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Die geistigen Wurzeln der Neuen Linken 2a: Das manichäische Denken (erster Teil)

von virOblationis

Der hl. Augustinus* charakterisiert das manichäische Denken, dem er selbst eine Zeit lang angehangen hatte, als ein dualistisches: „Iste [Manis] duo principia inter se diversa atque adversa, eademque aeterna et coaeterna, hoc est semper fuisse, composuit: duasque naturas atque substantias, boni scilicet et mali, sequens alios antiquos haereticos, opinatus est.“ So heißt es in „De haeresibus“ bei Augustinus.** Dieser [persische Religionsstifter namens Mani***] fügte zwei untereinander verschiedene und [einander sogar] entgegengesetzte Prinzipien zusammen, und dieselben [sollten auch] ewig und gleichewig, d.h. immer gewesen sein: Sowohl zwei Naturen wie Substanzen, nämlich des Guten und des Bösen, hat er sich anderen alten Häretikern folgend eingebildet. – Die materielle Welt gilt dem Manichäer als absolute Finsternis, Gott als das Licht. Beides ist unvereinbar. Vom Menschen kann nur dessen göttlicher Lichtanteil aus der ewigen Finsternis errettet werden; eine leibliche Auferstehung erschiene sinnlos. Dem gemäß stellte sich Augustinus in seiner Zeit als Manichäer Gott als „corpus lucidum et immensum“ vor, als lichten, unermeßlichen Körper, sich selbst aber als ein Teilstück davon, „frustum“.****

* geb. 354, gest. 430

** De haer. 46, 2

*** geb. 216, gest. wohl 276

*** Conf. IV, 31

Während des Mittelalters wurden vor allem die in Südfrankreich und Oberitalien verbreiteten Katharer als Manichäer bezeichnet. Sie waren keineswegs identisch mit den gleichnamigen spätantiken Häretikern. Die Bezeichnung als Manichäer sollte vielmehr auf den Dualismus hinweisen, den der radikalere Teil der Katharer vertrat. Sie sahen die materielle Welt als ebenso böse an wie deren Schöpfer; das Alte Testament verwarfen sie. Die Gemäßigten unter den Katharern glaubten nicht an zwei Gottheiten, den Satan als Hervorbringer alles Stofflichen und ihm gegenüber den Erlöser als Ursprung des Intelligiblen, sondern an nur einen Gott, dessen Engel durch den Satan verführt und in Leiber eingefügt worden waren; diese Katharer dachten letztlich nicht konsequent dualistisch, weshalb die Charakterisierung als Manichäer auf sie eigentlich nur in weiterem Sinne zutrifft. – Nach Auffassung der Katharer findet durch den Tod die Befreiung aus dem Leibe statt; die Erlösten gelangen ins Paradies, die Verdammten werden am Ende der Welt vernichtet. An die leibliche Auferstehung glaubten die Katharer nicht, und die Lehre von der Trinität Gottes sowie der Inkarnation der zweiten Person der Gottheit wurden von ihnen abgelehnt.

Es wurde im Laufe der Zeit üblich, nicht nur die Entgegensetzung von Gott und Welt als manichäisch zu bezeichnen, sondern jedes Denken, das von zwei einander ausschließenden Prinzipien ausgeht. So kann auch der Calvinismus als Grundlage für ein manichäisches Denken dienen, wenn seine Lehre einer doppelten Praedestination bzw. der Erwählung in den Vordergrund gerückt wird, wie es im angelsächsischen Puritanismus geschah. Dann stehen einander zwei Gruppen von Menschen als Repräsentanten zweier einander ausschließender Prinzipien gegenüber. – Der deutsche Calvinismus lehrte während der frühen Neuzeit solches nicht; auch Calvin* selbst stellte seine Praedestinationslehre nicht in den Vordergrund. Der „Heidelberger Katechismus (1563)“ der deutschen Calvinisten geht noch einen entscheidenden Schritt weiter, indem er die doppelte Praedestination nicht einmal erwähnt, sondern ausschließlich von der „auserwählte[n] Gemeinde“** spricht.

* Johannes Calvin(us), franz. Jean Cauvin; geb. 1509, gest. 1564

** Frage 54

Calvin stammte aus dem Norden Frankreichs. Er war studierter Jurist, nicht Theologe. 1534 floh Calvin aus Frankreich, wo der König gegen die Protestanten vorging. So gelangte Calvin im Jahr darauf nach Basel, wo er 1536 die erste Druckfassung seiner „Institutio Christianae Religionis“, der Unterrichtung in der christlichen Religion, veröffentlichte. Darin wird die Praedestinationslehre noch nicht breiter ausgeführt. Ganz anders in der letzten und zur vollständigen Zufriedenheit Calvins geratenen Version von 1559, die in Genf enstand, wo Calvin seit 1541 als ein protestantischer Dictator herrschte. Darin vertritt Calvin die – seit dem 6. Jahrhundert als Irrlehre verworfene – doppelte Vorherbestimmung der Menschen: Die einen sind von Ewigkeit her erwählt, die anderen verworfen: „…ex communi hominum turba alios ad salutem, alios ad interitum praedestinari [sunt]…“* „Praedestinationem vocamus aeternum Dei decretum, quo apud se constitutum habuit quid de uno quoque homine fieri vellet. Non enim pari constitutione creantur omnes: sed aliis vita aeterna, aliis damnatio aterna praeordinatur. Itaque prout in alterutrum finem quisque conditus est, ita vel ad vitam vel ad mortem, praedestinatum dicimus.“** „…satis iam liquet, Deum occulto consilio libere quos vult eligere, aliis reictis… Quod ergo Scriptura clare ostendit, dicimus aeterno et immutabili consilio Deum semel constituisse quos olim semel assumere vellet in salutem, quos rursum exitio devovere.“*** – … aus der allgemeinen Menge der Menschen [sind] die einen zum Heil, die anderen zum Zugrundegehen praedestiniert (bzw. vorherbestimmt)… Praedestination (bzw. Vorherbestimmung) nennen wir den ewigen Beschluß Gottes, durch den er bei sich bestimmt hat, was er wolle, [was] mit dem einzelnen Menschen zu geschehen [habe]. Nicht nämlich sind alle in gleicher Bestimmung erschaffen, sondern den einen wird das ewige Leben vorgeordnet, den anderen die ewige Verdammnis. Je nach dem, [wozu] jeder in [Blick auf] das zweifache Ziel geschaffen worden ist, so sagen wir deshalb [von ihm], daß er praedestiniert (bzw. vorherbestimmt) zum Leben oder zum Tode [ist]. …es ist [im Vorangehenden] schon ausreichend klar [geworden], daß Gott in [seinem] geheimen Ratschluß frei ist, wen er [zum Heil bestimmen] will auszuwählen, während er andere verworfen hat… Was also die [Heilige] Schrift deutlich zeigt, sagen [auch] wir, [nämlich] daß Gott in ewigem und unwandelbarem Ratschluß ein[ für alle]mal bestimmt hat, welche er einst einmal annehmen will zu [deren] Heil [und] welche er wiederum dem Untergang weihen [will].

* III, 21, 1

** III, 21, 5

*** III, 21, 7

In den calvinistischen Niederlanden, die sich durch bewaffneten Aufstand von Spanien losgelöst hatten, lehrte der vom Humanismus geprägte Theologe und Amsterdamer Pastor* Jakob Hermans(zoon), lateinisch Jacobus Arminius,** die Willensfreiheit des Menschen, weshalb die Praedestination auf dem Vorherwissen Gottes beruhe, der diejenigen zum Heil vorherbestimme, deren Annahme des – ihnen von seiner in allen Menschen wirkenden Gnade ermöglichten – Glaubens er von Ewigkeit her voraussehe. – Die Anhänger des Arminius entstammten meist dem höheren Bürgertum; 1610 legten sie eine Remonstranz vor,*** um staatliche Anerkennung ihrer theologischen Ansichten zu erlangen, was aber fehlschlug, da sich der Generalstatthalter Moritz von Oranien**** auf die Seite der streng calvinistischen Prediger sowie der Menge des einfachen Volkes stellte. Es wurde die Dodrechter Synode (1618 – 1619) einberufen, an der Abgesandte fast aller calvinistischen Gemeinschaften mit Ausnahme der französischen Hugenotten teilnahmen. Die Synode bekannte sich zur doppelten Praedestination und damit ausdrücklich dazu, daß Christus nur für einen Teil der Menschen, nämlich die zum Heil Erwählten, gestorben sei. Zahlreiche Arminianer flohen 1618 aus den Niederlanden; da sie nach dem Tode Moritz von Oraniens zwar noch keine Anerkennung erhielten, aber faktisch geduldet wurden, kehrte ab 1625 ein Teil von ihnen zurück.

* 1588 – 1603; danach Professor der Theologie in Leiden bis zum Ende seines Lebens

** geb. 1560, gest. 1609

*** Daher werden die Arminianer auch Remonstranten genannt.

**** 1584 – 1625

Nicht zuletzt von der englischen Variante des Calvinismus, dem Puritanismus, ist in der Zeit des Streites um die Remonstranz das Denken des jungen Hobbes* geprägt worden, wenn man ihn auch nicht einfach dem puritanischen Lager zurechnen darf. Sein Vater war ein wenig gebildeter Landpfarrer, die von Furchtsamkeit, also wohl von Ängsten, geplagte Mutter entstammte einer Familie freier Bauern. Für die Ausbildung des jungen Thomas Hobbes sorgte ein Oheim, ein Kaufmann, der als Ratsherr in Hobbes‘ Heimatstadt Malmesbury amtierte. So erhielt Hobbes seine Ausbildung in der 1448 gegründeten, aber inzwischen puritanisch ausgerichteten Oxforder Magdalen Hall, die zuvor der vorreformatorischen Lehre Wyclifs** angehangen hatte. 1603 bis 1608 empfing der heranwachsende Hobbes dort die Grundlagen seiner Bildung, die er als Baccalaureus Artium abschloß. Anschließend trat er in die Dienste eines Adligen und wurde Hofmeister und Reisebegleiter von dessen Sohn. So lernte Hobbes Frankreich und Italien kennen; nach Frankreich kehrte er später noch mehrmals zurück. Ins Gesamt fast zwanzig Jahre lebte Hobbes dort, wo er sich philosophisch vor allem mit Descartes*** auseinandersetzte. Im Gegensatz zu diesem wählte der Engländer Hobbes seinen Ausgangspunkt nicht im Innern, im erkennenden Subjekt, sondern im Objekt, in der empirischen Außenwelt.

* Thomas Hobbes; geb. 1588, gest. 1679

** John Wyclif; geb. 1324, gest. 1384

*** René Descartes; geb. 1596, gest. 1650

Bevor er Philosoph wurde, erarbeitete sich Hobbes während der zwanziger Jahre des 17. Jahrhunderts eine humanistische Bildung; seinen Lebensunterhalt verdiente er weiterhin im Dienste von Adligen. Zugleich suchte er die Bekanntschaft Francis Bacons*, der eine Naturwissenschaft forderte, die die Herrschaft über die Natur anstrebt. Später befaßte sich Hobbes in Paris mit der Mathematik und dem Werk Galileis**. – Die Jahre des Englischen Bürgerkrieges (1642 – 1649), in dem die Puritaner die Macht im Staate erkämpften, verbrachte Hobbes ebenfalls in Frankreich, und nach seiner Rückkehr 1651 wurde der bis dahin als Royalist Verdächtigte sogleich amnestiert auf Grund seines staatskundlichen Werkes „Leviathan“, das er in Paris verfaßt hatte und das noch 1651 in London im Druck erschien: Hobbes sah sich offensichtlich durch den Bruch mit der Tradition, die Reformation in England mit der blutigen Verfolgung von Anhängern des überlieferten Glaubens, sowie den nachfolgenden Kampf zwischen Royalisten und Puritanern herausgefordert, nach neuen Begründungen für Staat und öffentlichen Kultus zu suchen. In seinem Staat gibt es keinen Souverän, sondern nur Menschen in verschiedenen Ämtern gleich den Organen eines Leibes; die Amtsträger erhalten mit ihrer jeweiligen Tätigkeiten den Staat als künstlichen Körper am Leben. Nach Hobbes ist der auf einen – um des eigenen Vorteils willen geschlossenen – Gesellschaftsvertrag gegründete Staat ermächtigt, einen öffentlichen Kultus einzurichten, dem alle Bürger Folge zu leisten haben; abseits davon mögen sie sich zu Konventikeln zusammenschließen und [im Rahmen des Protestantismus] ihre private Frömmigkeit pflegen. Dies mußte den siegreichen Puritanern selbstverständlich zusagen. Doch als das Königtum wiederaufgerichtet wurde und Karl II.*** die Regierung antrat, fand Hobbes auch bei Hofe wieder Zugang, hatte er dem Regenten doch ab 1646 in Paris Mathematikunterricht erteilt.

* geb. 1561, gest. 1626; geadelt 1618

** Galileo Galilei; geb. 1564, gest. 1642

*** 1660 – 1685; geb. 1630

Meist wird gegenwärtig nur auf den „Leviathan (1651)“ Bezug genommen (und innerhalb des „Levithan“ nur auf die beiden ersten Teile), doch Hobbes‘ philosophisches Werk ist sehr viel umfassender. Die „Elementa philosophiae“ bestehen aus der Lehre, „De corpore (1655)“, Vom [materiellen] Körper, „De homine (1658)“, Vom Menschen, und „De cive (1642)“, Vom Bürger [als Glied der Gesellschaft]. Hobbes‘ Ansatz ist einerseits materialistisch-mechanistisch und andererseits empiristisch, aber er meint nicht durch seine Wahrnehmung der physischen Welt die gesamte Wirklichkeit zu erfassen. Hobbes ist noch vom spätmittelalterlichen Nominalismus geprägt worden, und danach faßt er die Begriffe als vom Menschen geschaffene Größen auf, die auf die aus einzelnen Dingen bestehende Welt angewandt werden, doch ohne sie letztlich zu begreifen; was die Dinge – jenseits der Begriffe – in ihrem Wesen sind, bleibt dunkel. Vergleichbar rätselhaft erscheint alles Göttliche, dessen Dogmen man hinzunehmen hat, aber möglichst unreflektiert; Hobbes, der alle Metaphysik ablehnt, spricht zur Verdeutlichung davon, daß man die Geheimnisse unserer Religion, „the mysteries of our religion“, unzerkaut schlucken solle wie eine [vom Arzt verschriebene] Pille.* So steht das Denken des Menschen, das Hobbes analog zur Mathematik, genauer als Addieren und Subtrahieren, versteht, zwischen Gott und der physischen Welt, die ihm beide unerklärlich bleiben. Letzterer gehört auch der eigene Körper an samt seinen Empfindungen, die ausschließlich aus Reaktionen auf äußere Vorgängen zurückgehen. Das Denken wiederum besteht aus Addieren und Subtrahieren von Begriffen, die sich auf die Dinge der Außenwelt beziehen, die die Empfindungen hervorruft; einen freien Willen schließt Hobbes damit aus, vergleichbar dem Calvinismus, der den unfreien Willen in bezug auf den Glauben lehrt sowie die unwiderstehlich wirkende Gnade. – Auch im Staate als einem künstlichen Körper, so Hobbes, kann es keine Freiheit geben. Die Gesellschaft denkt sich Hobbes analog zur menschlichen Person. Das jeweilige Verhalten des Bürgers ruft eine entsprechende Reaktion der Obrigkeit hervor; gegen diese sich aufzulehnen, entspräche einer zu kurierenden Erkrankung.

* Leviathan, Teil III, Kap. 32

Der Mensch wird von seinen verschiedenen Empfindungen nicht hin- und hergeworfen, weil er einem einheitlichen Trieb folgt: Er strebt von Natur nach Besitz und Macht und will zugleich seinen gewaltsamen Tod vermeiden.* Was ihm widerfährt, löst daher entweder positive oder negative Empfindungen in Form von Lust oder Unlust aus und lenkt ihn in seinem Streben. Weil alle Menschen so beschaffen sind, leben sie in natürlichem Zustand in einem Krieg aller gegen alle. Dieser wird dadurch beendet, daß sie sich auf einen Gesellschaftsvertrag einigen, der einer Obrigkeit die absolute Macht übergibt und dadurch Frieden, Wohlstand und Wissenschaft ermöglicht, die im Naturzustand nicht zu Stande gebracht werden können. – Doch die Natur des Menschen bleibt immer dieselbe. Selbst in dem frommen Zirkel, dem sich der einzelne anschließt, wird er wieder bestrebt sein, sich vor den anderen hervorzutun.

* Hobbes spricht von cupiditas naturalis und ratio naturalis, natürlicher Begierde und Einsicht, als duo certissima naturae hominis postulata, zwei gewissesten Postulaten der Natur des Menschen.

Hobbes‘ Auffassung vom Menschen, der sich nie von seinem Egoismus zu lösen vermag und den von der Außenwelt bewirkten Empfindungen ausgeliefert stets nur nach seinem Vorteil sucht, ist ebenso freudlos wie der calvinistische Gottesdienst, aus dem alle Kunst, Musik und Bildnisse, entfernt sind. Der Mensch besitzt keine Willensfreiheit, und es gibt kein Licht der Vernunft, das ins Dunkel hinein leuchtet, denn das Denken hat nach Hobbes keine Eigenständigkeit, sondern ist von derselben Empirie vollkommen abhängig, die es nie erfassen wird. Der Mensch verhält sich von seiner Natur her gegenüber dem anderen als grausamer Wolf;* wenn er erlöst wird, dann braucht er als Unsterblicher seine natürliche Begierde, die ihn nach Besitz und Macht verlangen ließ, nicht mehr – aber was bleibt dann noch vom menschlichen Wesen?

* „homo homini lupus“, der Mensch [ist] für den [anderen] Menschen ein Wolf; so Hobbes in seinem Widmungschreiben von „De Cive“ an den Earl von Devonshire, einen ehemaligen Zögling. – Der Satz entstand aus Verkürzung eines Plautus-Zitates (Asinaria 495): „Lupus est homo homini, quom (bzw. cum) qualis sit non novit.“ Ein Wolf ist der Mensch für den [anderen] Menschen, wenn wie beschaffenen [d]er [andere] ist, er (bzw. dessen Beschaffenheit er) [noch] nicht erkannt hat. – Freilich ergänzt Hobbes dies durch „homo homini deus“, der Mensch [ist] für den [anderen] Menschen ein Gott, nämlich innerhalb eines geordneten Staatswesens. Doch gilt dies nur hinsichtlich der grundsätzlichen Unantastbarkeit des einen durch den andern in einem absolutistisch regierten Zwangsstaat, nicht für die Obrigkeit, und die Wolfsnatur des Menschen bleibt ebenfalls unverändert.

Hobbes‘ Nähe zum manichäischen Denken wird schon aus den Grundzügen seiner Auffassung vom Staat deutlich. Wie der Liberalismus ist auch Hobbes vom nominalistischen Denken beeinflußt. Während der Liberalismus eine Gesellschaft aus lauter Individuen erdenkt, die sich allesamt nach Herzens Lust ausleben, aber stets dort aufhalten, wo sie die Sphäre des Nächsten beeinträchtigen, stellt sich Hobbes diesen Zustand viel realistischer vor, nämlich als Krieg aller gegen alle, der erst endet, wenn ein Staat zu Stande gebracht wird. Damit schlägt die grenzenlose Freiheit in ihr Gegenteil um, denn Hobbes‘ Staat kennt keine Erlaubnis irgendwelcher Eigenmächtigkeiten. – Ohne daß er es schon vorhergewußt haben könnte, zeigt Hobbes, welche Konsequenz ein vollständig verwirklichter Liberalismus nach sich ziehen würde, die Anarchie.

Auch der Aufbau des „Leviathan“ verweist auf Hobbes‘ Nähe zum manichäischen Denken: Der erste Teil handelt vom Menschen, „Of Man“, der zweite von ihrem Gemeinwesen, „Of Commonwealth“, der dritte vom christlichen, d.h. protestantischen Gemeinwesen, „Of a Christian Commonwealth“, und der vierte schließlich vom Gegenteil, „Of the Kingdom of Darkness“, vom Reich der Finsternis, womit die katholische Kirche gemeint ist.*

* The Fourth Part, Of the Kingdom of Darkness (Chapter 44 – 47)

Nach Hobbes liegt das Königreich Gottes in der Zukunft, und es werden die Erlösten darin leben, jenseits der Sterne im Coelum empyreum, nachdem sie zuvor auferstanden sind. Die Leiber der Erlösten werden verwandelt von fleischlichen zu geistlichen, ihre Seele wird durch eine besondere Gnade unsterblich gemacht. Von ihrem irdischen Ableben bis zum Jüngsten Gericht waren die Erlösten gänzlich tot, und die Verdammten bleiben es.* – Hobbes‘ Ansicht, die menschliche Seele sei nicht von Natur aus unsterblich, entspricht der des altkirchlichen Schriftstellers Arnobius d.Ä.**. Dessen Werk „Adversus nationes“, Gegen die Heidenvölker, war zu Rom 1543 erstmals im Druck erschienen, und zwar unter dem Titel „Disputationum adversus gentes libri octo, nunc primum in lucem editi“, Acht Bücher der Disputationen gegen die Heiden, nun erstmals ans Licht gegeben. Dabei ist darauf hinzuweisen, daß der zuvor als Christenhasser bekannte Arnobius sein Werk schrieb, um während der größten Christenverfolgung der Antike unter die Taufbewerber aufgenommen zu werden; mangelnde dogmatische Kenntnisse wird man ihm deshalb kaum vorhalten dürfen.

* Leviathan, Teil IV, Kap. 44

** geb. wohl erste Hälfte des 3. Jahrhunderts, gest. nach dem Beginn des 4. Jahrhunderts

Nach Hobbes erlangt das Papsttum seine Macht nur dadurch über die Völker, daß es seine Kirche mit dem Königreich Gottes identifiziert, obwohl dieses doch erst am Jüngsten Tag ins Dasein treten werde. Die katholische Kirche, strotzend von Irrtümern der antiken Philosophie und heidnischen Bräuchen, habe eigentlich gar keine Daseinsberechtigung, denn nur ein Staat darf eine Religion vorschreiben; der Staat der katholischen Kirche war das Römische Reich, das aber nicht mehr existiert. „…the papacy…is no other than the ghost of the deceased Roman Empire, sitting crowned upon the grave thereof…“ …das Papsttum [samt der katholischen Kirche]…ist nichts anderes als das Gespenst des dahingegangenen Römischen Reiches, das gekrönt auf dem Grabe davon sitzt…*

* Leviathan, Teil IV, Kap. 47

*

Vom Calvinismus inspirierte Gegner der englischen Staatskirche, die wegen ihrer Bischöfe, griechisch episkopoi, episkopalistisch genannt wurde, verurteilten die in ihren Augen zu geringe Reinigung vom „papistischen Sauerteig“ unter Elisabeth I.* Seit etwa den sechziger Jahren des 16. Jahrhunderts nannte man diese Gegner des Episkopalismus Puritaner; ihr bekanntester Vertreter war Thomas Cartwright**. Sie wurden verfolgt, und viele wanderten in die Niederlande aus.

* 1558 – 1603

** geb. 1535, gest. 1603

Die Puritaner im eigentlichen Sinne waren die – durchweg calvinistisch gesonnenen – Presbyterianer, Anhänger einer kirchlichen Ordnung, die aus Gemeindeverbänden besteht, auf deren Leitung neben den Predigern, den Pastoren, vor allem die für die Kirchenzucht zuständigen Ältesten, griechisch presbyteroi, Einfluß haben. Zu den angelsächsischen Puritanern des 17. Jahrhunderts zählten jedoch auch Calvinisten, die als Congregationalisten die Eigenständigkeit jeder Gemeinde forderten, Wiedertäufer und Separatisten, die für eine Abspaltung von der Anglikanischen Kirche eintraten.

Jakob I.*, König Englands und Schottlands in Personalunion, versuchte, auch der presbyterial verfaßten Kirche Schottlands, eine episkopale Ordnung zu geben und veröffentlichte im „Book of Sports“ eine Liste erlaubter Sonntagsvergnügungen (1618), für Calvinisten eine Provokation. Jakobs Sohn und Nachfolger Karl I.** setzte die Politik seines Vaters fort. – 1637 brachen Unruhen in Schottland aus. In England stellte sich das Parlament gegen den König und zwang ihn, die Bischöfe aus dem Oberhaus zu entfernen (1642). Obwohl der König in dieser Frage nachgab, brach noch in demselben Jahr der Bürgerkrieg in England offen aus.

* 1603 – 1625

** 1625 – 1649

Das Parlament berief die Westminstersynode (1643 – 1647) ein, um der Kirche in England eine presbyteriale Verfassung zu geben. Doch meldeten sich dort auch die in geringer Zahl anwesenden Independenten bzw. Congregationalisten mit der Forderung nach Unabhängigkeit jeder Einzelgemeinde bzw. congregation zu Wort; ihre Partei wuchs rasch, da viele einst vertriebene Puritaner und deren Nachkommen seit dem Beginn des Bürgerkrieges aus Hollland zurückkehrten. Sie verstanden sich als „Heilige“; theologisch bestimmt waren sie von Spiritualismus und Chiliasmus, also vom Glauben an das Wirken des Heiligen Geistes unter ihnen und von einem tausendjährigen, recht diesseitig gedachten Reich vor dem Weltende. – Die nicht allzu umfangreiche Bewegung englischer Wiedertäufer mündete ebenfalls in den Independentismus ein.

Durch die militärischen Erfolge Oliver Cromwells* gewann die Partei der Independenten eine führende Rolle. Ihr Heer zwang den König zur Flucht nach Schottland (1646), der von dort an das Parlament ausgeliefert wurde (1647). Dieses suchte ihn zu retten, doch das Heer stellte sich gegen das (Lange) Parlament und reduzierte es auf ein williges „Rumpfparlament“ (1648), das den König wegen Hochverrats zum Tode verurteilte, woraufhin wenige Wochen später dessen Hinrichtung erfolgte (1649). – Es herrschte in der englischen Republik nun Religionsfreiheit für alle protestantischen Denominationen, die ab 1655 auch die Episkopalisten einschloß, nur die Antitrinitarier nicht.**

* geb. 1599, gest. 1658

** Die Toleranzakte von 1689 schloß ebenfalls Katholiken und Antitrinitarier von der Gewissensfreiheit aus; von der Anglikanischen Kirche getrennte protestantische Dissenters bzw. Nonconformists wurden (bis 1828) von Parlamentssitzen und Beamtenstellen in Staat und Communen ausgeschlossen. Nach der Vereinigung der Königreiche von Großbritannien und Irland (1801) erhielten die Katholiken schließlich auch das Recht, als gewählte Abgeordnete ins Londoner Parlament einzuziehen (1829).

1653 reduzierte Cromwell das Rumpfparlament noch einmal; so entstand das Parlament der Heiligen, dem ausschließlich Independenten angehörten. 1653 bis 1658 regierte Cromwell die englische Republik als Lordprotektor auf Lebenszeit. Die Krone lehnte er ab (1657). Sein Sohn Richard* trat die Nachfolge an, legte aber bereits 1659 alle Ämter nieder. – 1660 erfolgte die Restauration mit der Rückkehr zum Königtum.

* geb. 1626, gest. 1712

Nach Cromwell setzten sich gemäßigtere Kräfte unter den Independenten durch. Zu ihr gehörte die Gruppierung der Quäker, gegründet durch George Fox*, die bereits seit 1654 als Opposition zu Cromwell in Erscheinung trat. Die höchste Stelle nimmt im Quäkertum nicht mehr die einzelne Gemeinde ein, sondern der einzelne Gläubige, der sich auf den Heiligen Geist als inneres Licht beruft. So vollendet sich die Auflösung kirchlicher Strukturen, und es erscheint ein vollkommenes religiöses Ebenbild des Liberlalismus.

* geb. 1624, gest. 1691

*

Woher sollte ein Mensch wissen, ob er zu den Erwählten oder zu den Verdammten gehört? Calvin hätte zur Beantwortung der Frage auf den Glauben verwiesen. Doch wessen Glaube wurde nie von Zweifeln erschüttert? – Die Dodrechter Synode lehrte die Perseveranz der Erwählten: Sie sollten stets vor dem Abfall bewahrt bleiben. Doch wer konnte vor seinem Tode wissen, ob er je schwach werden würde?

Solche Fragen verlangten nach Antworten zur Vergewisserung der eigenen Praedestination zum Heil. Eine solche konnte erreicht werden, wenn man die eigene Glaubensgemeinschaft mehr oder weniger mit den Erwählten identifizierte; dasselbe konnte auch in bezug auf die Nation geschehen, wenn man mit der eigenen Glaubensgemeinschaft nach der Herrschaft strebte, um nach dem Genfer Vorbild Calvins zu regieren und alle Gegner des Calvinismus im Staate zu entmachten bzw. sie auf irgendeine Weise auszugrenzen: Diesen Weg beschritten die englischen Puritaner des 17. Jahrhunderts, und in diesem Zusammenhang wird die Identifikation der Engländer mit den zehn verlorenen Stämmen Israels, die von den Assyrern im 8. Jahrhundert v. Chr. deportiert worden waren und nie wieder auftauchten, verständlich: Wenn die Engländer – wie die Juden – zum auserwählten Volk des Alten Bundes gehörten, dann waren die englischen Puritaner als zum Heil Praedestinierte des Neuen Bundes sozusagen in zweifachem Sinne Erwählte. Zum ersten Mal tauchte der Gedanke des Anglo-Israelismus wahrscheinlich bei dem Rechtsgelehrten John Sadler* auf, einem Mann aus dem Umkreis Cromwells. Sadler veröffentlichte 1649 zur Rechtfertigung der Hinrichtung des Königs „The rights of the kingdom“, und in diesem Zusammenhang stellte er seine Theorie vor, nach der die Engländer aus den zehn verlorenen Stämmen Israels hervorgegangen seien.

* geb. 1615, gest. 1674

Thomas Hobbes teilte die Auffassung, nach der Moses samt dem alttestamentlichen Gottesvolk als Vorläufer Christi und der Gläubigen anzusehen ist: Was Moses in irdisch begrenzter Weise durch den Alten Bund bewirkte, daß nämlich Gott sein Volk regierte und es vor Feinden beschützte und zum verheißenen Land führte, das verwirklichte Christus auf höhere Art, so daß die Erwählten in Ewigkeit bewahrt und zur verheißenen Seligkeit gebracht werden. Hobbes wirft den Juden lediglich vor, daß sie das ihnen offenbarte Gesetz Gottes durch ihre Kommentare und eingebildeten Überlieferungen verfälschten. Zwar merkt Hobbes an, solches Mißverständnis des Gesetzes habe als Konsequenz die Ablehnung Christi nach sich gezogen, doch legt er auf diese Tatsache merkwürdig wenig Gewicht. Dies dürfte darauf zurückzuführen sein, daß die Erwählung der Gläubigen in Hobbes‘ Augen von größerer Bedeutung war als der stellvertretende Sühnetod am Kreuz; damit verschieben sich die Gewichte der Heilsgeschichte, so daß die Gläubigen des Neuen Bundes nicht die Stelle der Juden treten, die angesichts der Kreuzigung das Blut des Heilands auf sich herabrufen,* sondern deren vollkommenere Nachfolger darstellen. Die Juden kritisiert Hobbes zwar wegen ihres Verständnisses des Gesetzes, aber sie haben in seinen Augen ihre Daseinsberechtigung, denn sie brauchen keinen Staat, weil Gott selbst ihr Regent ist; sie sind sozusagen in den Zustand vor der Aufrichtung des alttestamentlichen Königtums zurückgekehrt. Die katholische Kirche hingegen ist nach Hobbes nicht nur wegen der Vermischung des Christlichen mit dem Heidentum zu kritisieren: Ihr fehlt mit dem Römischen Staat das Daseinsrecht.

* Matth. 27, 25

Da die englischen Puritaner den Erwählungsgedanken hervorhoben und zugleich die Wiederkunft des Messias im Zusammenhang mit dem diesseitigen gedachten tausendjährigen Reich, ergab sich eine geistige Nähe zwischen Puritanismus und Judentum. So führte die das tausendjährige Reich erwartende millenaristische Ausrichtung der Puritaner seit der Mitte des 17. Jahrhunderts zu einer protestantischen Vorliebe für Juden gerade in England, das als erster christlicher Staat alle Juden am Ende des 13. Jahrhunderts ausgewiesen hatte; Frankreich war dem 14., Spanien im 15. Jahrundert gefolgt. Cromwell lud die 1290 vertriebenen Juden ab 1656 zur Rückkehr nach England ein. – Bereits acht Jahre zuvor war unter dem Namen von Edward Nicholas* die „Apology for the Honourable Nation of the Jews, and All the Sons of Israel“ erschienen, die Apologie für die ehrenwerte Nation der Juden sowie alle Söhne Israels. Darin heißt es, der Bürgerkrieg in England sei die Strafe für das frühere Fehlverhalten gegenüber den Juden. Damit wurde eine zu jener Zeit geläufige Behauptung angeführt, die Menasse ben Israel** bereits 1647 brieflich erwähnt hatte. Reue sei die einzige Möglichkeit, Gottes Gericht zu entgehen. Bald wurde die Apologie ins Spanische übersetzt (1649) und zur verbreiteten Lektüre in jüdischen Kreisen. Sie mag vielleicht von Manasse ben Israel selbst verfaßt worden sein. Er war jedenfalls der Autor von „Esto es, Esperanca de Israel (1650), Dies ist: Hoffnung Israels, das auf spanisch in Amsterdam erschien und noch in demselben Jahr ins Englische übersetzt wurde und unter dem Titel „Hope of Israel“, [Die] Hoffnung Israels, in London gedruckt wurde.

* Edward Nicholas hieß der Sekretär Karls II., der 1593 geboren wurde und 1669 starb.

** geb. 1604, gest. 1657

Henry Jessey,* seit 1637 Prediger einer Independentengemeinde in Southwark, London, war Millenarist, den Juden zugeneigt und Sabbatianer, d.h. Befürworter der Feier des Samstags, des Sabbath, an Stelle des Sonnntags. Jessey befürwortete eine partielle Beachtung des alttestamentlichen Ritualgesetzes durch die Christen. Er wandte sich mit einem (nicht erhaltenen) Text, der den Titel trug „The Glory and Salvation of Jehuda and Israel (1650)“, Der Ruhm und die Rettung Judas und Israels, an die Juden. Das Buch wurde ins Niederländische übersetzt und zu Amsterdam gedruckt als „De heerlichkeydt en heyl van Jehuda en Israel (1653)“. Die Uneinigkeit zwischen Juden und protestantischen Christen sollte durch Hervorhebung religiöser Gemeinsamkeiten überwunden werden. Jessey war durch Menasse ben Israels lateinische Schriften beeinflußt.

* geb. 1601, gest. 1663

*

1607 begann mit der Gründung Virginias, wo Tabak produziert wurde, die englische Kolonisierung Nordamerikas. Wirtschaftliche Gründe standen am Anfang der angelsächsischen Besiedlung der Ostküste. Dann kamen religiöse Motive hinzu: Ab 1620 ließen sich Puritaner als sog. Pilgrimfathers, Pilgerväter, weiter nördlich nieder, wo die Neuenglandstaaten enstanden. Zwischen beiden Gebieten entstand der 1682 von dem Quäker William Penn* gegründete Staat Pennsylvania.

* geb. 1644, gest. 1718

Die Puritaner lebten in Nordamerika nach ihrer Konfession. Sie übertrugen den Glauben an die Erwählung ihrer Nation und das Denken in Extremen, sozusagen das manichäische Element des Calvinismus, auf die Staaten ihrer neuen Heimat; an die Stelle der Vorliebe für Juden, die in den Gemeinwesen der Puritaner kaum vorhanden waren, trat eine besondere Wertschätzung des Alten Testamentes, die sich auch darin äußerte, daß vielen Kindern statt eines christlichen ein alttestamentlicher Name gegeben wurde. In puritanischem Sinne also sprach bald nach der Gründung der USA (1776) beispielsweise Ezra Stiles*, ein Geistlicher der Congregationalisten, in „The United States elevated to Glory and Honour (1783)“, Die zu Ruhm und Ehre erhobenen Vereinigten Staaten [von Amerika], von „God‘s American Israel“ [S. 7], von Gottes amerikanischem Israel.

* geb. 1727, gest. 1795

Wenn ein Staat, dessen Bürger ihre Erwählung gedanklich mit derjenigen ihrer Nation verbinden, Krieg führt, dann können auf der Gegenseite nur Sendlinge des Teufels stehen. Ihnen gegenüber muß der Einsatz aller Mittel zur Erringung des Sieges, und sei es Lüge oder Massenord, nicht nur erlaubt, sondern geradezu geboten erscheinen. – Daß der Gedanke einer Erwählung der Nation, der sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, d.h. nach Darwins* Begründung der Evolutionstheorie (1859), auch leicht mit dem Racismus verbinden konnte, im angelsächsischen Raum nicht auf die USA beschränkt blieb, sondern ebenso in England seine Anhänger fand, zeigt das Beispiel des so populären Schriftstellers Rudyard Kipling**. Als gottgewollt wird in Kiplings “A Song of the English (1893)” die britische Kolonialherrschaft dargestellt. Der Engländer, der sich im Glauben und durch Beachtung des Gebots an Gott hält, hat den Auftrag, im eigenen Lande das Böse zu vertilgen und die Leute wissen zu lassen, daß solches im Dienste Gottes geschieht. Die so verwirklichte Ordnung aber soll mit Schiffen über die ganze Welt ausgebreitet werden, so daß im weiteren Verlauf des Gedichts mehrfach vom Empire die Rede ist.

* Charles Darwin; geb. 1809, gest. 1882

** Joseph Rudyard Kipling; geb. 1865, gest. 1936

Allen Gegnern des britischen Kolonialimperiums sprach Kipling die menschliche Natur ab: Die unterworfenen Völker hielt er für Wesen, die halb Tier, halb Teufel sind,* d.h. tierhaft, so daß sie die englische Kolonialherrschaft benötigen, teuflisch, soweit sie sich ihr zu widersetzen wagen. Dem entsprechend äußerte sich Kipling über die Deutschen während des 1. Weltkrieges (1914 – 1918): „There are only two divisions in the world to-day – human beings and Germans…” Es gibt in der heutigen Welt nur zwei Gruppen, [die der] Menschen und [die der] Deutschen. – Wie verbreitet das mit der Nation verbundene manichäische Denken, dem Kipling anhing, im angelsächsischen Bereich war, zeigt ein Beispiel aus den USA, wo es in einem gemeinsamen Gebet des Parlaments zum Beginn der neuen Sitzungsperiode im Januar 1918** in bezug auf die Deutschen hieß: „Almighty God, our Heavenly Father … Thou knowest, O Lord, that we are in a live-and-death struggle with one of the most infamous, vile, greedy, avaricious, bloodthirsty, sensual and vicious nations that has ever disgraced the pages of history.“ Allmächtiger Gott, unser himmlischer Vater … Du weißt, o Herr, daß wir uns in einem Kampf auf Leben und Tod befinden mit einer der infamsten, widerwärtigsten, gefräßigsten, habsüchtigsten, blutdurstigsten, lüsternsten und bösartigsten Nationen, die jemals die Annalen der Geschichte [mittels ihrer bloßen Erwähnung] geschändet hat. – Fromme Selbstgerechtigkeit und Daemonisierung des Gegners bilden einen Zusammenhang, der für das manichäische Denken bezeichnend ist.

* „The White Man’s Burden (1893)“

** gemeinsames Gebet des us-amerikanischen Parlaments vom 10. Januar 1918

 

 

6 Kommentare zu „Die geistigen Wurzeln der Neuen Linken 2a: Das manichäische Denken (erster Teil)“

  • Brak:

    „Disputationum adversus gentes in libros octo, nunc primum in lucem editi” – Hier felt ein Subjekt, wohl Editio oder Volumen

  • virOblationis:

    Stimmt. Der Titel war nicht korrekt wiedergegeben. Vielen Dank für den Hinweis. – Eine entsprechende Änderung habe ich im Text vorgenommen.

  • […] Die geistigen Wurzeln der Neuen Linken 2a: Das manichäische Denken (erster Teil) […]

  • […] Die geistigen Wurzeln der Neuen Linken 2a: Das manichäische Denken (erster Teil) […]

  • Ed:

    ‘Die von der christlichen Demokratie in Wesen wie Ursprung grundverschiedene moderne Demokratie (politische wie soziale Demokratie) ist zum einen teile die Folge einer tiefgreifenden moralischen und geistigen Umwandlung, zum anderen Teile eine eng damit einhergehende Umwandlung der mensliche Fuehrertypen und geaenderter realer Verhaeltnisse.
    Auf den ersten Blick hoechst paradox ist – was die Idee betrifft – zunaechst die Tatsache, dass die erste Gestalt, die sie annahm, auf einen im Verhaeltnis zum religioes demokratischen katholischen kirchlichen Christentum aufs aeusserste gespannten r e l i g i o e s e n A r i s t o k r a t i s m u s zuruekgeht, naemlich auf die sich an das Auftreten Calvins anschliessenden religioesen und sozialen Bewegungen. Von allen Scheidungen zwischen Menschen, die gemacht worden sind, gibt es keine, die schroffer, furchtbarer und tiefgehender gewesen waere, als die Calvinistische Scheidung der ewig Auserwaehlten und der ewig Verworfenen. Was bedeutet dagegen die Antike Scheidung zwischen geborenen Sklaven und geborenen Herren -, die nur eine irdisch-zeitliche Bedeutung hat; was selbst die indischen Kastenunterschiede, die im je kommenden Leben fuer die Individuen ausgleichbar sind; was jede Bluts-, Macht-, Beamten- oder Besitzaristokratie? S i e ist so gross wie die Scheidung von Himmel und Hoelle, v o n a b s o l u t e m L i c h t u n d a b s o l u t e m D u n k e l. Da sie ewig ist, d.h. Gott schon vor der Schoepfung der Welt die beiden Reihen von Boecken und Laemmer gleichsam auf eine Tafel geschrieben hat, da sie ferner eine Steigung durch reine grundlose Gnade ist seitens des absolut souveraenen goettlichen Willens, hat die menscliche Geschichte, hat alles freie Ringen des Menschen um sein Heil und Glueck auf sie keinerlei Einfluss. Das aeusserste Gegenteil zur katholischen Lehre, nach der jedem die Gnade angeboten ist, nach der jeder sein ewiges Ziel durch Rechte freie Mitwirkung erreichen kann, wenn er nur die ihm in der Kirche und ihren Gnademitteln dargebotene Hand Gottes ergreift. Da muss man doch die Frage stellen: wie ist es moeglich gewesen dass der religioese Demokratismus der katholische Kirche in politischer und sozialer Hinsicht zur jaehen Behauptung der ueberlieferten feudalen Abstufung der menschlichen Gesellschaft fuehrte, zur Aufrechterhaltung des Standesstaates, aber auch darueber hinaus zum Ideal der abgestuften organischen Gesellschaft, dass die katholische Kirche mit der modernen Demokratie ueberall zunaechst einen schweren Kampf fuehrte,; und wie [ist es] moeglich, dass dieser aeusserste religioese Aristokratismus die weitaus staerkste Geistesmacht der modernen Demokratie, zunaechst der angelsaechsischen und amerikanischen Demokratie, geworden ist? Die Antwort ist nicht so schwer, wie es erscheint. [Ms. bricht hier ab.]’

    Aus: Max Scheler, ‘Christliche Demokratie’, Politisch-paedagogische Schriften S. 686 (Ursprung und Wesen der modernen Demokratie) Bern; Muenchen: Francke, 1982 (Gesammelte Werke / Max Scheler; Bd. 4)

    Das Manuskript von “Christliche Demokratie ist 1919 entstanden und umfasst 24 Seiten.

  • […] Die geistigen Wurzeln der Neuen Linken 2a: Das manichäische Denken (erster Teil) […]

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