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Nach der Frankfurter Schule 1b: Habermas (2. Teil)

von virOblationis

1954 promovierte Jürgen Habermas in Bonn mit einer Dissertation über Schelling*, dessen einhundertsten Todestages man in jenem Jahr gedachte. Habermas‘ für damalige Verhältnisse recht umfangreiche Arbeit – sie umfaßt über vierhundert Seiten – trägt den Titel „Das Absolute und die Geschichte. Von der Zwiespältigkeit in Schellings Denken“. Die Zwiegespaltenheit, die Habermas bei Schelling nachzuweisen sucht, kennzeichnet sehr viel deutlicher sein eigenes Denken. Immer wieder begegnen in seinen theoretischen Entwürfen Doppelkonstruktionen, deren beide Elemente Habermas miteinander zu vereinbaren sucht. Letztlich vergeblich will er damit in verschiedenen Anläufen das Subjekt-Objekt-Problem lösen.

* Friedrich Wilhelm Joseph Schelling; geb. 1775, gest. 1854

Doch darüber hinaus betrifft die Zwiegespaltenheit auch Habermas persönlich. Im Umgang mit anderen Menschen äußert sie sich als Ausschließlichkeit, die nur das Eigene bejaht und Fremdes beseitigen will: Dies zeigte 1980/1981 sich sehr klar in seiner Zeit als Direktor des Münchner Max-Planck-Institutes für Sozialwissenschaften. Während des vorangehenden Jahrzehnts hatte Habermas sich im Schatten eines prominenteren Wissenschaftlers stehend mit der Stelle als bloß zweiter Direktor begnügen müssen. Der Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker*, der während der NS-Zeit nach Beteiligung an der Entwicklung einer atomaren Bombe gestrebt und die Ausrottung Andersdenkender favorisiert hatte, wie die Briefe Werner Heisenbergs** zeigen, wandelte sich in der BRD zum Pazifisten. Auf seine Anregung hin wurde 1969 das Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt in Starnberg gegründet. Dort befaßte man sich mit Entwicklungshilfe, Konfliktforschung sowie Sozial- und Wissenschaftspolitik. Nach der Emeritierung von Weizsäckers 1980 wurde die Einrichtung des Starnberger Institutes geschlossen. Habermas, der mit von Weizsäcker wenig Übereinstimmungen gefunden und seine Institutshälfte schon während der siebziger Jahre eigenständig gemacht, m.a.W. faktisch abgespalten hatte, erhielt nun die Möglichkeit, seine soziologischen Studien im Münchner Max-Planck-Institut für Sozialwissenschaften fortzusetzen. Dort amtierte Habermas jedoch nur bis 1981 als Institutsdirektor, dann trat er zurück, da er mehreren ehemaligen Weizsäcker-Mitarbeitern, die nicht freiwillig gingen, sondern ihre Tätigkeit unter von Weizsäcker als Emeritus in München fortsetzen wollten, gekündigt hatte, und sie wiederum hatten sich an das zuständige Arbeitsgericht gewandt. Habermas beurteilte dies als unverantwortliche Haltung gegenüber dem Institut bzw. dem nunmehr ganz allein ihm unterstehenden Teil desselben, und da er befürchten mußte, daß die Institutshälfte von Weizsäckers neben der seinigen weiterexistieren würde, zog er daraus die Konsequenzen und kündigte 1981.

* geb. 1912, gest. 2007

** geb. 1901, gest. 1976; Nobelpreis 1932

Auch Habermas‘ politisches Denken umfaßt zwei einander ausschließende Aspekte, das Lager der Linken bzw. Demokraten und das der Reaktion, der „Spezis von der anderen Seite“*. Zu letzteren zählen auch die deutschen Konservativen, weil ihre Vergangenheit nach Habermas mit der des NS-Regimes verbunden ist. Wesentlich milder beurteilt er US-Amerikaner, die er für ebenfalls konservativ hält, denn sie hätten liberale Wurzeln: Während der achtziger Jahre unter Präsident Reagan** erhielten diese Neocons Auftrieb, Liberale, die dem Ostblock kämpferisch gegenüberstanden und nach dessen Auflösung die Weltherrschaft der USA mit militärischen Mitteln verwirklichen wollen, was nach 1989 immerhin zu mehreren Kriegen geführt hat; den Auftakt bildete die Invasion der kleinen Inselrepublik Grenada (1983). – In bezug auf die politische Landschaft in Deutschland muß man fragen, wie weit Habermas überhaupt zwischen verschiedenen Positionen im Lager der „Spezis von der anderen Seite“ differenziert. 1979 erzählte Habermas in einem Interview mit Amsterdamer Zeitschrift „Intermediair“, das am 29. Juni jenes Jahres erschien, wie er als junger Mann 1949 Wahlkampfveranstaltungen besucht hat, „u.a. [eine von] Herrn Seebohm***, der gehörte zur DVP.“ Seebohm war erst nach Kriegsende (1945) politisch aktiv geworden, und zwar in der DP, der Deutschen Partei, die von Habermas hier mit der nationalliberalen DVP, der Deutsche Volkspartei der Weimarer Republik, verwechselt wird. Er fährt fort: „Die Parteiversammlung war mit schwarz-weiß-roten Fahnen dekoriert…“ Das wenige Monate zuvor im Mai verkündete Grundgesetz sah allerdings schwarz-rot-gold vor. Was aber das Faß zum Überlaufen brachte, war Folgendes: „Die Parteiversammlung…wurde beschlossen mit dem Deutschlandlied. Da bin ich in einem Gefühlssturm herausgelaufen; ich konnte das einfach nicht ertragen.“ Ist das Deutschlandlied etwa faschistisch? Wohl kaum. Man wird Habermas so zu verstehen haben, daß alles, was nicht zum Lager der politischen Linken gehört, von ihm gedanklich mit dem NS-Regime verbunden wird. Das andere Lager umfaßt also alles, was konservativ bis nationalsozialistisch ist, wobei dazwischen keine wesentlichen Unterschiede existieren. Im Grunde genommen sind sie allesamt „Spezis von der anderen Seite“.

* Interview mit der New Left Review 151 vom Mai 1985

** Ronald Reagan; geb. 1911, gest. 2004; Gouverneur Kaliforniens 1967 – 1975, US-Präsident 1981 – 1989

*** Hans-Christoph Seebohm; geb. 1903, gest. 1967

Theorie und Praxis, die Philosophie und das Zusammeneben mit anderen Menschen in der sozialen wie in der politischen Sphäre, bilden für Habermas anscheinend zwei ganz verschiedene Bereiche. Daher war er auch so schockiert, als er 1953 endlich entdeckte, daß die politischen Ansichten Heideggers während der NS-Zeit in der Vorlesung über Metaphysik 1935 eine sichtbare Spur hinterlassen hatten, die ihn dem Lager der Feinde zuordnete: „Bis zum Erscheinen der Heideggerschen Einführung in die Metaphysik, das war 1953, waren meine politischen und meine philosophischen Konfessionen – wenn Sie so wollen – zwei völlig verschiedene Dinge. Es waren zwei Universen, die sich kaum berührten“* Habermas meint, dies habe sich geändert, doch dies scheint allenfalls oberflächlich geschehen zu sein, da sich auch noch in seinem nahezu dreißig Jahre später erschienenen Hauptwerk „Theorie des kommunikativen Handelns (1981)“ die Prägung durch Heidegger‘sches Denken an zentraler Stelle, nämlich im Verständnis der „Lebenswelt“, erkennen läßt. In die Theorie ist Habermas‘ politisches Denken und Handeln kaum eingedrungen. Die Abgeschiedenheit der Theorie ermöglicht es Habermas, dort die Vermittlung zweier ganz verschiedener Elemente zu verfolgen, wobei er zwar einem den Vorzug gibt, das andere aber keineswegs zu eliminieren sucht.

* Interview mit Amsterdamer Zeitschrift „Intermediair“ vom 29. Juni 1979

In der Zwiegespaltenheit des Habermas‘schen Denkens, findet auch der biographische Hiatus zwischen deutscher Herkunft und geistiger Zugehörigkeit zum „Westen“ seinen Ausdruck: Alles, was ihm die (neue) Identität nehmen will, wird verdammt; das Deutsche ist ihm bestenfalls gleichgültig: „Mir war vollkommen egal, ob die Saar deutsch ist oder nicht.“* 1990 trat er mit dem Argument, jeglicher Nationalstaat sei obsolet geworden, gegen die Wiedervereinigung durch Angliederung der DDR an die BRD ein; sonst berief sich Habermas gern auf die Verfassung, doch das spezifisch deutsche in ihr, ins Besondere den Auftrag zur Wiedervereinigung, schloß er dabei stillschweigend aus. Später sah Habermas „die Verklammerung der nationalen Wiedervereinigung mit der Einigung Europas“ als Bundeskanzler „Kohls historisches Verdienst“ an,** wodurch der Anflug nationaler Souveränität Deutschlands nach dem Jahr 1990 nur kurze Zeit währte.

* Interview Amsterdamer Zeitschrift Intermediair vom 29. Juni 1979 – Habermas bezieht sich auf die „Kleine Wiedervereinigung“ (sc. der BRD mit dem – von der französischen Besatzungszone abgespaltenen – Saarland) im Jahre 1959; bereits nach dem 1. Weltkrieg hatte es ein Völkerbundsmandat Saargebiet gegeben, das Frankreich unterstand und 1935 nach einer Volksabstimmung dem Deutschen Reich wiederangegliedert wurde.

** Interview mit der „Zeit“ vom 31. Dezember 1998

Letztlich mag in Habermas‘ Zwiegespaltenheit calvinistisches Gedankengut in säkularisierter Form weiterwirken; oben wurde vermutet, daß Jürgen Habermas‘ Großvater dem reformierten, nicht dem lutherischen Teil der Evangelischen Kirche der Union angehörte. Der Calvinismus trennt die Menschheit in zwei Lager, die durch Gott von Ewigkeit Erwählten und die ebenso gewiß Verworfenen; zwischen ihnen gibt es keine Übergänge und keinen Austausch.

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Nach der Promotion 1954 wandte sich Habermas von der Philosophie ab, um als Journalist zu arbeiten. Schon vor Erreichen des Doktortitels hatte er mehrere Artikel verfaßt, die in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen waren, darunter denjenigen über die unverändert erschienene Metaphysikvorlesung Heideggers. – Während der zweijährigen Tätigkeit für verschiedene Zeitungen, gründete Habermas auch eine Familie: 1955 heiratete er und wurde Vater dreier Kinder, eines Sohnes der 1956 geboren wurde und zweier Töchter, die 1959 und 1967 zur Welt kamen.

Bereits während des letzten Abschnittes der Gummersbacher Schulzeit, zwischen 1945 und 1949, hatte Habermas Schriften von Marx gelesen. Als Doktorand befaßte er sich mit Georg Lukács‘* „Geschichte und Klassenbewußtsein (1923)“, das in demselben Jahr erschien, in dem Lukács, einer der Volkskommissare der kurzlebigen Ungarischen Räterepublik (1919), an der „Ersten marxistischen Arbeitswoche“ teilnahm, der Auftaktveranstaltung zur Gründung des Frankfurter Institutes für Sozialforschung. Neben Lukács las Habermas, was der junge Marx verfaßt hatte. „Ich dachte, wie schade, daß man diese Motive systematisch nicht wiederbeleben kann.“* Während seiner Tätigkeit als Journalist lernte Habermas die „Dialektik der Aufklärung (1947)“ kennen, und er verstand sie so, als hätten Horkheimer** und Adorno sie „aus einer marxistischen Tradition heraus denken[d]“*** geschrieben.

* ungar. György Lukács; geb. 1885, gest. 1971

** Interview mit Amsterdamer Zeitschrift „Intermediair“ vom 29. Juni 1979

*** Max Horkheimer; geb. 1895, gest. 1973

**** Interview mit Amsterdamer Zeitschrift „Intermediair“ vom 29. Juni 1979

Zugleich begann Habermas, sich für Soziologie zu interessieren. So kam er in Kontakt mit dem wiedereröffneten Institut für Sozialforschung. Durch Adornos Vermittlung wurde Habermas 1956 Assistent des Institutes. Die Stelle war allerdings schlecht bezahlt, und so erhielt Habermas ebenfalls ab 1956 zusätzlich ein Habilitationsstipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft; immerhin war er ja bereits Familienvater.

Habermas bezeichnete sich auf seinen Werdegang rückblickend öfter als „product of reeducation“. Dankbar sprach er davon, daß durch die Beziehungen der zurückgekehrten Mitglieder der Frankfurter Schule zu den in den USA verbliebenen ein „Geflecht akademischer und persönlicher Beziehungen“* zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der BRD entstand, in das junge Wissenschaftler wie er aufgenommen wurden.

* Interview mit der New Left Review 151 vom Mai 1985

Mit Horkheimer und Adorno hatte sich Habermas bereits befaßt und sie persönlich kennengelernt, doch von Marcuse* wußte er nicht viel. Der kam im Frühjahr 1956 nach Frankfurt anläßlich der Teilnahme an der akademischen Feier des einhundertsten Geburtstages Sigmund Freuds**; diese half nebenbei dem früheren Frankfurter Psychoanalytischen Institut (1929 – 1933), das nun den Namen Sigmund-Freud-Institut erhielt, sich wieder an seiner früheren Wirkungsstätte zu etablieren. – Während der sechziger Jahre wurden Habermas und Marcuse Duz-Freunde. Nach dessen Tod (1979) bekannte Habermas, er wisse sich „der Marcuseschen Variante der Kritischen Theorie besonders nahe“***. Habermas bemängelt an Horkheimers und Adornos Version der Kritischen Theorie eine unzureichende Wertschätzung der Staatsform Demokratie und an Adorno ins Besondere, daß „man mit den Aporien einer sich selbst verneinenden Philosophie als Wissenschaftler[, d.h. in Habermas Fall als Vertreter der Soziologe,] nicht leben kann.“****

* Herbert Marcuse; geb. 1898, gest. 1979

** geb. 1856, gest. 1939

*** Interview mit der New Left Review 151 vom Mai 1985

**** Dialektik der Rationalisierung, Ästhetik und Kommunikation 45/46 (1981) I. Zur Tradition der Kritischen Theorie

Habermas faßte Marcuses Vortrag 1956 folgendermaßen zusammen: „Die Dialektik des Fortschritts hat heute eine nicht repressive Kultur objektiv möglich gemacht, ,die morgen oder übermorgen realisiert werden kann, wenn die Menschen nur endlich wollen.‘“ – Habermas‘ Zustimmung zu Marcuse, der etwa zwanzig Jahre später während eines Besuches bei ihm am Starnberger See starb, trübte das Verhältnis des Institutsassistenten zu Adorno und Horkheimer möglicherweise.

Ins Besondere Horkheimers Einstellung gegenüber Habermas war alles andere als freundlich. Horkheimer mochte – besorgt um sein Ansehen – den begabten jungen Habermas aus dem Institut für Sozialforschung als Konkurrenten fürchten, dessen Aufstieg in Frankfurt begann, während Horkheimer seinen Wohnsitz 1958 in den Schweizer Tessin verlegte, sich also vom Frankfurter Universitätsbetrieb zurückzog. Von dort aus schrieb Horkheimer bald nach der Ankunft im September 1958 einen langen Brief zur fachlichen und persönlichen Herabsetzung des jungen Habermas an Adorno, und im Jahr darauf lehnte Horkheimer eine Habilitation von Habermas ab, ganz dem entsprechend, was er zuvor an Adorno geschrieben hatte: „Lassen Sie uns zur Aufhebung der Lage schreiten, und ihn in Güte dazu bewegen, seine Philosophie anderswo aufzuheben und zu verwirklichen.“

In seinem Brief an Adorno monierte Horkheimer Habermas „stets wiederholtes Bekennntis zur Revolution“; sie bilde für Habermas „eine Art affirmativer Idee, ein verendlichtes Absolutum, einen Götzen“, was „kritische Theorie, wie wir (sc. Horkheimer und Adorno) sie meinen, gründlich verfälscht.“ – Nach Habermas sollte Dialektik zwischen Theorie und Praxis vermitteln, doch Horkheimer meinte, der „dialektische Herr H.“ weise nicht nur erhebliche persönliche Schwächen auf, sondern sein „Mangel an gesellschaftlichem Verständnis“ würde darüber hinaus „den Geschäften der Herren im Osten Vorschub“ leisten und zugleich „den potentiellen Faschisten im Innern in die Hand spielen“. Habermas sei zwar ein „besonders regsamer, tätiger Mensch“ von „ungeheurem Scharfsinn“, und er könne „als Schriftsteller eine gute, ja glänzende Karriere“ vor sich haben, doch nicht als Philosoph in der Tradition der Kritischen Theorie der beiden Leiter des Institutes.

Aus Frankfurt hinausgedrängt habilitierte sich Habermas in Marburg (1961), und es war geradezu eine Ironie der Geschichte, daß Habermas 1964 auf den seit der Emeritierung Horkheimers vakanten Lehrstuhl berufen wurde, nachdem er zuvor als außerordentlicher Professor drei Jahre lang in Heidelberg gelehrt hatte. Habermas kehrte gewissermaßen im Triumphzug nach Frankfurt zurück.

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Solange Kurt Schumacher* als Parteivorsitzender den Kurs der SPD** bestimmte, mochte Habermas sich nicht zu ihren Sympathisanten rechnen, denn der aus Westpreußen stammende Schumacher, Freiwilliger im 1. Weltkrieg, war national gesinnt und verstand sich als Alternative zu Adenauer***, den er durch einen Zwischenruf im Bundestag als „Kanzler der [West-]Alliierten“ verunglimpfte. Nach Schumachers Tod 1952 änderte sich Habermas‘ Verhältnis zur SPD, die wie er die Verwirklichung des Marxismus im Rahmen einer parlamentarischen Demokratie für möglich hielt.

* geb. 1895, gest. 1952

** 1946 – 1952; Sozialdemokratische Partei Deutschlands

*** Konrad Adenauer; geb. 1876, gest. 1967

Die Befürwortung der Demokratie als der einzigen dem modernen Menschen angemessenen Staatsform bildet in Habermas‘ Denken das Gegenstück zur Verdammung der politischen Reaktion. Die Aufklärung des 18. Jahrhunderts bildete den Auftakt zur Moderne, und diese zeichnet sich nach Habermas dadurch aus, daß sie nicht mehr an die Traditionen anknüpft, um diese weiterzuentwickeln, sondern ihre Normen aus sich selbst erschafft, statt sie von anderswoher zu übernehmen. Die geschichtliche Entwicklung Westeuropas [samt den USA] erreichte im 19. und 20. Jahrhundert den fortgeschrittensten Zustand und bildet daher den Maßstab für die Verwirklichung der Moderne. So hat Deutschland 1945 die Möglichkeit erhalten, sich von seinen Überlieferungen zu lösen und sich als modernes Gemeinwesen zu konstituieren, das seine Normen selbst bestimmt. – Habermas‘ Verständnis der Moderne erscheint ungeschichtlich, als ob sie einen ein für alle Mal hergestellten Endzustand bilde, weshalb eine Postmoderne nur eine unzutreffende Bezeichnung mit Blick auf Aporien innerhalb der Moderne sein kann, wenn sie nicht zur Vormoderne zurückstreben will.

Als die SPD 1959 in ihrem Godesberger Programm auf Distanz zum Marxismus ging, gehörte Habermas zu den Kritikern dieser Wende und zu den Unterstützern des SDS*, der 1961 von der SPD ausgeschlossen wurde, da er am Marxismus festhielt; an seine Stelle trat der SHB, der Sozialdemokratische Hochschulbund. Habermas rief daraufhin zusammen mit einigen anderen Professoren die Sozialistische Förderergesellschaft [zur Unterstützung des SDS]** ins Leben.

* Sozialistischer deutscher Studentenbund

** später in „Sozialistischer Bund“ umbenannt

Habermas forderte von den Mitgliedern des SDS einen „radikalen Reformismus“, aber er lehnte gewalttätige Aktionen ab. Dabei blieb er auch nach dem Tod Benno Ohnesorgs*, der 1967 von einem West-Berliner Polizisten erschossen wurde, der für die Ost-Berliner Staatssicherheit gearbeitet hatte (und möglicherweise noch immer in deren Auftrag handelte). Habermas rief zur Beseitigung des Theoriemangels auf, während Rudi Dutschke**, Mitglied des Vorstandes des SDS und damals dessen prominentester Vertreter, eine „Propaganda der Tat“ forderte. „Da ist dann das Bild entstanden, der Habermas distanziert sich wirklich von der Protestbewegung.“*** – 1983 schrieb Habermas rückblickend: „Nach meinen Erfahrungen war in den Jahren der Studentenrevolte das Selbstverständnis vieler Akteure durch falsche revolutionäre Vorbilder inspiriert. Jedenfalls fehlte die Identifikation mit den Verfassungsgrundsätzen einer demokratischen Republik…“****

* geb. 1940, gest. 1967

** geb. 1940, gest. 1979

*** Interview mit Amsterdamer Zeitschrift „Intermediair“ vom 29. Juni 1979

**** Ziviler Ungehorsam -Testfall für den demokratischen Rechtsstaat, in: Peter Glotz (hg.), „Ziviler Ungehorsam im Rechtsstaat (1983)“

Habermas sieht sich zwar als Marxist, verbleibt aber zugleich im Umfeld der SPD. Er hat verschiedene Vorträge vor SPD-Parteimitgliedern gehalten und ist 2012 vom SPD-Parteivorsitzenden um einen Beitrag für das Regierungsprogramm für den Fall eines Wahlsieges im folgenden Jahr ersucht worden; darin ist Habermas für eine weiteren Ausbau der EU eingetreten, d.h. für eine verstärkte Übertragung von Machtbefugnissen an demokratisch kaum legitimierte Institutionen, denn, soweit sie von den Bürgern überhaupt durch Wahlen bestimmt werden, sind diese nicht gleich, sondern in der Stimmengewichtung von der Größe des Mitgliedsstaates abhängig, und nicht frei wegen des Verbots von Parteien. Dadurch schwächt eine weitere Verlagerung von Entscheidungsbefugnissen auf die Ebene der EU die parlamentarische Demokratie in den einzelnen Mitgliedsstaaten noch mehr, als es bisher schon der Fall ist.

Wenn Habermas also immer wieder die zentrale Bedeutung betont, die er der Demokratie in seinem Denken zumißt, dann versteht er unter Demokratie offenbar etwas anderes als die Kontrolle der politischen Macht durch die Gesamtheit der Bürger als Wahlvolk: Nach Habermas vollzieht sich die Willensbildung in der bürgerlichen Öffentlichkeit in Form einer argumentativen Auseinandersetzung; dies kann in einzelnen Staaten oder auf europäischer Ebene geschehen, wobei letzteres den Vorteil bietet, das nationale Element weitgehend auszuschalten. – Habermas schätzt die Demokratie als Staatsform, denn mit ihr „setzen sich auch Formen der diskursiven Willensbildung durch.“*

* Theorie des kommunikativen Handelns VI. Zweite Zwischenbetrachtung: System und Lebenswelt 1. Das Konzept der Lebenswelt und der hermeneutische Idealismus der verstehenden Soziologie – kursiv im Original

Die Legitimität der Politik ist nach Habermas von ihrer Übereinstimmung mit der öffentlichen Meinung abhängig. Diese entsteht aus einem Diskurs, an dem aber nie wirklich alle Bürger beteiligt sein können; es bleibt zu fragen, ob dies Habermas‘ Verständnis von Öffentlichkeit in Frage stellt oder ob es ihm sogar entspricht. – Nach Habermas ist der Diskurs durch Vernunft bestimmt; er darf also nicht durch Autoritäten oder Traditionen bevormundet werden. Die Idee eines herrschaftsfreien Diskurses klingt bereits in Habermas‘ 1962 veröffentlichter Habilitationsschrift „Strukturwandel der Öffentlichkeit“* an.

* „Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft (1962)“

1 Kommentar zu „Nach der Frankfurter Schule 1b: Habermas (2. Teil)“

  • Unke:

    Schelling. Das erklärt einiges!
    Unter den “Tübinger 4″ – vgl.
    Der Schelling und der Hegel
    Der Schiller und der Hauff
    Das ist bei uns die Regel
    Das fällt uns gar nicht auf

    war er der abgedrehte Mystiker, der bei weitem nicht die Popularität wie Hegel erlangte, dem aber von heutigen Autoren (ich erinnere mich da an Walter Jens, “Statt einer Literaturgeschichte”) durchaus visionäre Qualitäten zuerkannt werden.
    Wenn nun so einer von einem Marxisten wie Habermas verwurstet wird ist das Desaster (sowohl für Habermas persönlich als auch für die Geisteswissenschaft) vorprogrammiert.
    Nun, immerhin hatte bei Habermas wiederum ein gewisser Hans-Hermann Hoppe promoviert…

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