geldmenge am Kontrahieren gehindert (denn die Geschäftsbank hat ja nun ein erhöhtes Guthaben bei der EZB – Aktivtausch).
    Der Haupttreiber der Geldmenge sind jedoch nicht „spektakuläre Gewinne“. Wenn man „gute“ (=staatliche, d.h. insbes. von Bankstern erzielte)** und „schlechte“ Gewinne unterscheidet so ist festzuhalten, dass das große Finanzmarktkasino AUSSERHALB des eigentlichen Bankensystems stattfindet. Das dort eingesetzte und gewonnene Geld lagert im sog. Schattenbankensystem (Bermudas, Kanalinseln, …). Ist ja auch logisch, denn würde dieses Geld nachfragewirksam wäre die Hölle los ;-)

    Nein, der Haupttreiber der Geldmenge und der Geldentwertung ist der STAATLICHE Geldhunger: um die Staatsparasiten zu alimentieren und den dafür notwendigen Apparat aufrechtzuerhalten. Die USA finanzieren sich mittlerweile zu 1/3 über die Notenpresse, Japan zur Hälfte, und die Länder Europas hängen an der EZB wie der Junkie an der Spritze.***
    Bleibt nur EIN Land, das so bescheuert ist und (annähernd) ausgeglichene Haushalte vorlegt (und dafür seine Bürger ausquetscht)… richtig: Deutschland. In allen anderen Ländern werden nach wie vor Schulden gemacht als gäbe es kein Morgen, wer kann rubelt die (direkt oder indirekt empfangene) Staatsknete in Vermögenswerte um mit dem Ergebnis, dass –tada!- der Grieche oder Zyprier oder Italiener oder… vermögender ist als der Deutsche. Und spätestens mit 60 seine „aufreibende“ Arbeit gut sein lässt.

    Diese sog. „Monetisierung der Staatsschulden“ war früher verpönt und später teilweise verboten (vgl. EU- Vertrag von Lissabon). Der direkte Zugriff des Staates auf die Notenbank hat zu allen Zeiten desaströse Folgen gehabt. Unweigerlich wird dadurch über kurz oder lang die Währung ruiniert. Und wie man sieht brechen eben über kurz oder lang die Dämme aus kunstvoll aufgeschichteten Tabus. Schauen Sie mal nach wie früher in der Bundesbank Geld geschöpft wurde. Wie v-o-r-s-i-c-h-t-i-g man da zu Werke ging (Rediskont- und Lombardkontingente; nur [wirklich!] qualifizierte Aktiva etc.). Alles für die Katz. Warum trotz der Finanzierung mittels Notenpresse überhaupt noch Steuern erhoben werden ist Gegenstand einer eigenständigen, separaten Betrachtung.

    Schöner Blogroll, übrigens :-)

    ** war es nicht 2007, als die Gewinne der US-Finanzindustrie die Hälfte aller Unternehmensgewinne in den USA ausmachten? D.h. es sind Gewinne, die nur in einer staatlich bereitgestellten (vgl. Zentralbanken, Zwangsgeldsystem [„fiat money“] etc.) Finanzsphäre möglich sind.

    ***wie kommt das aber? Nun, es hat sich herausgestellt (nicht dass man das vorher nicht gewusst hätte), dass der keynesianische Sozialismus nicht aufrechtzuerhalten ist (also selbst historisch hohe Steuern den Finanzbedarf nicht befriedigen können bzw. die Ansprüche / staatlichen Verpflichtungen den Einnahmen immer weiter davonlaufen). Nahm man das zum Anlass, den Sozialismus abzuschaffen?
    I wo. Die herrschenden Eliten lassen eher ihre Völker verrecken als ihre Fehler zu korrigieren.

  • virOblationis:

    @ Unke

    Einige Anmerkungen:
    zu 1. Ein Inflationsausgleich würde nur den Wert des deponierten Geldes erhalten und stellte insofern keinen Zins im eigentlichen Sinne dar. – Augenblicklich wirkt tatsächlich keine “Zinsgeißel”, wenn der Zins auch seine grundsätzliche Problematik nicht verliert. Oder büßt der Zins etwa seine trad. Bedeutung innerhalb einer Währung ohne objektiven Standard, d.h. ohne jeden staatlich garantierten Gegenwert und damit bei beliebig zu vergrößernder Geldmenge ein?
    zu 2. – 3. Zustimmung
    zu 4. Zum “staatlichen Geldhunger”: Solange der Finanzkapitalismus unangefochten herrscht, agiert der Staat natürlich in dessen Interesse, und da die Steuergelder zur Aufrechterhaltung des Systems nicht reichen, steigt die Verschuldung; für das System sind Banken wie Goldman Sachs von konstitutiver Bedeutung: also dient doch letztlich ihnen die “Finanzierung mittels Notenpresse”. / Zu Deutschlands “(annähernd) ausgeglichene Haushalte[n]”: Nicht berücksichtigt sind dabei die Verbindlichkeiten bis zu 190 Milliarden durch Euro-Rettungsmaßnahmen (s. W. Philipp. Schattenetat, JF 20 (2013), S. 10). – Welche Rolle kommt den Zentralbanken (FED, EZB) innerhalb des Finanzkapitalismus im allgemeinen und im besonderen während der Verschuldungskrise zu?

    Zum Lob der Blogroll: Manfred gebührt es.

  • Konservativer:

    „Geld zieht Geld nach sich, ist bemüht, sich immer an den gleichen Stellen zu sammeln, es bevorzugt als Empfänger Schurken und Mittelmäßige; und wenn es dann unergründlicherweise einmal eine Ausnahme macht und sich bei einem Reichen häuft, dessen Seele weder mordlustig noch schäbig ist, bleibt es unfruchtbar, außerstande, sich in gescheites Gut zu verwandeln; nicht einmal von mildtätigen Händen ausgegeben vermag es irgendeinen höheren Zweck zu erfüllen. Fast möchte man meinen, dass es sich auf diese Art für seine falsche Bestimmung rächt, dass es sich bewusst selber lähmt, sobald es einmal nicht den elendesten Halunken, den widerwärtigsten Rüpeln gehört. Noch Seltsameres geschieht, wenn es sich gar, entgegen aller Normalität, in die Hände eines Armen verirrt. Den nämlich beschmutzt es dann, sofern er rein ist, augenblicklich; es treibt den Züchtigsten der Notleidenden zur Begehrlichkeit, bringt bei dieser Gelegenheit gleich auch Körper und Geist ganz unter seine Kontrolle, verführt sodann seinen Besitzer unmerklich zu niederem Egoismus, zu gemeinem Stolz, flüstert ihm ein, sein Geld nur für sich allein zu verwenden, macht den Demütigsten zum hoffärtigsten Lakaien, den Großzügigen zum Geizhals. In Sekundenschnelle verwandelt es sämtliche Gewohnheiten, wirft sämtliche Ansichten über den Haufen, wandelt die halsstarrigsten Leidenschaften, und das im Handumdrehen. Es ist das nahrhafteste Futter der großen Sünden und ist gewissermaßen auch ihr sorgsamster Buchhalter. Wenn es einmal zulässt, dass sein Besitzer selbstlos handelt, Almosen spendet, einem Armen Gutes erweist, entfacht es in diesem Armen alsbald Hass gegen Wohltätigkeit; es ersetzt Geiz durch Undank, stellt die Balance wieder her, so dass sich unterm Strich alles ausgleicht und nicht eine Sünde zu wenig begangen wird.“ (Joris-Karl Huysmans, „Tief unten“)

  • virOblationis:

    Noch einmal – ausdrücklich an alle Leser – die Frage:
    “Welche Rolle kommt den Zentralbanken (FED, EZB) innerhalb des Finanzkapitalismus im allgemeinen und im besonderen während der gegenwärtigen Verschuldungskrise zu?”

  • Konservativer:

    Ich bin kein Finanzexperte, doch das, was mit der Einführung des EURO in die Wege geleitet wurde erinnert stark an das monetäre Element des “neuen Super-Versailles” (Günter Maschke)/„Versailler Vertrag ohne Krieg“ (Franz-Olivier Giesbert).

    “Target-Salden drängen Deutschland an den Abgrund
    von Malte Fischer

    Die Euro-Rettungspolitik der EZB hat zu gigantischen Risiken in der Bilanz der Bundesbank geführt. Diese haben das Zeug, Deutschland in den Staatsbankrott zu treiben.
    …”
    http://www.wiwo.de/politik/europa/euro-krise-target-salden-draengen-deutschland-an-den-abgrund/6277238.html

    Was die Entstehungs- und Veraufsgeschichte des Euro anbelangt, verweise ich auf das Buch von Udo Ulfkotte “Raus aus dem Euro – Rein in den Knast”, er nennt darin sowohl die verantwortlichen “Rösser und Reiter” dieses sogenannten “europäischen Einigungsprojekts”, als auch diejenigen, die sich, fachlich kompetent, dagegen gestellt haben.
    http://info.kopp-verlag.de/hintergruende/deutschland/christian-wolf/raus-aus-dem-euro-rein-in-den-knast-.html
    http://gaertner-online.de/2013/04/30/nurnberg-2-0-fur-die-euro-verbrecher/
    http://www.citizentimes.eu/2013/04/16/anklage-hochverrat/

    Es ist wohl so, wie Joris-Karl Huysmans 1891 in „Tief unten“ schrieb: “Überall der Triumph der Ruchlosen oder der Mittelmäßigen, überall die Apotheose der Halunken aus Politik und Bankgewerbe!”

  • Konservativer:

    Helmut Schmidt am 02.05.2013 bei Beckmann. Man höre sich seine Ausführungen von 47 bis 49 Minute an, sinngemäß sagt er, daß es sinnvoll wäre die Frage aufzuwerfen, ob die großen deutsche Leistungsbilanzüberschüsse entweder zu reduzieren sind oder damit die Staatsschulden der Anderen zu tilgen”
    http://www.verpasst.de/sendung/75482/Beckmann.html

  • Konservativer:

    http://www.youtube.com/watch?v=nAMnOAekSC0

    “Dem 19. Jahrhundert gelang nur eine ethische Konstruktion großen Stils: das preußische Offizierskorps.” (Nicolás Gómez Dávila)

    Daniel Halevy: Nach dem Sieg in der Marne-Schlacht traf ich Georges Sorel auf der Place Saint-Michel. Ich sehe ihn in noch genau vor mir, seine hohe Gestalt, in dem korrekten Anzug eines Provinzbeamten. Zweifellos hatte ich zu ihm mit einer Lebhaftigkeit gesprochen die ihm naiv vorkam. Ich höre noch die sanfte, väterliche Stimme, für mich etwas Neues an ihm, mit der er mich hernahm, „Halevy“, sagte er, „ Sie glauben also, daß Frankreich eine wichtige Rolle spielt in dem, was zur Zeit vorgeht. Da täuschen Sie sich, Frankreich zählt da kaum. Es gibt nur zwei Kräfte, die das Spiel machen – auf der einen Seite die angelsächsische Finanz‚ auf der anderen Seite der Generalstab in Berlin. Die angelsächsische Finanz will den Generalstab in Berlin vernichten — allein darum geht es.“
    (Armin Mohler, Georges Sorel, S.37)

  • Konservativer:

    Thomas Hoof beleuchtet in seinem Aufsatz “Letzte Ausfahrt weiter hinten: der deutsche Sonderweg” (in: Sezession, Dezember 2008) ausführlich den Hintergrund der doch eher knappen Aussage von Georges Sorel:

    “…
    Die Welt klaffte, Robert Musil zufolge, 1914 »in deutsch und widerdeutsch«. Woran das »Widerdeutsche« Anstoß nahm, ist uns im Nachgang zu dem dreißigjährigen Krieg zwischen Deutschland und der Welt (1914-1945) ausführlichst erläutert worden: Es war der »Reaktionäre Modernismus« des Kaiserreichs, der Empörung weckte, der skeptische Antimodernismus mit den Unterabteilungen Antikapitalismus, Demokratiekritik und Irrationalismus. Das ist zwar nicht ganz rund, denn die Engländer waren auf die Deutschen ja nicht etwa wegen eines modernitätswidrigen Müßiggangs schlecht zu sprechen, sondern eher im Gegenteil, und man tut den Angelsachsen gewiß nicht Unrecht mit der Unterstellung, daß ein unter kaiserlichem Regiment weiterhin nur »reaktionär« dichtendes und denkendes Volk ihren Abscheu weit weniger erweckt hätte als eines, das gleichzeitig das Stahlkochen vervollkommnet, Elektromotoren baut und überhaupt die englische Industrie in nur wenigen Jahrzehnten peinlich deklassiert.
    Der Konflikt, der sich da aufgebaut hatte, war also tatsächlich ein wirtschaftlicher, aber er reichte auf deutscher Seite wesentlich tiefer: Seit Beginn des 19. Jahrhunderts begegnet das deutsche Denken der englischen Nationalökonomie mit großer Neugier, aber steigender Skepsis und wachsender Sorge, hält sie für »ordinär«, geistvergessen (Adam Müller) und für eine banale »Naturlehre der menschlichen Selbstsucht« (Bruno Hildebrandt, 1848).
    Dies waren über fast 150 Jahre die Konstanten der Kritik:
    1. Die deutsche Nationalökonomie dachte von ihren Ressourcen her, von dem, was da war, an Landschaft, an Gewerben, an Institutionen und politischen Formen, an Gewohnheiten und Mentalitäten.
    2. Und sie dachte auf ihre Ressourcen hin, denn wirtschaftlicher Zuwachs füllte in diesem Denken nicht Speicher oder Konten, sondern vergrößerte das »produktive Vermögen« (Hegel): »… überhaupt gar nicht mit Summen hat es die Nationalökonomie zu thun, sondern mit Quellen«. (Friedrich B. W. von Hermann: Staatswirtschaftliche Untersuchungen, 1832). Und es ist von Belang, daß das deutsche Wort »Vermögen« ans Können und Leisten angeknüpft bleibt und nicht ans Eigentum.
    3. Und sie dachte in Zeiten und Räumen, denn wirtschaftliche Kräfte betätigen sich nicht im Irgendwo nach universalen Gesetzen, sondern irn Hier und Jetzt, aus einem geschichtlichen Umfeld und aus geprägten kulturellen Mentalitäten heraus.
    Der Grundtenor der deutschen Opposition war also immer, daß es um die »produktiven Kräfte« gehe, die in erster Linie von Menschen betätigt werden. Nicht die Befriedigung der Bedürfnisse, sei das erste Ziel, sondern die Erhaltung und die Kräftigung der fortdauernden Möglichkeiten dazu.
    Das ist das preußische Prinzip: Alle zu heben, und niemanden sacken zu lassen, eine »Ertüchtigung« aller Stände, Schichten und Menschen, Wirtschaft als ein Ineinander von materieller und ideeller Allokation, eine Gleichzeitigkeit von wirtschaftlichem und kulturellem Wachstum, und eben immer wieder Hegels Hebung des »allgemeinen Vermögens«, die Birger P. Priddat als eine »sublunare Theoriefigur in der deutsche Ökonomie« bezeichnet. Auch die später so geschichtsmächtig gewordene linke Schwester dieser Kritik, der Marxismus also, stammt aus demselben Humus, was man seiner frühen, kritischen Seite noch anmerkt, während Marx sich später revolutionsgewißheitshalber, aber mit sichtbar melancholisch eingetrübtem Temperament, hinter den »wegbereitenden« Lauf der Dinge klemmen mußte.
    Das Absinken ganzer Schichten, denen jede ökonomische Reserve und schließlich auch die Fähigkeit zur »Selbstanspannung« abhanden kommt, die »Proletarisierung« also, die mögliche Ansteckung mit dem »hochgradig pathologischen Charakter der englischen Gesellschaftsstruktur« (Röpke), war ein Schreckensbild, das die deutsche Ökonomie seit dem späten 19. Jahrhundert stets begleitete und sie bis in die 1960er Jahre nicht mehr verließ.
    Was auch immer über diesen »Gemeinschaftsgedanken« der Deutschen ausgeschüttet wurde, welche Dämonen in ihm gesucht und gefunden wurden, seit mindestens zehn Jahren nimmt die Faszination dieser anderen wirtschaftlichen Orientierung unübersehbar zu. (Sie ist, auch von ihren ausländischen Bewunderern, schwer ansprechbar, am unverdächtigsten noch als »stakeholder-socitey«). Und selbst der mentalitätslinke, us-amerikanische Soziologe Richard Sennet weiß in seinem Ekel vor dem neoliberalen Furor heute nicht mehr, wohin er gedanklich anders flüchten sollte als in das preußische Modell, auf das er wehmütig zurückblickt: »Es funktionierte ja. Immerhin sorgte es für soziale Integration …, das Modell bildete einen bemerkenswerten Gegensatz zum Kapitalismus von heute, der Menschen nicht einbezieht, sondern ausschließt …. Es diente den gewöhnlichen Leuten, indem es ihnen eine Lebensgeschichte gab; sie wußten, wo sie hingehörten. Doch im ausgehenden 20. Jahrhundert zerfiel es.« (Weltwoche Nr. 31, 2005).
    Es zerfiel erstens nicht ganz von selbst und zweitens auch nicht vollständig. Aber es war (siehe oben) in seinem »reaktionären« Festhalten an einem »eigenen Weg« ein Stein des Anstoßes und damit Ursache für den großen Krieg im 20. Jahrhundert, dessen erste Runde 1914 begann: Bei Max Scheler ist zu lesen, daß dieser im Kern deutsch-englische Krieg von deutscher Seite »… auf Befreiung abzielt von jenen neukapitalistischen Lebensformen überhaupt, in denen mit England zu konkurrieren und sie dabei selbst anzunehmen, die welthistorische Situation uns zwang. Nicht also siegreiche Konkurrenz mit England, sondern steigende Erlösung vom Zwang einer Konkurrenz mit England … ist das Hauptziel (… dieses Krieges). Der Kapitalistische Geist Deutschlands – so mächtig er schließlich wurde – ist nicht aus deutschem Wesen autochthon entsprungen, sondern nur in gleichem Maße entstanden, als der Eintritt in die uns umgebende Weltwirtschaft und der damit erst gegebene Konkurrenzzwang ihn uns im Gegensatze zu unserer älteren, nach dem Gegenseitigkeitsprinzip organisierten Wirtschaft aufnötigten.« (Max Scheler, Genius des Krieges, 1914)-
    Es ist diese Ausgangslage, die im Deutschland der Vorkriegszeit so etwas wie einen antikolonialistischen Affekt hervorruft mit Motivlagen und Argumentationsmustern, die Rolf Peter Sieferle (in seinem Epochenwechsel, 1994) in den antiimperialistischen und antikolonialistischen Bewegungen der 1950er bis 1970er Jahre wiederfindet. Deutschland also als »antikolonialistische Vormacht« (Johann Plenge, 1919)? Und das führt zu einer Antwort auf die völlig tabuisierte, aber nicht dauernd stillzustellende Frage, aus welchen Quellen den damaligen Deutschen die Kraft zuwuchs, zweimal innerhalb eines halben Jahrhunderts gegen alle Großmächte zu kämpfen und jeweils nur knapp zu unterliegen.
    Der Widerstand jedenfalls zog sich durch in einer nie vollständig unterbrochenen Linie von Hegel, Novalis, Friedrich List, Roscher, Schmoller, Sombart, und dann, nach dem zweiten Teil dieses 30jährigen Krieges, noch einmal durch die Freiburger Schule von Rüstow und Röpke wiederbelebt, deren Ton in ihren letzten Jahrzehnten immer schärfer wurde. Was die in den späten 1950er und frühen 1960er Jahren hochkritisch gewordene Freiburger Schule um Rüstow und Röpke gegen die »Staatskrippen-Tendenzen« argumentativ aufbietet und als »Vitalpolitik« auf einen faßbaren und klingenden Begriff bringt, lohnt heute jedes Studium. Bei Manuscriptum erscheint in Kürze eine Röpke-Auswahl in diesem Sinne. Und 2003 hat Werner AbeIshauser den Faden noch einmal aufgenommen und den deutschen »Sonderweg« erstaunlich unumwunden als Gegenstand und Anlaß eines langandauernden »Kulturkampfs« bezeichnet, der (aus seiner Sicht) im 2. Weltkrieg heiß geworden sei, »… daß der 2. Weltkrieg auch als Bruderkrieg zwischen unterschiedlichen Zweigen der kapitalistischen Großfamilie ausgetragen wurde und die Beseitigung korporativistischer Besonderheiten des deutschen Wirtschaftssystems weit oben auf der Liste amerikanischer Kriegsziele stand«.
    Aber auch die totale Niederlage 1945 konnten die Traditionslinien nicht kappen. Der Rheinische Kapitalismus war so wenig angelsächsisch wie der Preußische Sozialismus marxistisch war. Und noch die Deutschland-AG der 1980er Jahre war eine weitere, schon etwas schwundhafte Evolutionsform auf der langen Linie; sie wurde erst in den späten 1990er Jahren mit der ökonomischen »Modernisierung« Deutschlands und der Öffnung für die »internationalen Kapitalmärkte« gesetzgeberisch geschleift – konsequenterweise durch die »68er« im Amte, die, wie schon 30 Jahre vorher kulturell, diesmal auf ordnungspolitischem Feld Deutschland zu einer weiteren Ankunft im Westen verhalfen – also einer weiteren Ankunft in der Mitte des Bergrutsches, diesmal aber ganz kurz vor dessen längst absehbarem Aufschlag im Tale. …”

  • Konservativer:

    Das uns und unseren Nachkommen von unseren (transatlantisch ferngesteuerten) äh “Eliten” zugedachte Schicksal?
    Dazu eine Allegorie:
    http://www.youtube.com/watch?v=e43RPVFINPs

  • Dietmar Fürste:

    Der real existierende Finanzkapitalismus ist nicht denkbar ohne diejenigen Politiker und Regierungen, denen man die Möglichkeiten der deregulierten Finanzindustrie und der globalen Kapitalverkehrsfreiheit sehr geschickt als zukunftsweisend und alternativlos beigebracht hat.
    Insofern kann er nicht beschrieben werden, ohne Bezug zur Politik seiner Akteure.

    Historisch hat sich diese Entwicklung jedoch nicht im Alleingang ergeben, sondern wurde von der Finanzmacht institutioneller Anleger und der Hochfinanz sowie deren Einfluss auf die westliche Politik gezielt und planmäßig auf zwei Säulen gestützt realisiert:

    Zum einen wurde international durchgesetzt, dass sämtliche Rohstoff- und Energie-Geschäfte weltweit in Dollar abzuwickeln sind.
    Zum anderen wurde jeder “Tanz aus der Reihe” dieser Doktrin mit aller militärisch möglichen Macht, auch mit Interventionen und Krieg durchgesetzt, sodass z.B. Libyen kein Öl gegen Gold und der Iran kein Öl gegen Euro verkaufen durften.

    Damit wurde dem an sich wertlosen Dollar wieder eine Quasi-Deckung verschafft und die FED konnte für eine lange Zeit wieder soviel Dollars drucken, wie benötigt wurden. Damit dieses System aber auch global unter Kontrolle der Wallstreet und der mit ihr vernetzten City of London blieb, mussten sämtliche, noch dem Hoheitsrecht von Nationalstaaten unterworfenen Währungen dazu gebracht werden, sich an den Dollar als ihre überwiegende Reservewährung zu binden.

    In Europa wurde das mit dem US-Projekt ‘EU und Eurozone’ mithilfe aller zur Verfügung stehenden Netzwerke und NGOs, sorgfältig ausgewählter Politiker (Kohl) und der Installation der EZB realisiert.
    Nach dem Vorbild der FED und mithilfe der Goldman-Sachs-Kader in der EZB und direkt in Regierungen konnte nunmehr – ohne dass in die Realwirtschaft in gleichwertigem(!) Umfang investiert zu werden brauchte – die Staatsverschuldung auf die heutige Höhe getrieben werden, sodass sie nie wieder getilgt werden kann.

    Zweck des ganzen sind die Sicherung eines ständig wachsenden Geldflusses aus dem Schuldendienst an die Geber-Institutionen und die daraus resultierende, dauerhafte Einflussnahme auf die Politik der verschuldeten Länder. Für die Erwerbstätigen bedeutet das die Verstetigung ihrer Enteignung durch Inflation, Negativzinsen und immer neue Schulden ihrer Staaten.

    Abgesichert wird in Europa diese imperiale Politik der USA, genauer gesagt der dortigen Hochfinanz, durch die NATO, zahlreiche andere Pakte und Abkommen, die Vernetzung und Kontrolle aller wesentlichen Politikbereiche durch Weltbank, IWF, CFR, Trilaterale Comission, Bilderberger, Atlantikbrücke und die Tätigkeit einer Vielzahl von Instituten und Stiftungen (Bertelsmann), Bildungseinrichtungen für geeignete Politkader (http://www.brandtschool.de/the-school/partners.html) und nicht zuletzt durch die Schattenfraktionen in den Parlamenten, die die Entscheidungen der Abgeordneten geeignet beeinflussen.

    In diesem System ist “Finanzkapitalismus” lediglich ein Begriff für die praktische Seite, die Methodik der Geldflüsse und die Realisierung der modernen Raubzüge des Kapitals und seiner globalen Jagd nach Rendite. Theoretisch untermauert von Ökonomen, die die politische Seite dieses inzwischen weltweiten Finanzkrieges und dessen Folgen für die arbeitenden Menschen in ihren Abhandlungen stets ausblenden und stattdessen lieber über Selbstheilungskräfte des Marktes philosophieren.

    Es ist dennoch ein Selbstmordprogramm, weil die Profitvolumina im Casino der Spekulanten nichts mehr mit der Realwirtschaft zu tun haben und letztere allmählich im Namen eines immer unmenschlicheren “Wettbewerbs” um ständiges Wachstum und für noch mehr Gewinne der Geldbesitzer zugrunde gerichtet wird. Am Ende wird wieder ein Zusammenbruch stehen, der alles und jeden erfasst.

    Der Neustart wird mit einer Währungsreform erfolgen, imd der die Vermögen abgewertet werden, die Schulden jedoch gleich bleiben. Verschont werden dann wieder nur diejenigen, die sich bis dahin mit ihrem ergaunerten Schein-Geld die halbe Welt zum Privatbesitz gekauft haben; Wohnungen und Firmen, Straßen und Versorgungsnetze, öffentliche Gebäude, Grund und Boden, Gold und Kunstwerke usw. usw.

    Eine Alternative wäre allerdings denkbar:

    Sollten sich die BRICS-Staaten doch noch zu einer eigenen Währung entschließen und diese auch im Handel auf den Weltmärkten für Energieträger und Rohstoffe durchsetzen, dann käme es entweder zu einem neuen Weltkrieg, weil damit die Existenz der USA ebenso bedroht wäre, wie ihre Ambitionen, nunmehr nach Europa auch den afrikanischen Kontinent unter Kontrolle zu bringen.

    (Jedenfalls läßt sich das aus der Selbstdarstellung entsprechender Militärs z.B. hier: http://www.africom.mil/about-the-command unschwer ableiten),

    oder aber die USA würden durch die BRICS und deren eigenen Finanzkapitalismus zu einem weltweiten Abkommen gezwungen, auf ihre Vormachtstellung und eine NWO unter ihrer Führung zu verzichten. Der so wieder multinationale Finanzkapitalismus würde sich dann – befreit von angloamerikanischer Dominanz – in Richtung des freien Wettbewerbs der Nationen und im Interesse ihrer Menschen entwickeln können, falls es gelingt, die Wirtschaft zu einer dienenden Funktion für die Menschen zu zwingen und den Erfolg ihres Wachstums und Wettbewerbs auch an ethischen Maßstäben zu messen.

    Möglicherweise hängen unser Überleben und das unseres wunderbaren Planeten davon ab.

  • virOblationis:

    Dank an alle Foristen!

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