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Nach der Frankfurter Schule 2: Sloterdijk

von virOblationis

Der wenigstens seit der Jahrtausendwende in der bundesdeutschen Öffentlichkeit als Philosoph weithin bekannte Germanist Sloterdijk reiste während der zweiten Hälfte der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts, wie viele seiner Zeitgenossen, die etwas auf sich hielten, zum Ashram in Poona*. Dort wurden die animalischen Triebe nicht nur möglichst uneingeschränkt ausgelebt wie zuvor bei den „Achtundsechzigern“ und in der unpolitischen „Hippie-Bewegung“, sondern dies Geschehen wurde von Bhagwan**, dem Erleuchteten, auch noch religiös überhöht. Die Vernunft sollte völlig aufgegeben werden, damit der Adept als leeres Gefäß das Nirwana erreiche; und da die Persönlichkeit des Menschen unlöslich mit seiner Vernunftbegabung verbunden ist, verliert er zusammen mit dem Verstand auch sein Ich: Dies versetzt den Sanyassin Bhagwans bzw. Oshos, wie er sich später nannte, in die Lage, sich dem Meister bedingungslos zu unterwerfen, ohne mit Hilfe eines Restes kritischen Denkens dessen primitives Protzen irgendwie anstößig zu finden: „Wer bist du, daß du wissen könntest, was richtig oder falsch ist?“

* so die engl. Form; indisch Pune; „Ashram in Poona“ hieß auch ein Film aus dem Jahre 1979

** eigentl. Rajneesh Shandra Mohan; geb. 1931, gest. 1990

Der junge Sloterdijk scheint in Indien nicht das Nirwana erreicht zu haben, sondern vielmehr auf einen ganz ketzerischen Gedanken verfallen zu sein: „Wenn die Sphäre des Körperlichen in Poona als Religion propagiert wird, warum sollte es dann nicht möglich sein, sie daheim als Philosophie zu verbreiten, der jeder nach eigenem Gutdünken folgen mag; man bewahrt das Ausleben der Triebe, erspart sich aber die Unterwerfung unter einen Guru.“ – Aus solchen Überlegungen heraus wird die „Kritik der zynischen Vernunft“ entstanden sein, die 1983 erschien und als philosphisches Meisterstück, ja Jahrhundertwerk angepriesen wurde, doch nicht alllzu häufig rezipiert bald darauf nahezu in Vergessenheit geriet; es wird freilich in immer neuen Auflagen nachgedruckt, und man fragt sich, wer es wohl kauft und liest. Das zweibändige Werk sucht, sich in die Tradition der Frankfurter Schule zu stellen und bildet zugleich ein Dokument der entstehenden Neuen Linken; es speist sich, wie oben bereits angedeutet, ebenso auch aus ganz anderen Quellen als der Kritischen Theorie.

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Peter Sloterdijk kam 1947 als Sohn einer Deutschen und eines Niederländers zur Welt. Da die Ehe bald darauf geschieden wurde, wuchs Peter Sloterdijk vaterlos auf. Von 1968 bis 1974 studierte der junge Sloterdijk in München und Hamburg, und in der Hansestadt promovierte er 1975* im Fach Germanistik. Von 1978 bis 1980 hielt er sich als Sanyassin Bhagwans im indischen Pune auf; ab 1980 lebte er als freier Schriftsteller in der BRD.

* so seine eigene Angabe; verbreitet ist dagegen die Datierung auf 1976

Bald nach der Rückkehr aus Indien verfaßte Sloterdijk seine „Kritik der zynischen Vernunft“; auf den Titel verfiel er offenbar, weil sich das Erscheinen der „Kritik der reinen Vernunft (1781)“ gerade zum zweihundertsten Male jährte. Dem Vorwort des Werkes zu Folge, schrieb der Verfasser seinen Essay offenbar 1981 nieder, doch erschien er erst zwei Jahre darauf. Sloterdijks zweibändige, annähernd tausend Seiten umfassende „Kritik der zynischen Vernunft“ hat inhaltlich kaum etwas mit Kants „Kritik der reinen Vernunft (1781)“ zu tun. Dies erklärte Sloterdijk im Vorwort damit, daß seine Rede von einer Kritik der zynischen Vernunft eben ironisch gemeint sei. – Wie auch immer dies zu verstehen sein mag – jedenfalls etablierte die bald nahezu vergessene „Kritik der zynischen Vernunft“ Sloterdijk als Philosophen der alten Bundesrepublik, dessen Wort im öffentlichen Diskurs seit 1983 noch an Gewicht gewann.

Im Jahre 1999 sagte sich Sloterdijk öffentlich von der Kritischen Theorie im allgemeinen und von Habermas im besonderen los. Den Anlaß dazu bildete ein Vortrag, den Sloterdijk zum ersten Mal bereits 1997 gehalten hatte; er wiederholte dies zwei Jahre später. Daraufhin erschien in der „Zeit“ vom 2. September 1999 der Artikel eines Journalisten, der Sloterdijks Vortrag „Regeln für den Menschenpark“ aufs Schärfste angriff.

Sloterdijk hatte in seinem Vortrag – zwar weitschweifig*, aber keineswegs in schwer verständlicher Sprache – ausgeführt, daß traditionell Gott als der eigentliche Hirte und Züchter bzw. Erzieher und Bildner gegolten habe, an dessen Stelle dann Menschen getreten seien, um in seinem Sinne zu wirken. Nun aber, in unserer Zeit, sähen sich die Menschen sich selbst überlassen und müßten deshalb Regeln (für den Menschenpark) aufstellen; sie hätten einen „Codex der Anthropotechniken zu formulieren“, damit nicht etwa versucht werde – ins Besondere mit Hilfe der Biotechnologie – einen Übermenschen zu züchten, denn solche Verirrungen sollten „heute und vielleicht für immer verflogen“ sein. Sloterdijk legt Heidegger die Worte in den Mund: „Was zähmt noch den Menschen, wenn der Humanismus als Schule der Menschenzähmung scheitert [bzw. angesichts neuer Entwicklungen nicht mehr aktuell erscheint]?“

* Sloterdijk selbst spricht stattdessen von „eine[r] ziemlich esoterische[n], literarisch anspruchsvolle[n] Rede“, ja, er nennt sie „ein philosophisches Nachtstück“.

Sloterdijk wendet sich also gegen den Übermenschen und damit gegen den Racismus, aber allein dessen indirekte Thematisierung rief Habermas auf den Plan. Den Text Sloterdijks auf den Kopf stellend warf ihm der Journalist Thomas Assheuer* in seinem – nach einem Gespräch mit Jürgen Habermas – verfaßten Artikel „Das Zarathustra-Projekt“** vor, Sloterdijk hege „biopolitische Selektionsfantasien“ und befürworte „eine genetische Revision der Gattungsgeschichte“ des Menschen, die durch eine „demokratiefreie Arbeitsgemeinschaft“ von „Philosophen und…Gentechnikern“ zu beschließen sei. Sloterdijk nahm dies zum Anlaß, sich in einem Artikel, der in der nächsten Ausgabe der Zeit erschien, öffentlich von der Tradition der Kritischen Theorie loszusagen und Habermas als Drahtzieher einer gegen ihn gerichteten Kampagne zu denunzieren.*** Zwar monierte Habermas in seiner Entgegnung,**** Sloterdijk sei inhaltlich nicht auf die Kritik an seinem Vortrag eingegangen, doch begründete er dies nicht weiter, sondern gestand in seinem Antwortschreiben an Sloterdijk – gewiß eher unfreiwillig – ein: „In dieser Situation habe ich zur Sache weiter nichts zu bemerken.“ Andererseits erweckte er den Eindruck, Sloterdijk würde sich nicht scheuen, „in den Fanfarenstoß von den zitternden morschen Knochen einzustimmen“, womit Habermas auf das in der NS-Zeit verbreitete Lied „Es zittern die morschen Knochen“ anspielte.

* geb. 1955

** Die Zeit Nr. 36 vom 2. September 1999

*** „Die Kritische Theorie ist tot“, Die Zeit Nr. 37 vom 9. September 1999

**** „Post vom bösen Geist“, Die Zeit Nr. 38 vom 16. September 1999

Trotz dieses Versuches, Sloterdijk braun anzufärben, kam es zu keiner gesellschaftlichen Disqualifizierung, einerseits weil der Anlaß doch allzu sehr an den Haaren herbeigezogen war, andererseits, weil Habermas seinen Zenit bereits überschritten und an Einfluß verloren hatte; letztendlich kommt hinzu, daß Sloterdijk, wie noch zu zeigen sein wird, mächtige Förderer haben muß, die ihn zu schützen und dem bundesdeutschen Publikum zu erhalten wissen. So geriet Sloterdijk nicht etwa ins gesellschaftliche Abseits, sondern ganz im Gegenteil stieg er zu einem Fernseh-Philosophen auf, der zusammen mit Rüdiger Safranski*, ebenfalls Germanist und freier Schriftsteller, von 2002 an eine eigene Sendung moderierte, die bis 2012 ausgestrahlt wurde. Dabei handelte es sich um Gespräche, die Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski mit jeweils anderen Gästen über aktuelle Themen führten, nicht etwa um die allgemeinverständliche Erklärung philosophischer Lehren. Dazu dürften beiden Moderatoren auch die fachlichen Voraussetzungen gefehlt haben. – Neben verschiedenen Gastdozenturen übernahm Sloterdijk 2001 als Rektor die Leitung der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in seiner Heimatstadt Karlsruhe, wo er bereits seit 1992 als Professor für Ästhetik und Philosophie lehrte; anzumerken bleibt, daß auch Safranski – wie Sloterdijk ohne Habilitation – inzwischen als Professor unterrichtet, und zwar seit 2012 in Berlin am Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaften.

* geb. 1945

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Die „Kritik der zynischen Vernunft (1983)“ versucht offenbar, nicht nur inhaltlich, sondern auch stilistisch an die Frankfurter Schule anzuknüpfen, und zwar an die Unverständlichkeit ihrer Texte, doch erreicht sie die „Kritik der zynischen Vernunft“ nicht. Statt dessen herrscht ein assoziativer, Begriffe verquirlender Stil vor, angesichts dessen schon auf Juvenals* Wort von der Schwierigkeit, keine Satire darüber zu schreiben,** hingewiesen worden ist. – In dem Stil der „Kritik der zynischen Vernunft“ ist auch Sloterdijks Hauptwerk verfaßt, die von 1998 bis 2004 veröffentlichte, umfangreiche Sphären-Trilogie aus „Blasen (1998)“, „Globen (1999)“ und „Schäume[n] (2004)“; 2005 erhielt Sloterdijk, neunundzwanzig Jahre nach Habermas, ebenfalls den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa. Die Sphären-Trilogie soll eine große Erzählung der Menschen darstellen, von denen jeder seit je her auf den anderen hin ausgerichtet lebt, und zwar in einer von zahlreichen in sich geschlossenen Welten. Auch in seinem bald nach der „Sphären-Trilogie“ veröffentlichtem Werk „Weltinnenraum des Kapitals“*** befaßt sich Sloterdijk mit der globalisierten Welt und widerspricht der Vorstellung von einer vereinheitlichten Menschheit. Darin zeigt sich erneut – wie zuvor im Ashram – seine Eigenheit: Sloterdijk geht nicht in der von anderen postulierten Wirklichkeit, in deren Ideologie, auf, sondern bewahrt sich einen Rest kritischen Denkens. Dem gemäß stellt er in der „Sphären-Trilogie“ fest, daß eine der Welten, einer der Kulturräume, nicht unbegrenzt Menschen aus anderen aufnehmen kann; und wie er in der Sphären-Trilogie daneben die Empfänger von Sozialleistungen angreift, so empfiehlt er im „Weltinnenraum des Kapitals“ den Umbau des Wohlfahrtssystems nach us-amerikanischem Vorbild, mit Stiftungen an Stelle staatlicher Einrichtungen.

* geb. ca. 55 n. Chr., gest. nach 127, mögl. 138

** „difficile est, satiram non scribere“, es ist schwierig, [darüber] eine Satire nicht zu schreiben, Sat. I, 30

*** „Weltinnenraum des Kapitals. Für eine philosophische Theorie der Globalisierung (2005)“

Die Philosophie Sloterdijks nach 1999 besteht z.B. aus Ratschlägen wie dem, als Reaktion auf die internationale Finanzkrise seit 2008 das eigene Leben zu ändern.* Daneben beklagt er eine Benachteiligung der Leistungsträger, was den seit 2001 amtierenden Leiter des Institutes für Sozialforschung, Axel Honneth**, 2009 dazu veranlaßte, Sloterdijk in der „Zeit“ anzugreifen. Eine Gegenüberstellung von „working rich“ und „parasitären Armen“ hatte Sloterdijk bereits im „Weltinnenraum des Kapitals“ vorgenommen. Von Positionen, die in der Partei der US-Republikaner verbreitet sind, unterscheidet Sloterdijk freilich seine Verurteilung der – vorgeblich bloß irgendwelchen Terror bekämpfenden – US-Kriegspolitik, auf Grund derer Sloterdijk sogar Anti-Amerikanismus vorgeworfen wurde. – Wie ein echter Neocon aus der Zeit vor 1989 hingegen zieht Sloterdijk im „Weltinnenraum des Kapitals“ gegen den Marxismus zu Felde: Sloterdijk erklärt den Faschismus dabei jedoch – kühn über Noltes*** „prius“ hinausgehend – zum Plagiat des Bolschewismus; ein US-Neocon würde das Verhältnis zwischen beiden Repräsentanten des Bösen gewiß umkehren, da er sozusagen in jedem kriegerischen Diktator auf Erden die Verkörperung Hitlers sieht, nicht etwa die Stalins. Aber selbst diese steile These Sloterdijks beschwor trotz allgemeinem Kampfes gegen rechts in der BRD keine Kontroverse wie den Historikerstreit von 1986 bis 1987 herauf; offenbar gibt es Mächte, die ihre schützende Hand über Sloterdijk halten, auch wenn er sich einmal „vergaloppiert“.

* „Du musst dein Leben ändern. Über Anthropotechnik (2009)“

** geb. 1949

*** Ernst Nolte; geb. 1923: Der Faschismus (einschl. des NS-Rassenmordes) bildete eine Abwehrreaktion gegen den Bolschewismus (einschl. des kommunistischer Klassenmordes).

So erscheint Sloterdijk dem in Frankreich wirkenden populären Philosophen Bernard-Henry Lévy* nicht ganz unähnlich; auch letzterer vertritt die Positionen der US-Republikaner, allerdings einschließlich des „war on terror“, was angesichts seiner jüdischen Herkunft um so nachvollziehbarer erscheint, da Israel von arabischen Staaten umgeben ist, die einen beträchtlichen Anteil an dem haben, was das Objekt des „war on terror“ bildet. Wie Sloterdijk scheint auch Lévy sich als Philosophen zu überschätzen, obgleich es ihm an tiefergehender Kenntnis mangelt. Bernard-Henry Lévy, der sich selbstgefällig BHL nennt, blamierte sich bis auf die Knochen, da er in „De la guerre en philosophie (2010)“ als Beleg für seine Abqualifizierung Kants das Werk eines gewissen Jean-Baptiste Botul anführt, des Begründers des philosophischen Botulismus**, in dem es mit Neu-Königsberg um eine Kolonie von Kantianern in Paraguay geht – die Erfindung eines Satirikers, der dabei gewiß an Nietzsches*** Schwester gedacht hat, die mit ihrem Ehemann und einigen von ihm überredeten Auswanderern 1886 die Siedlung Neu-Germania in Paraguay gründete.

* geb. 1948

** Als Botulismus bezeichnet man eine durch Toxine des Bakteriums Clostridium botulinum ausgelöste Lebensmittelvergiftung, die zum Tode führen kann.

*** geb. 1844, gest. 1900

*

Peter Sloterdijks „Kritik der zynischen Vernunft (1983)“ unterscheidet zwischen Zynismus, der der Vernunft folgt, und Kynismus, der Herrschaft der animalischen Triebe, des Leibes, über den Menschen. In immer neuen Anläufen sucht Sloterdijk, die Vernunft endgültig zu überwinden.

Der Leiblichkeit schreibt er eine „sprachlose(n) Sprache“* durch Äußerungen des Körpers zu. Danach ersetzen z.B. Körpergeräusche vernunftgemäßes Argumentieren. Eigentlich hätte dabei auch Gewalttätigkeit als körpergemäße Ausdrucksform und Ersatz von Argumenten erwähnt werden müssen; das hätte jedoch den Teil der Leserschaft, der sich dem Andenken des Hippie-Mottos „make love, not war“ noch immer verpflichtet fühlte, irritiert. – „Er (sc. der Kyniker) sieht unverwandt auf die nackten Naturtatsachen. … Der kynische Blick richtet sich immer auf das Nackte; er will die ,rohen‘, animalischen und einfachen Tatsachen anerkennen, über die sich die Liebhaber des Höheren so gern hinwegsetzen.“** Kurzum, es geht Sloterdijk um ein „säuisch und epikureisch Leben“.***

* Zweiter Teil. Zynismus im Weltprozeß, I. Physiognomisches Hauptstück, A. Zur Psychosomatik des Zeitgeistes

** ebd.

*** Zweiter Teil. Zynismus im Weltprozeß, III. Logisches Hauptstück, B. Transzendentale Polimik. Heraklitische Meditationen

Bei Freud heißt es: „Wo Es war, soll Ich werden.“* Dies zielt auf Bewußtwerdung von Verdrängtem. Die „Kritik der zynischen Vernunft“ stellt dies auf den Kopf: Es gehe Freud darum, das [gesamte] Es ins Ich aufzunehmen.** Die „,Aufhebung‘ des Es ins Ich [setzt] zunächst das Gegenteil von Ich-Herrschaft voraus… Also ist nicht länger zu übersehen, daß das ,Es‘ zu mir gehört… ein neues Ich…wird dabei ins Leben gerufen….“*** – Es stellt sich die Frage, was denn vom Ich noch bleibt, wenn es nun vom Animalischen „geradezu weggespült werden kann.“****

* „Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (1933)“

** s. Zweiter Teil. Zynismus im Weltprozeß, III. Logisches Hauptstück, B. Transzendentale Polimik. Heraklitische Meditationen

*** Zweiter Teil. Zynismus im Weltprozeß, III. Logisches Hauptstück, B. Transzendentale Polimik. Heraklitische Meditationen – kursiv im Original

**** ebd.

Sloterdijk behandelt zusammen mit der Vernunft und dem Körperhaften auch die philosophische Problematik von Subjekt und Objekt, indem er das Subjekt mit Vernunft und Herrschaft bzw. mit dem Ich in Zusammenhang bringt, das Objekt mit dem von Freud als Es bezeichneten Bereich des Unbewußten und der Triebe, aber auch mit dem Verdrängten. Das denkende Ich wolle sich des Es bemächtigen, heißt es bei Sloterdijk.* Gegen den bisherigen „Primat des Subjekts“** will Sloterdijk ein anderes Verhältnis zum Objekt entwickeln, wobei er von Erotik spricht. Tatsächlich erhebt Sloterdijk die Forderung, dem Objekt den Vorrang zu lassen. Es geht Sloterdijk um „die Verflüssigung der Subjekte“.*** Ihr entspricht „eine Philosophie ohne Subjekt“.**** Langer Rede kurzer Sinn: Sloterdijk will das Subjekt im Objekt aufgehen lassen, die Vernunft im Animalischen.

* s. Zweiter Teil. Zynismus im Weltprozeß, III. Logisches Hauptstück, A. Schwarze Empirie – Aufklärung als Organisation von polemischem Wissen

** Zweiter Teil. Zynismus im Weltprozeß, III. Logisches Hauptstück, B. Transzendentale Polimik. Heraklitische Meditationen – kursiv im Original

*** ebd.

**** ebd.

Als philosophisches Vorbild präsentiert er Diogenes*, den Denker, der eine Zeit lang in einem leeren Faß hauste: „Diogenes…fordert für das Animalische einen natürlichen, nicht übertriebenen, doch ehrenhaften Platz.“** – Mit diesen Worten relativiert Sloterdijk den Anspruch des Körperhaften auf Vorherrschaft wiederum. Ja, Sloterdijk scheut sich keineswegs, den Leser noch weitgehender zu verwirren, wenn er schreibt: „Die Köpfe wollten aber nicht wahrhaben, daß dies (sc. das Auftreten des Diogenes) eine frühe Sternstunde der Vernunft war, ein Moment, in dem die Philosophie einen Ausgleich mit dem Naturprinzip gefunden hatte.“*** Nun soll also der Ehrenplatz für das Animalische zugleich eine Sternstunde für das Gegenstück, die Vernunft, bedeuten.

* Diogenes von Sinope, heute Sinop; geb. um etwa 400, gest. wohl gegen Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr.

** Zweiter Teil. Zynismus im Weltprozeß, I. Physiognomisches Hauptstück, B. Kabinett der Zyniker

*** Zweiter Teil. Zynismus im Weltprozeß, I. Physiognomisches Hauptstück, A. Zur Psychosomatik des Zeitgeistes

Verschiedentlich ist von Freuds Psychoanalyse die Rede, die stets mit dem Kynismus assoziiert wird.* „Freud hat etwas fertiggebracht, was selbst Diogenes vor Neid erblassen ließe: er hat eine Theorie aufgestellt, die uns alle, ob wir wollen oder nicht, zu Kynikern macht (wenn nicht gar zu Zynikern[?]). … Wir wachsen [nach Marcuse**] heran als sexuell polyvalente, ,polymorph perverse‘ Subjekte, und in unseren Kinderstuben ist der Kynismus universell verbreitet, der in allen Dingen zunächst ganz aus dem eigenen Körper heraus lebt, denkt, wünscht und handelt.“*** – Wenn die Menschen heranwachsend lernen, aus vernünftiger Einsicht zu handeln, so wäre dies also etwas Fremdes, ihnen aufoktroyiertes.

* so in Zweiter Teil. Zynismus im Weltprozeß, I. Physiognomisches Hauptstück, A. Zur Psychosomatik des Zeitgeistes

** „Triebstruktur und Gesellschaft (1965)“, II. Der Ursprung des unterdrückten Individuums (Ontogenese)

*** Zweiter Teil, II. Phänomenologisches Hauptstück, A. Die Kardinalzynismen, 6. Der Wissenszynismus

Mit dem Stichwort „polymorph pervers(e)“ signalisiert Sloterdijk, daß er mit seiner „Kritik der zynischen Vernunft“ an Marcuse anknüpfen will und damit an die Frankfurter Schule. Sloterdijks „Kritik der zynischen Vernunft“ nennt Marcuse nicht namentlich; anders verfährt er in bezug auf Adorno: Sloterdijk sieht die Kritische Theorie der Frankfurter Schule als Vorgängerin seines Kynismus an, „oft ästhetizistisch verschlüsselt, in allerhand Heikelkeit verborgen.“* „Adorno“ gehört, so Sloterdijk, „in erster Linie“** zu den Begründern der Kritischen Theorie. Dabei stellt Sloterdijk zurecht fest, daß Adorno bei der Kritik stehen blieb; allenfalls in seiner Frühzeit sei er darüber hinausgegangen.*** Da – so wäre hinzuzufügen – existierte die Kritische Theorie ja auch noch nicht.

* Vorwort

** ebd.

*** s. Vorwort

Obwohl er den Eindruck erweckt hat, nicht bei der Kritik stehen bleiben zu wollen, will sich Sloterdijk einige hundert Seiten später der „Negativen Dialektik (1966)“ Adornos doch anschließen, nicht ihrem Gegenteil, das Sloterdijk „positive Dialektik“ nennt: „Die positive Dialektik…beendet [je]den Streit durch ein Siegerdiktat“.* Sloterdijk zitiert die Vorrede der „Negativen Dialektik“ Adornos: „Das [vorliegende] Buch möchte Dialektik von derlei affirmativem Wesen befreien…“** Sie bleibt beim Widerspruch stehen. Sloterdijk fährt fort: „Als Negative Dialektik gibt sie (sc. die Tradition aller Dialektik) offen den Versuch auf, zwanghaft recht zu behalten und die Gewalt der Sieger als höhere Synthese zu feiern.“*** Dies sucht Sloterdijk nun auf das Verhältnis seines Kynismus zur Vernunft zu übertragen, die er – wie sein eigenes kritisches Denken im Ashram – nicht einfach zum Verschwinden hat bringen können, so daß der Widerspruch zwischen der Vernunft und dem Streben nach triebhaftem Dahinleben dauerhaft erhalten bleibt. Daher spricht Sloterdijk von seinem Kynismus auch als „einer anderen Vernunft“ und von einem „kynischen Bewußtsein(s)“.****

* Zweiter Teil. Zynismus im Weltprozeß, III. Logisches Hauptstück, B. Transzendentale Polimik. Heraklitische Meditationen

** ebd.

*** ebd.

**** Schluß und Zweiter Teil. Zynismus im Weltprozeß, IV. Historisches Hauptstück, Das Weimarer Symptom. Bewußtseinsmodelle der deutschen Moderne, 2. Dadaistische Chaotologie

Mit solcher Zweiheit von Vernunft und animalischen Trieben will Sloterdijk sich allerdings auch wiederum nicht zufrieden geben. Daher sucht er, die Vernunft sozusagen unwirksam zu machen und verweist auf die „[Kritik der] ,instrumentelle[n] Vernunft‘ (Horkheimer)“*. Horkheimer, dem Oberhaupt der Frankfurter Schule, geht es darum, daß die Vernunft nicht mehr Zweck, sondern nur noch Mittel, instrumentelle Vernunft im Dienst der menschlichen Natur und der Befriedigung ihrer Triebe sein soll. Dem entsprechend heißt es bei Sloterdijk: „Wer allen sogenannten Zielen und Werten im kynischen Sinne eine Absage erteilt, sprengt den Zirkel der instrumentellen Vernunft, in welchem ,gute‘ Ziele mit ,bösen‘ Mitteln (sc. Mitteln, die der Vernunft als Zweck entsprechen) verfolgt werden.“** – Wenn hier von „,gute[n]‘ Ziele“ die Rede ist, kann es sich eigentlich nur um scheinbar „,gute‘ Ziele“ handeln, weil doch „allen sogenannten Zielen…eine Absage erteilt“ werden soll, um der Vernunft ledig zu werden. Sloterdijks Kynismus gibt also die Vernunft mit ihren Zielen bzw. Idealen preis und beschränkt sich auf das Animalische des Menschen als einen Aspekt seiner Natur; dazu ist anzumerken, daß „verkopft“ ein Lieblingswort und verbreiteter Vorwurf jener Zeit war, in der die „Kritik der zynischen Vernunft“ entstand.

* Zweiter Teil. Zynismus im Weltprozeß, I. Physiognomisches Hauptstück, B. Kabinett der Zyniker; gemeint ist: M. Horheimer, „Eclipse of Reason (1947; dtsch. Zur Kritik der instrumentellen Vernunft, 1967)“

** Zweiter Teil. Zynismus im Weltprozeß, I. Physiognomisches Hauptstück, B. Kabinett der Zyniker

Die Vernunft steht, so Sloterdijk, eigentlich stets auf der Seite der Herrschenden. Allein durch die Aufklärung des 18. Jahrhunderts ist sie gegen die Herrschenden gewendet worden. Die aufklärerische Vernunft hat gegen den Konservatismus, der die traditionelle Naivität der Menge erhalten möchte, deren Vorstellungen und Normen destruiert.* Es gelangen im Gefolge der Aufklärung Durchbrüche in Wissenschaft und Technik, doch haben sich aufklärerische Hoffnungen auf das „vernünftige Andere(n)“** nicht erfüllt.

* s. Erster Teil. Sichtungen – Fünf Vorüberlegungen

** Erster Teil. Sichtungen – Fünf Vorüberlegungen, 4. Nach den Entlarvungen: Zynisches Zwielicht. Skizzen zum Selbstwiderruf des Aufklärungsethos

So ist die für den Kynismus eintretende Vernunft der Aufklärung mit dem Ende ihrer utopischen Hoffungen zynisch geworden. „Zynismus ist das aufgeklärte falsche Bewußtsein.“* – Die von unten her sich im Sinne des Kynismus gegen die Herrschaft richtende Frechheit der Aufklärung hat sich in Zynismus verkehrt. Daher bezeichnet Sloterdijk den Zynismus nicht nur als Vernunft, die zur Partei der Herrschenden zurückgekehrt ist, sondern auch „als Frechheit, die die Seite gewechselt hat“.**

* Erster Teil. Sichtungen – Fünf Vorüberlegungen, 1. Zynismus – Dämmerung des falschen Bewußtseins – kursiv im Original

** Erster Teil. Sichtungen – Fünf Vorüberlegungen, 5. „Auf der Suche nach der verlorenen Frechheit“

Mit dem Scheitern aufklärerischer Hoffnungen der Vernunft im Dienste des Kynismus entstand der Zynismus: „Der Begriff [des Zynismus] erfährt hier eine Aufspaltung ins Gegensatzpaar: Kynismus- Zynismus“*. – Die von Sloterdijk vorgeschlagene Lösung dieses Problems ist bereits deutlich geworden: Er erblickt sie in der Abwendung von jeglicher Vernunft, die ihm persönlich doch nie vollständig gelungen zu sein scheint, weder in Pune noch in der folgenden Zeit.

* Zweiter Teil, II. Phänomenologisches Hauptstück, A. Die Kardinalzynismen

Das Phänomenologische Hauptstück der „Kritik der zynischen Vernunft“ sucht das Gegeneinander von Zynismus und Kynismus auf verschiedenen wissenschaftlichen Arbeitsfeldern aufzuzeigen. Das Historische Hauptstück betrachtet Zynismus und Kynismus während der Weimarer Republik. – Die in den sechziger Jahren als Neue Linke bezeichnete Studentenbewegung knüpfte, so Sloterdijk, an die Aera der Weimarer Republik an, „wo das Leben ,noch interessant‘ war“*, und zwar wegen der Anfänge der sexuellen Revolution**, der beginnnenden Amerikanisierung*** sowie Dada; „1968…[geschah es, daß] das Dada [z.Z.] der [entstehenden] Neuen Linken sich ,wiedergebar‘ in Aktivismus, Happening, Go-in, Love-in, Shit-in – all den Körperdadaismen eines renovierten kynischen Bewußtseins.“**** Ob dies jedoch, wie Sloterdijk meint, durch eine „unterirdische Linie…von Dada bis zur Punk-Bewegung und…New Wave“***** um 1980 verbunden gewesen ist, sei dahingestellt.

* Zweiter Teil. Zynismus im Weltprozeß, IV. Historisches Hauptstück, Das Weimarer Symptom. Bewußtseinsmodelle der deutschen Moderne 1. Weimarer Kristallisation

** s. Zweiter Teil. Zynismus im Weltprozeß, IV. Historisches Hauptstück, Das Weimarer Symptom. Bewußtseinsmodelle der deutschen Moderne 13. Hoppla – leben wir?

*** s. Erster Teil. Sichtungen – Fünf Vorüberlegungen, 3. Die acht Entlarvungen – Revue der Kritik

**** Zweiter Teil. Zynismus im Weltprozeß, IV. Historisches Hauptstück, Das Weimarer Symptom. Bewußtseinsmodelle der deutschen Moderne, 2. Dadaistische Chaotologie

***** ebd. – kursiv im Original

Obwohl er selbst die Abwendung von der Vernunft und ihrer Fähigkeit zur Reflexion propagiert, klagt Sloterdijk: „Seit der Auflösung der Studentenbewegung erleben wir eine Flaute der Theorie.“* – Damit hatte er gewiß recht: Das Fundament der entwickelten Neuen Linken formte sich in verschiedenen Strömungen, aufmerksam und meist wohlwollend begeleitet von den Medien, während der siebziger Jahre, aber im Gegensatz zur vorangegangenen Zeit geschah dies weniger in kritischer Reflexion, sondern vermehrt in der Praxis, in umweltbewußter Wirtschaftsweise auf dem Lande, in durchweg gewalttätigen Protesten der Anti-Atomkraft-Bewegung, in alternativen Lebensgemeinschaften, religiösen Zirkeln und Aktivitäten von Friedensfreunden. All dies ging hervor ins Besonndere aus der „Hippie- und Alternativbewegung“** der sechziger Jahre, den „freudomarxistischen Spektakeln“***, die im Pariser Mai 1968 einen Höhepunkt fanden, sowie geistiger Beeinflussung aus dem angelsächsischen Raum, der bis 1945 zurückreichte, aber kaum zureichend reflektiert wurde. Im Unterschied zu den Vorläuferbewegungen zeigte sich die entwickelte Neue Linke ab etwa 1980 nicht mehr national, sondern global gesinnt. Aus den Strömungen der siebziger Jahre hatte sie sich gebildet – und die „Kritik der zynischen Vernunft“ ist ein Dokument aus der Zeit ihres frühen öffentlichen Hervortretens, das einerseits die Beziehung zur Frankfurter Schule zu erfassen sucht und andererseits darüber hinausgeht.

* Vorwort

** Erster Teil. Sichtungen – Fünf Vorüberlegungen, 5. „Auf der Suche nach der verlorenen Frechheit“

*** Zweiter Teil, II. Phänomenologisches Hauptstück, A. Die Kardinalzynismen, 6. Der Wissenszynismus

Sloterdijk stellt Kyniker und Zyniker einander gegenüber. Dabei setzt er nicht z.B. dem Geräusch, das einer Körperöffnung entweicht, den reinen Gedanken entgegen, sondern unterscheidet danach, auf wen besagtes Geräusch zurückzuführen ist: Wenn er der „falschen Seite“ angehört, also im Dienste der Herrschenden steht, spricht Sloterdijk von Zynismus statt Kynismus.* Damit erweitert Sloterdijk en passant seine Beschreibung dessen, was er unter Zynismus und Kynismus versteht: Es geht nicht mehr nur um eine anthropologische Unterscheidung von Vernunft und Trieben, Geist und Leib, sondern um die gesellschaftliche und politische Aufteilung der Menschen in zwei Lager: Handelt es sich um einen Zyniker oder einen Kyniker? – Dies steht nicht mehr in der Tradition der Kritischen Vernunft, sondern speist sich aus anderen Quellen.

* s. Zweiter Teil. Zynismus im Weltprozeß, I. Physiognomisches Hauptstück, A. Zur Psychosomatik des Zeitgeistes

Vernunft und Zynismus entsprechen den Herrschenden, Körper und Kynismus dem niederen Volk. Des weiteren ordnet Sloterdijk den Mann dem Zynismus zu, die Frau (samt dem Homosexuellen) dem Kynismus.* Darum kann Sloterdijk auch von einer „Urwut gegen ,Männlichkeit‘“** sprechen. – Sloterdijk schreibt: „Ein Gemisch aus Zynismus, Sexismus, ,Sachlichkeit‘ und Psychologismus bildet die Stimmung im Überbau des Westens“, und ganz ähnlich ist es auch um die „Kritik der zynischen Vernunft“*** bestellt.

* s. Zweiter Teil, II. Phänomenologisches Hauptstück, A. Die Kardinalzynismen, 6. Der Wissenszynismus

** Vorwort

*** ebd.

So stellt Sloterdijk eine Verbindung her zwischen dem von seinen Trieben bestimmten Menschen der Frankfurter Schule, deren Begriff von Natur übrigens auch die Okkupation des konservativen Naturschutzgedankens erleichterte, und einem bestimmten Teil der Frauenbewegung sowie der Homosexuellenlobby: Die Neue Linke zeichnet sich ab.

Im Vergleich mit der voll ausgebildeten Neuen Linken fehlt der „Kritik der zynischen Vernunft“ freilich das globale Element. Man kann zur Erklärung dessen darauf verweisen, daß Sloterdijk die „Kritik der zynischen Vernunft“ noch zu monokulturellen Zeiten verfaßte. Doch blickt der Autor schon darüber hinaus, und zwar mit einem Verweis auf den Philosophen im Faß. „Von Diogenes heißt es: ,Gefragt nach seinem Heimatort, antwortete er: Ich bin Weltbürger!‘“* Wäre dieser Gedanke von Sloterdijk weitergesponnen worden, hätte er die Unterschiede zwischen verschiedenen Racen und Kulturen der Neuen Linken entsprechend entweder leugnen oder die weiße Hautfarbe zur Seite des Zynismus, der Vernunft, der Männlichkeit und der Herrschenden rechnen müssen, die dunkle Hautfarbe auf die andere: Das wäre ein – gemäß der unter den kynisch Gesinnten gebräuchlichen Ausdrucksweise – perfektes sexistisch-racistisches Weltbild, lediglich spiegelverkehrt dargeboten und kompatibel mit der Ideologie des Anti-Racismus.

* Zweiter Teil. Zynismus im Weltprozeß, I. Physiognomisches Hauptstück, B. Kabinett der Zyniker

Allerdings scheint es kein Versehen gewesen zu sein, daß die „Kritik der zynischen Vernunft“ nicht über ein Lippenbekenntnis zum Kosmopolitismus hinausgegangen ist, denn in diesem Punkt scheint sich Sloterdijk stets von der Neuen Linken unterschieden zu haben, und auch nach seinem 1999 öffentlich bekundeten Rechtsschwenk zeigte sich weiterhin das gespannte Verhältnis zum Ideal einer globalisiert-vereinheitlichten Menschheit, da Sloterdijk auf den zweieinhalbtausend Seiten seiner Sphären-Trilogie schließlich auch zu dem Gedanken vordringt, daß es – einfach gesagt – den Menschen hier gut gehe und daß es nicht möglich sei, andere in unbegrenzter Anzahl daran teilhaben zu lassen.

4 Kommentare zu „Nach der Frankfurter Schule 2: Sloterdijk“

  • Theosebeios:

    Herzlichen Dank für den Einblick in die “zynische Vernunft”! Werden Sie uns auch noch die 2 1/2 T. Seiten der “Sphären-Trilogie” skizzieren und uns damit einen kleinen Berg Lektüre ersparen? Man gewinnt den Eindruck, dass ein begabter Schriftsteller nur das richtige (oder peppige) Begriffspaar finden muss, um den Weinberg der Philosophiegeschichte aufs Neue umgraben zu können.
    In diesem Sinne scheint sich S. auch für die Frankfurter Schule einst erwärmt zu haben. Für Habermas ist er nicht mehr satisfaktionsfähig, nicht wahr? Um die Kritik müht sich nun Axel Honneth. Wenn ich das richtig sehe, ist dieser nun der Bannerträger “Frankfurter” Denkens.

  • virOblationis:

    @ Theosebeios

    Honneth ist wohl tatsächlich der Repräsentant dessen, was aus der Frankfurter Schule geworden ist, während Habermas schon aus Altersgründen in den Hintergrund tritt, so denke ich.

    Nein, die Sphären-Trilogie werde ich nicht genauer darstellen, denn es ging mir um Sloterdijk nur insofern, als er sich an die Frankfurter Schule anzuhängen suchte; um seinen Werdegang verständlicher erscheinen zu lassen, habe ich auch über die “Kritik der zynischen Vernunft” hinausgeblickt, vor allem auf die Auseinandersetzung mit Habermas, weil sie zugleich die Abkehr Sloterdijks von der Frankfurter Schule öffentlich bekräftigte.

    Als nächstes will ich einen geschichtlichen Überblick zur Entstehung der Neuen Linken erstellen, in die auch die Tradition der Frankfurter Schule eingegangen ist.

  • Theosebeios:

    … Und vergessen Sie mir dann bitte nicht Hans-Jürgen Krahl! Ich glaube, dass er ein ganz besonderes Phänomen war (bzw. hätte werden können). Was Dutschke für die Praxis, das hätte Krahl für die linke Theorie werden können.
    Wie kommt es nur, dass sich so viele hochintelligente Leute von Adorno und Co. inspirieren (oder besser: verführen) ließen? Und sei es als linker Adorno-Widerpart. Im Falle Krahls hat das Schicksal anders entschieden.

  • virOblationis:

    Vergessen habe ich ihn nicht; ich hatte anfangs vor, im Rahmen des Themas “Adorno” über ihn zu sprechen. Aber der Überblick, an dem ich jetzt arbeite, wird international sein und über einen langen Geschichtsraum blicken, von der frühen Neuzeit und der Aufklärung bis in unsere Gegenwart; den Schwerpunkt bildet der angelsächsische Raum. Ich werde mich auf wenige Köpfe konzentrieren, um die Darstellung möglichst gut nachvollziehbar zu machen.

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