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Oberbau und Unterbau des Finanzkapitalismus in Zeiten wachsender Verschuldung von Staaten

von virOblationis

Im vergangenen Jahr kündigte die EZB an, notfalls unbegrenzt Staatsanleihen von Euro-Ländern kaufen zu wollen, nämlich dann, wenn sich nicht mehr genügend Käufer finden und die betreffenden Euro-Staaten dadurch in finanzielle Nöte geraten. Die EZB folgt damit dem Beispiel der FED, die nach wie vor regelmäßig US-Staatsanleihen, also solche in eigener Währung, erwirbt. – Auch die Bank of Japan plant ab 2014 Entsprechendes.

Die Aufgabe der Zentralbank besteht in der Aufsicht über die Währung. In Zeiten des Finanzkapitalismus bedeutet dies natürlich etwas ganz anderes, als wenn der Wert des Geldes (durch Gold) garantiert wird. – Die vom Staat unabhängige Zentralbank ist eine notwendige Voraussetzung des Finanzkapitalismus, da sie frei über die Vergrößerung der Geldmenge bestimmen kann. – Zu was für Auswüchsen dies führt, zeigt das Beispiel der Übernahme von Schulden der einen Staaten durch die anderen im Bereich der EZB. Zugleich wurde auf den Unterschied zwischen FED und EZB hingewiesen: Während der weltweite Rohstoffhandel in US-Dollars abgewickelt wird, ermöglicht durch die hinter dieser Währung stehende größte Militärmaschinerie der Welt, ist der Euro der EZB auf einen kleineren Bereich an Waren und Dienstleistungen beschränkt: Monat für Monat für – sagen wir: 75 Milliarden Euro – Staatspapiere in eigener Währung aufzukaufen, würde den Euro gewiß rascher entwerten als den US-Dollar.

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Wenn die Geldmenge von der Zentralbank dadurch erhöht wird, daß die Banken unbegrenzt und (fast) gratis Geld von ihr erhalten, spricht man von „Null-Zins-Politik“: Der Zins hat seine Bedeutung für das Finanzkapital verloren. Nur abseits des Finanzkapitals, im Unterbau des Systems wirkt der Zins weiter, wenn Kredite vom Fußvolk aufgenommen werden. Umgekehrt, als Sparer, erlangt es auch keinen Gewinn mehr, meist nicht einmal einen Ausgleich für die Inflationsrate.

Um das System aufrecht zu erhalten, wird die „Null-Zins-Politik“ zusammen mit dem dadurch erleichterten Kauf von Staatsanleihen in eigener Währung benutzt: Die Banken erhalten Geld (fast) ohne Zinsen dafür bezahlen zu müssen. Dieses Geld muß angelegt werden: Die Börsenkurse steigen; man hofft auch auf Investmentbanking, um die „Konjunktur anzukurbeln“, jedoch müssen Waren und Dienstleistungen Abnehmer finden, was bei steigender Inflation durch eine sich beständig vergrößernde Geldmenge immer schwieriger werden wird. – Die Banken können aber auch Staatsanleihen kaufen, wodurch wieder Geld in die Kasse des Staates fließt, der die Anleihe emittiert hat; wenn die Käufe durch Banken nicht ausreichen, um die Zahlungsfähigkeit des Staates zu erhalten, kann die ihre Währung beaufsichtigende Zentralbank selbst die Staatsanleihen aufkaufen; dies geschieht vor allem durch die FED und die EZB hat angekündigt, dies auch unbegrenzt zu tun, wenn sie es für nötig erachtet.

Ebenso wie der Zins nur noch das Fußvolk belastet, aber nicht mehr das Finanzkapital, so erwirbt auch nur noch das Fußvolk Geld mittels Gegenleistung durch Arbeit; dies gilt für Lohnempfänger, Selbständige und Unternehmer gleichermaßen. Das Finanzkapital erschafft sein Geld aus dem Nichts; damit entspricht es formal zwar dem durch Arbeit hervorgebrachten Geld, doch funktioniert es als Verdünner von dessen Wert.

 

4 Kommentare zu „Oberbau und Unterbau des Finanzkapitalismus in Zeiten wachsender Verschuldung von Staaten“

  • Unke:

    Lieber virOblationis,
    gerne würde ich anmerkungstechnisch zu diesen Themen noch ganz viel doll klugscheißen. Alleine, mir fehlt die Zeit. Oder sollte ich umpriorisieren? Denn jedesmal wenn ich mit diesem Thema konfrontiert werde (das mir beruflich zudem nicht ganz fremd ist) bekomme ich Pickel und ich möchte an der Aufklärung mitarbeiten bzw. Details richtigstellen. Grundsätzlich stimmt aber die Richting, deshalb halte ich mich zurück. Zumal man sich ausgezeichnet z.B. hier informieren kann.
    Die Sache mit dem Zins ist natürlich richtig (dass eine Nullzinspolitik die Sparer enteignet). Und glaube niemand, dass die Zinsen nach oben gehen werden. DAS WIRD NICHT PASSIEREN. (Lieber Leser, mal kurz nachdenken was passieren würde, gingen die Zinsen wesentlich nach oben.)
    Zinsen kann man von Regierungsseite auf verschiedene Weise unten halten; eine, auch in der Vergangenheit gewählte Möglichkeit, ist schlicht sie festzulegen. Und genau das wird passieren, wenn der Markt höhere Zinsen verlangen sollte. Im gleichen Atemzug sei erwähnt, dass die Zentralbanken den Geist der Geldmengenexpansion nicht mehr in die Flasche zurückstopfen können. Entsprechende Behauptungen (u.a. von Ben Bernanke) sind dreiste und unverantliche Lügen (oder besser: dreiste Lügen, die auf unverantwortlichem Handeln folgen).

  • virOblationis:

    “Im gleichen Atemzug sei erwähnt, dass die Zentralbanken den Geist der Geldmengenexpansion nicht mehr in die Flasche zurückstopfen können.”

    Liebe Unke!

    Wegen der Unumkehrbarkeit – wer sollte die Verluste aus einer Geldmengenverkleinerung tragen können – scheint mir der Vorgang einem Schneeballsystem vergleichbar.

  • Mino:

    Mich würde jetzt noch interessieren, was im Titel angekündigt wird: Was ist der Oberbau, was ist der Unterbau? Hat der Autor möglicherweise vergessen. Oder im Impliziten versteckt.

  • virOblationis:

    @ Mino

    Im Text sind “Unterbau” und “Fußvolk” aufeinander bezogen (erster Absatz nach dem *); später wird das “Fußvolk” vorgestellt: “Lohnempfänger, Selbständige und Unternehmer” (letzter Absatz). Sie bilden also den Unterbau, d.h. sie schaffen die Werte, die von denjenigen, für die der Zins keine Bedeutung mehr hat, “verdünnt” werden durch Schaffung von Geld aus dem Nichts. Dieser Oberbau besteht also aus der Zentralbank, dem finanzkapitalistischen Staatsapparat und den (“systemrelevanten”) Banken. – Freilich muß ich einräumen, daß ich mich mit den Bezeichnungen “Oberbau und Unterbau” an “Überbau und Basis” orientiert habe; da Oberbau und Unterbau, so wie ich sie darzustellen versucht habe, aber durchaus nicht deckungsgleich sind mit Überbau und Basis in marxistischer Sichtweise, ist die abweichende Terminologie m.E. gerechtfertigt, während umgekehrt die Vergleichbarkeit beider Auffassungen durch die Ähnlichkeit der Begriffe zum Ausdruck gebracht wird.

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