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Die Entstehung der Neuen Linken 3: Das Feld der Beliebigkeit

von virOblationis

Die Besetzung der Rest-Tschechei durch die deutsche Wehrmacht (März 1939) bildete den Anlaß für Roosevelt*, die Revision der us-amerikanischen Neutralitätsgesetze anzustreben; nach dem deutschen Polenfeldzug (September 1939) erreichte er sein Ziel (November 1939). – Vor dem Ausbruch des 2. Weltkriegs (1939 – 1945) standen den interventionistisch gesonnenen US-Demokraten unter Roosevelts Führung die US-Republikaner entgegen, die den Isolationismus vertraten. Doch bereits im Präsidentschaftswahlkampf 1940 konkurrierte Roosevelt mit einem dem Interventionismus so wenig abgeneigten Republikaner, daß die wenigen verbliebenen Isolationisten einen eigenen, chancenlosen Kandidaten aufstellten.

* Franklin D.[elano] Roosevelt; geb. 1882, gest. 1945

Roosevelt ersuchte den Kongreß nach dem Beginn des Rußlandfeldzuges (Juni 1941) erfolgreich, auch die verbliebenen Reste der Neutralitätsgesetzgebung aufzuheben (Oktober / November 1941); um den Kongreß zu seiner Zustimmung zu bewegen, enthüllte ihm Roosevelt die streng geheime New World Order Deutschlands, die einen Plan zur Aufteilung Lateinamerikas in fünf Vasallenstaaten enthielt sowie das Vorhaben einer Abschaffung der dort existierenden Religionen zu Gunsten eines NS-Kultes.* – Gleichsam mühelos wurde in Washington damit das geistige Niveau der Moskauer Schauprozesse (1936 – 1938) erreicht.

* Navy Day speech vom 27. Oktober 1941: Das Material, auf das sich Roosevelt dort bezog, stammte vom britischen Geheimdienst.

Erste Vorstellungen Roosevelts von den zukünftigen Vereinten Nationen, den United Nations (UN), sahen ein durch die vier Siegermächte USA, Großbritannien, Sowjetunion und National-China betriebenes System permanenter Intervention(s-Drohung)en vor, um alle Staaten und Völker zur us-amerikanischen Weltordnung zu befreien und das Böse zu unterdrücken. Wer sich dem nicht fügen wollte, lehnte sich gegen die universale Ordnung des Guten auf und strebte daher letztlich nach einer alternativen, eigenen Weltherrschaft.

Am 1. Januar 1942 erfolgte die Deklaration der Vereinten Nationen durch die Länder der vier Sheriffs und zweiundzwanzig weitere Staaten. Die UN konstituierten sich also als Kriegsbündnis. Sämtliche der nun den Vereinten Nationen angehörenden Staaten verpflichteten sich, mit Deutschland keinen Separatfrieden zu schließen.

Um einerseits die us-amerikanische Führung der UN deutlich zu machen und sie andererseits religiös zu überhöhen, sprach Roosevelt 1942 am US-Flag-Day, dem 14. Juni, für diese Vereinten Nationen im Anschluß an eine Rundfunkansprache ein Gebet. Er wünschte allen „children of Earth“, Kindern [der] Erde, einen gemeinsamen Glauben, „a common faith“. „And in that faith, let us march, march toward the clean world, our hands can make. Amen“ Und in diesem Glauben, laßt uns marschieren, marschieren hin zu der sauberen Welt, die unsere Hände bereiten können. Amen

Während alle Kriege der USA – zumindest seitdem – der Aufrechterhaltung der universalen Ordnung samt dem Weltfrieden dienen, suchen ihre Gegner stets, dies zu behindern; in ihnen manifestiert sich letztlich das Wirken des alt‘ bösen Feindes*. – So durfte mit Deutschland nicht verhandelt werden, und seine Repräsentanten galten als Verschwörer gegen den Weltfrieden; als solche wurden sie nach Kriegsende in Nürnberg angeklagt (1945 – 1946); die Rechtsgrundlage dafür war von Juristen aus Roosevelts Staatsapparat neu geschaffen worden. Konsequenter Weise wurden die Verschwörer auch der Entfesselung eines Angriffskrieges angeklagt, denn damit hatten sie ihren Verschwörungsplan in die Tat umgesetzt. Hinzu kamen Verbrechen gegen das Kriegsrecht und die Menschlichkeit, waren solche Untaten von den Verschwörern doch fast unbedingt zu erwarten gewesen.

* Anspielung auf eine Zeile des Liedes „Ein feste Burg“ von Martin Luther (geb. 1483, gest. 1546): „Der alt‘ böse Feind, / mit Ernst er‘s jetzt meint, / groß Macht und viel List / sein grausam Rüstung ist, / auf Erd ist nicht sein‘sgleichen.“

*

Nach der Eroberung Deutschlands sollte die Bestrafung des Volkes durchgeführt werden. Doch es zeigte so wenig Bereitschaft zum Widerstand, daß das Fraternisierungsverbot von den US-Behörden bereits am 1. Oktober 1945 aufgehoben wurde; viele einfache US-Bürger – und somit auch viele Soldaten – standen den besiegten Deutschen weit weniger feindlich gegenüber als es Roosevelts Propaganda, getragen von Intellektuellen und Massenmedien, vorsah.

Aus den Oberkommandierenden der vier Zonen, von denen jeder ein Vetorecht hatte, wurde als neue deutsche Regierung ein Alliierter Kontrollrat gebildet. Er stellte fest, wie hoch die deutsche Wirtschaftsleistung sein sollte, damit die auf dem Restterritorium zusammengeschobene Bevölkerung weiter in ihren Ruinen hausen konnte. Alle dazu nicht notwendigen Industrieanlagen sollten demontiert und abtransportiert werden. – In dem außergewöhnlich strengen Winter 1946/47 verhungerte und erfror eine ungezählte Menge von Deutschen in sämtlichen vier Zonen; an der Feststellung der tatsächlichen Anzahl war wohl kaum jemandem gelegen. – Ich erinnere mich, daß meine Mutter noch um 1960 nie die Kriegszeit mit den immer wieder erfolgten Bombardierungen Hamburgs, sondern stets nur die ersten Jahre nach Kriegsende als „schlechte Zeit“ bezeichnete, als z.B. einmal der Kaffeeersatz in der Kanne auf dem Wohnzimmertisch gefror; immerhin war das Mietshaus, in dem meine Mutter als Kind gelebt hatte, volkommen zerstört und das, in dem sie während des Krieges wohnte, beschädigt worden.

Eine Entnazifizierung wurde in sämtlichen vier Zonen durchgeführt, um die persönlich Belasteten auszusondern und eigens abzustrafen. Der „denazification“ dienten Bögen mit einhunderteinunddreißig Fragen, die jeder erwachsene Deutsche in der US-Zone zu beantworten hatte (1945/1946); dort wurde die Entnazifizierung mit bureaukratischem Eifer betrieben: Seine Erlebnisse in dieser und der vorangegangenen Zeit schrieb Ernst von Salomon* in Form eines autobiographischen Romans nieder; „Der Fragebogen (1951)“ fand weite Verbreitung. – Nach der Rückgabe von dreizehn Millionen ausgefüllten Fragebögen wurden dreieinhalb Millionen Verfahren in der US-Zone eingeleitet. Die britischen Besatzer beschränkten sich darauf, allen Beschäftigten, also Arbeitnehmern, Beamten und Selbständigen, das Ausfüllen eines Fragebogens aufzuerlegen, die französischen verlangten dies nur von den im Öffentlichen Dienst Tätigen, Freiberuflern und Führungskräften der Wirtschaft; der von 1942 bis 1945 und erneut von 1945 bis 1949 mit Publikationsverbot belegte Schriftsteller Ernst Jünger** weigerte sich, den Fragebogen auszufüllen, und zog von der britischen in die französische Besatzungszone um (1948). In der Ostzone verzichtete man auf den Fragebogen, was aber der brutalen Gründlichkeit der dort durchgeführten Entnazifizierung keinerlei Abbruch tat.

* geb. 1902, gest. 1972

** geb. 1895, gest. 1998

Es erwies sich für die Deutschen als großes Glück, daß die Siegermächte bis 1947 in eine Konfrontation hineingerieten, auf Grund derer die Besatzer in den Westzonen wie in der Ostzone die deutsche Bevölkerung allmählich für sich zu gewinnen trachteten, um sie gegen die andere Seite in Stellung zu bringen. Dem entsprechend forderte der „Berija* der Ostzone“, d.h. Kurt Fischer**, seit Gründung der DDR 1949 Chef der Deutschen Volkspolizei, schon lange den Aufbau paramilitärischer Einheiten, bevor diese 1952 als Kasernierte Volkspolizei entstanden.

* benannt nach Stalins Geheimdienstchef Lawrenti Berija (geb. 1899, gest. [durch Hinrichtung] 1953)

** geb. 1900, gest. 1950

Das 1947 hinsichtlich Deutschlands einsetzende Tauwetter führte in der zu Beginn desselben Jahres konstituierten angelsächsischen Bizone dazu, daß die Re-education an die Stelle der Abstrafung trat. Erste Ansätze der Umerziehung hatte es freilich schon zuvor gegeben, und umgekehrt wurde die Bestrafung auch nach 1947 fortgesetzt, doch die Schwergewichte verschoben sich. Ab 1947 bemühte man sich in der Bizone verstärkt, die Deutschen von ihrem bösen Geist zu befreien, wonach diejenigen, die zu einer Neuausrichtung fähig und willens waren, an der demokratischen Weltordnung Anteil bekommen sollten. – Die Kongreßwahlen vom November 1946 hatten den US-Republikanern nämlich eine Mehrheit in Senat und Repräsentantenhaus beschert; seit 1932 waren beide Häuser von den US-Demokraten dominiert worden. So mußte Präsident Truman* auf die US-Republikaner, d.h. vor allem ihren Antikommunismus, Rücksicht nehmen. Dazu wurde 1947 die Contaiment-Politik formuliert, welche die sowjetische Expansion eindämmen sollte, die Ost-Europa und das östliche Mitteleuropa erfaßte und in den Süden, nach Griechenland, vorzudringen begann; in den Fernen Osten, nach China, wo der Bürgerkrieg 1946 erneut entbrannte, sandten die USA bereits seit 1945 Geld und Waffen zur Unterstützung der National-Chinesen. Mittels eines Europäischen Wiederaufschwung-Programms, European Recovery Programm, des sog. Marshall-Planes** sollte dem nicht-sowjetischen Teil Europas außerdem zu ökonomischer Stabilität verholfen werden.

* Harry Truman; 1945 – 1953

** benannt nach dem US-Außenminister George C.[atlett] Marshall, 1947 – 1949, dann Verteidigungsminister 1950 – 1951; geb. 1880, gest. 1959; Friedensnobelpreis 1953

In der Ostzone wurde die Entnazifizierung 1948 für beendet erklärt, im Westen 1951. – In keiner Zone hatte es bis 1947 so viele Internierte gegeben wie in der us-amerikanischen, fast einhunderttausend. Dafür entließen die Sowjets bis 1947 weit weniger Gefangene, und zusätzlich deportierten sie etwa einhundertfünfzigtausend Personen in die UdSSR. Außerdem hatten die Sowjets die höchste Sterberate in ihren Lagern; nach offiziellen Angaben betrug die Anzahl der Toten fast dreiundvierzigtausend, doch wie hoch mag sie tatsächlich gewesen sein?

Während die Sowjets in der Ostzone mittels einer Bodenreform die Besitzverhältnisse grundlegend veränderten (1945 – 1946) und die politische Macht nach und nach an eine Partei delegierten, die exakt auf ihre eigene Ideologie ausgerichtet war, folgte man in der US-Zone mehr dem Vorbild Roosevelts, der sich vor allem darum bemüht hatte, Intellektuelle und Medien als Unterstützer für seine Politik zu gewinnen, ohne ihnen ihre geistige Eigenständigkeit zu nehmen. So wählte man nun dazu geeignete Personen unter den Deutschen aus: Durch während des Krieges geleistete Vorarbeiten wußten die US-Amerikaner bereits, wer in Frage kam; so hatte der emigrierte Schriftsteller Carl Zuckmayer* für den us-amerikanischen Auslandsgeheimdienst OSS, den Vorgänger der CIA**, Dossiers über alle ihm bekannten Personen des deutschen kulturellen Lebens der NS-Zeit angefertigt; sie wurden erst 2002 bekannt und erschienen in demselben Jahr unter dem Titel „Geheimreport“. – Den von den US-Amerikanern ausgewählten Persönlichkeiten wurde eine Neuausrichtung des geistigen Lebens in Kultur und Medien, zugetraut. Man setzte sie einzeln als Inhaber einer „licence“ oder in „teams“ an alle Schlüsselstellen, so daß sie sich als demokratische Elite etablieren konnten, noch bevor die Westzonen-BRD gegründet wurde (1949). Da die Umerziehung schon in us-amerikanischen Kriegsgefangenenlagern begonnen hatte, erhielt beispielsweise der zusammen mit einigen späteren Mitstreitern seiner „Gruppe 47“ aus solcher Schulung hervorgegangene Hans Werner Richter*** nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft 1946 sogleich eine Lizenz zur Herausgabe einer Zeitschrift, die aber 1947 widerrufen wurde, da das Blatt zu sowjetfreundlich war und somit nicht zum anbrechenden Kalten Krieg paßte.

* geb. 1896, gest. 1977

** Central Intelligence Agency, Informations-Hauptdienststelle

*** geb. 1908, gest. 1993

Innerhalb der Wissenschaft wurde die Politologie als Transmissionsriemen zur Übertragung westlichen Denkens in die BRD benutzt. Um dieses Fach in der Westzonen-BRD zu etablieren, wurde vom 10. bis 11. September 1949, also im Monat der Konstituierung der BRD nach den Wahlen im August*, eine Tagung zu Waldleiningen bei Darmstadt in dem bis dahin zur US-Zone gehörigen Bundesland Hessen veranstaltet. Daran wiederum knüpfte die im Juli 1950 zu Königstein bei Frankfurt versammelte Konferenz der bundesdeutschen Kultusminister an. Sie rief dazu auf, Lehrstühle für die „Wissenschaft von der Politik“ an allen west-deutschen Universitäten einzurichten.

* Die ersten Bundestagswahlen hatten am 14. August stattgefunden. Am 12. September erfolgte die Wahl des ersten Bundespräsidenten, drei Tage darauf die des ersten Bundeskanzlers.

Mehrere Professuren für Politische Wissenschaften wurden danach mit Emigranten besetzt, die bereits in den USA gelehrt hatten. Dies geschah aber nicht etwa handstreichartig, sondern ganz allmählich: So erhielt Carl Joachim Friedrich* zuerst eine Gastprofessur und 1956 den Lehrstuhl für Politische Wissenschaften in Heidelberg; 1958 wurde Eric Voegelin** als Ordinarius für Politische Wissenschaften nach München berufen und Thomas Manns*** Sohn Golo**** 1960 nach Stuttgart.

* geb. 1901, gest. 1984 (in den USA)

** geb. 1901, gest. 1985 (in den USA)

*** Thomas Mann; geb. 1875, gest. 1955; Literaturnobelpreis 1929

**** eigentl. Angelus [Mann]; geb. 1909, gest. 1994

Auch auf den Teil Deutschlands, der zur britischen Besatzungszone gehört hatte, erstreckte sich bei der Konstituierung der Politischen Wissenschaften der us-amerikanische Einfluß. Nach Köln wurde 1959 der zuerst nach Großbritannien, dann aber in die USA emigrierte und dort lehrende Ferdinand Hermens* berufen. Nach Bonn kam in demselben Jahr Karl Dietrich Bracher**, der die USA nicht als Emigrant, sondern als Kriegsgefangener kennengelernt, aber später ein Jahr lang in Harvard studiert hatte, und zuletzt mit seiner Habilitationsschrift „Die Auflösung der Weimarer Republik (1955)“ hatte er seine Treue zur westlichen Geisteshaltung unter Beweis gestellt. – Bei Theodor Eschenburg*** handelte es sich auch nicht um einen Emigranten, sondern um einen von der französischen Besatzungsmacht zu politischen Aufgaben herangezogenen Deutschen. 1952 erhielt Eschenburg, ohne sich habilitiert zu haben, einen Lehrstuhl für Politische Wissenschaften in Tübingen, das zuvor im Bereich der französischen Besatzungszone gelegen hatte.

* geb. 1906, gest. 1998 (in den USA)

** geb. 1922

*** geb. 1904, gest. 1999

Unter den Wissenschaftlern waren bald auch die Historiker von den Folgen der Umerziehung betroffen: „…die Züchtung einer neuen Historikerschule in Westdeutschland [benötigte einige Zeit und] hätte auch nicht schneller vonstatten gehen können als die entsprechende einer marxistischen Historikerschule in Mitteldeutschland. So waren die ,neuen deutschen Ansichten‘ (Hans Kohn) von der deutschen Geschichte lediglich der Ausdruck einer Machtverschiebung in der Zunft.“* 1961 erfolgte Fritz Fischers** „Griff nach der Weltmacht“, worauf in bezug auf die Frage nach der Auslösung des 1. Weltkriegs (1914 – 1918) eine allmähliche Neuausrichtung der Historikerzunft nach Westen hin erfolgte; vereinzelte kritische Stimmen wurden geflissentlich überhört, so daß erst 2013 angesichts des bald bevorstehenden einhundertsten Jahrestages des Kriegsausbruches durch die Veröffentlichung des Werkes eines in Großbritannien lehrenden Australiers*** wieder Bewegung in die ideologisch erstarrte Fachdiskussion kam.

* Caspar von Schrenck-Notzing, „Charakterwäsche. Die Politik der amerikanischen Umerziehung in Deutschland (1965)“, hier: [IV.] Die Wiederkehr Roosevelts, [6.] Die Traktätchenzeit

** geb. 1908, gest. 1999

*** Christopher M. [unro] Clark, „The Sleepwalkers. How Europe went to War in 1914 (2012; dtsch. Die Schlafwandler. Wie Europa in den ersten Weltkrieg zog, 2013)“

Zur Formung einer neuen Elite für die BRD gründete der in West-Deutschland als US-Hochkommissar amtierende John Jay McCloy* 1952 die Atlantik-Brücke. Sie sorgt für regelmäßige Kontakte zwischen us-amerikanischen und west-deutschen Personen und Institutionen. So ist ein großer Kreis entstanden, aus dem Spitzenkräfte der Wirtschaft, Politiker und die Führung der Massenmedien hervorgehen.

* 1949 – 1952; geb. 1895, gest. 1989

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Die ostzonale Indoktrination vollzog sich vor allem im Erlernen der marxistisch-leninistisch-stalinistischen Weltanschauung und in der Unterwerfung unter das Kommando derer, die sie exekutierten. Die westliche Re-education wies keine solche Stringenz auf; sie richtete sich mehr auf die Zerstörung des Alten als den Aufbau des Neuen, denn das Neue hatte keine in sich abgeschlossene Definition. Die westzonale Re-education gründete auf spezifisch us-amerikanischen geistigen Voraussetzungen, die teilweise erst im Verlauf der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ausformuliert wurden, aber schon zuvor wirksam waren. Sie sollen im nun Folgenden skizziert werden.

Der 1886 in die USA ausgewanderte jüdisch-deutsche Geograph Franz Boas* begründete in seiner neuen Heimat die us-amerikanische Richtung der Ethnologie als cultural anthropology. Während einer Expedition in die Arktis (1883 – 1884) hatte Boas die Kultur kanadischer Eskimos studiert und war zu der Auffassung gelangt, die Gestalt einer Kultur sei stets abhängig von den jeweiligen natürlichen Gegebenheiten, unter denen sie sich entwickelt hat. Die Beschäftigung mit verschiedenen Kulturen erhob Boas nun zu seinem neuen Arbeitsfeld, was möglich war, weil ein schon früher in die USA ausgewanderter Oheim dort zu großem Wohlstand gelangt war. Vor Boas war die Ethnologie in den USA zumeist nur unwissenschaftlich betrieben worden. Zur bekanntesten Vertreterin der durch Boas begründeten Schule der cultural anthropology wurde Margaret Mead** mit ihren 1928 veröffentlichten Aufzeichnungen aus der Südsee über die dort nach Meads Auffassung herrschende, so überaus freizügige Kultur.

* geb. 1858, gest. 1942

** geb. 1901, gest. 1978

Während der fünfziger Jahre verschmolz in den USA Meads Version von cultural anthropolgy, wonach das gesamte soziale Verhalten nicht durch die Natur, sondern durch die jeweilige kulturelle Herkunft bestimmt und deshalb grundsätzlich veränderbar sei, weil eben die Kultur ihre Gestalt auch nur auf Grund zufälliger Gegebenheiten angenommen habe, mit der Auffassung, die einzige anthropologische Konstante stellten die Triebe des Menschen dar. Diese Sichtweise war durch die Frankfurter Schule aufgekommen, die sich während der dreißiger Jahre um eine Synthese von Marxismus und Psychoanalyse bemüht hatte und danach die Ansicht vertrat, die Triebe des Menschen bestünden aus Hunger (s. Ökonomie: Marx*) und Geschlechtstrieb (s. Psychoanalyse: Freud**); alles, was darüber hinausgehe, so die nun populäre Synthese, sei durch Kultur bzw. erlerntes Verhalten bestimmt und deshalb prinzipiell veränderbar. Die an die Kultur gebundene Geschichte eines Volkes erscheint dem seit den fünfziger Jahren in den USA verbreiteten Denken somit als Zufallsprodukt. – Dazu sei angemerkt, daß Speisung und Atmen die unverzichtbare Grundlage des materiellen Daseins bilden, während man sexuell enthaltsam leben kann, ohne das materielle Dasein zu gefährden: Die Triebe bilden die Grundlage der Affekte. Hunger und das Bedürfnis zu atmen hingegen liegen den Trieben zu Grunde und bringen daher keine Affekte im eigentlichen Sinne hervor, auch wenn sie Gefühle auszulösen vermögen.

* Karl Marx; geb. 1818, gest. 1883

** Sigmund Freud; geb. 1856, gest. 1939

Meads Version der cultural anthropology war auch schon vor Anbruch der fünfziger Jahre wirksam, denn ihr populäres Buch „Coming of Age in Samoa“, Mündigwerden auf Samoa, erschien bereits 1928. Nicht zuletzt von diesem Bestseller könnten – wie indirekt auch immer – Auswirkungen auf die Re-education der Deutschen in den westlichen Besatzungszonen erfolgt sein, denn wenn Menschen in den USA sich zu einer exotischen Kultur hin orientieren konnten, dann mußte dasselbe doch auf die Besiegten übertragbar sein, womit sich neben der Dimension der Bestrafung auch die einer Umerziehung eröffnete.

Was bis dahin zur Kultur eines ganzen Volkes erdacht worden war, übertrug der Psychologe Burrhus Frederic Skinner* als Begründer des neueren Behaviorismus auf den einzelnen; 1953 erschien sein Buch „Science and Human Behavior“. Skinner übertrug Ergebnisse von Tierexperimenten auf den Menschen und ging davon aus, daß durch ein System von Belohnungen auch deren Verhalten wunschgemäß zu konditionieren sei. – Skinners populär gewordene Psychologie ermöglichte den Aufbau einer Sozialindustrie, denn nur unter der Voraussetzung einer grundsätzlichen Formbarkeit der menschlichen Verhaltensweisen erscheint ihr Einsatz erfolgversprechend; natürlich liegt dem letztlich Lockes** – auch von französischen Aufklärern des 18. Jahrhunderts aufgenommene – Auffassung des Menschen als tabula rasa zu Grunde.***

* geb. 1904, gest. 1990

** John Locke; geb. 1632, est. 1704

*** s. Die geistigen Wurzeln der Neuen Linken 1): Die Gleichheitsideologie

Nicht nur als einzelner sieht sich der Angehörige der westlichen Zivilisation seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts der Beliebigkeit ausgesetzt. Auch die Familienstrukturen, in denen er lebt, wurden zunehmend in Frage gestellt. – Schon in den „Studien [der Frankfurter Schule] über Autorität und Familie (1936)“, an denen Fromm* den größten Anteil hatte, war die Auffassung vertreten worden, daß überall eine Entartung zum autoritären Charakter stattfinden könne, wo die gesellschaftliche Entwicklung mit derjenigen der Produktivkräfte nicht Schritt halte; damit drohte ebenso ubiquitär der Faschismus. Außerdem geriet die Familie als psychologische Agentur der Gesellschaft unter Verdacht, da die autoritäre Familie autoritäre Charaktäre hervorbringe. – Die in den vierziger Jahren erstellte Berkeley-Studie** arbeitete auf der Linie der„Studien über Autorität und Familie“ weiter.

* Erich Fromm; geb. 1900, gest. 1980; s. Die Frankfurter Schule 1b: Geschichtlicher Überblick (zweiter Teil)].

** hier: „Studies in Prejudice I, The Authoritarian Personality (1950; dtsch. [nur die von Adorno verfaßten Kapitel des Werkes enthaltenden] Studien zum autoritären Charakter, hg. Ludwig von Friedeburg, 1973)“

Nebenbei erschien unter solchen Umständen auch das Proletariat als revolutionäres Subjekt zweifelhaft, denn sobald die gesellschaftliche Entwicklung mit derjenigen der Produktivkräfte irgendwo nicht Schritt hält, müßte das dortige Proletariat von lauter autoritären Charakteren durchsetzt sein. Demnach bedurfte die Gesellschaft ins Gesamt der therapeutischen Begleitung durch die Synthese von Marxismus und Psychoanalyse, um nicht zum Faschismus abzugleiten; dies geschieht durch Zuwendung zu einzelnen (Fromm) oder politische Bestrebung (Marcuse*). Der einzelne war jedenfalls am besten zu therapieren, wenn er von der autoritären Familie, ja von jeder Familienzugehörigkeit gelöst wurde. Betrachtete man hingegen die Gesellschaft ins Gesamt als therapiebedürftig und die autoritäre Familie als Krankheitsherd, dann galt es, die Familie aufzulösen, wodurch die Gefahr der autoritären Entartung des einzelnen wie die einer faschistischen der Gesellschaft doch gebannt wäre. Außerdem mußten alle diejenigen, die aus der Mitte der therapiebedürftigen Gesellschaft als sozial Deklassierte oder psychisch Kranke ausgegrenzt waren, als die Gesündesten erscheinen und damit als revolutionäres Subjekt; somit wird verständlich, daß Marcuse das Lumpenproletariat an die Stelle des Proletariats nach Marx setzte. Dasselbe schien auch schon deshalb geboten zu sein, da die Kritische Theorie alles Bestehende ablehnte** und die Gesellschaft darum ins Gesamt als krank und unfähig zur Verwirklichung wahrhaft menschlicher Verhältnisse ansehen mußte: Danach war die Hoffnung allein auf diejenigen zu setzen, die aus der Gesellschaft herausgefallen waren oder ihr, etwa als Angehörige der Kolonialvölker, gar nicht angehörten.

* Herbert Marcuse; geb. 1898, gest. 1979

** s. Die Frankfurter Schule 2: Horkheimer

Zur Einbindung des einzelnen in eine Gesellschaft gehört traditionell die Religion. Bis in das 20. Jahrhundert hinein existierten verschiedene protestantische Staatskirchen, die während der Reformationszeit in Regionen zuvor katholischen Glaubens geschaffen worden waren. In England erhielt die Anglikanische Kirche diese Funktion, doch fügten sich ihr nicht alle Protestanten; manche stellten sich offen gegen sie, andere distanzierten ich innerlich von ihr. Die englische Religionsfreiheit bestand darin, daß bis zum Beginn des 19. Jahrhundert sämtliche protestantischen Denominationen einschließlich der Antitrinitarier gleiche Rechte im Staat erhielten. Die aus England an die Ostküste Nordamerikas ausgewanderten Protestanten bildeten in der Neuen Welt Gemeinden wie in der alten Heimat, nur daß eine Staatskirche fehlte. Daher bildete Nordamerika im 18. Jahrhundert den besten Nährboden für die Lehre der Freimaurerei*, die den Zusammenhalt der Logenbrüder über die Wahrheitsfrage stellte und deshalb religiös indifferent sein mußte; der Liberalismus des 19. Jahrhunderts übernahm diesen Begriff von Religionsfreiheit . – Dem entgegengesetzt war die katholische Kirche bis zum II. Vaticanum (1962 – 1965); seither verkündet auch sie nicht mehr uneingeschränkt die ihr von Gott anvertraute Offenbarung als letztgültige Wahrheit, sondern sucht im Dialog nach Übereinstimmung mit anderen Konfessionen und Religionen.** Benedikt XVI.*** sprach schon vor seiner Wahl 2005 von einer „Diktatur des Relativismus“; sie erklärt die Frage nach Wahrheit zum Fundamentalismus, um sie gedanklich in die Nähe des Terrorismus zu rücken.

* 1717 war in London die erste Großloge gegründet worden.

** Mißverstandene religiöse Toleranz im Sinne einer Suche nach einem kleinsten gemeinsamen Nenner der verschiedenen Bekenntnisse findet sich bereits im Humanismus des 15. Jahrhunderts bei Nikolaus von Kues (geb. 1401, gest. 1464), und zwar in dessen „De pace fidei (1453)“, Über den Frieden des Glaubens; dabei gehörte Nikolaus von Kues als Cardinal zu den höchsten Kirchenmännern seiner Zeit.

*** 2005 – 2013

Die Auffassung, die jeweilige Geschlechtszugehörigkeit des Menschen sei ein soziales Konstrukt, hat sich unter dem Zeitgeist konformen Intellektuellen mittlerweile so weit verbreitet, daß man geradezu von einem Konsens sprechen kann. Sie wurde zuerst in den USA während der sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts vertreten, und obwohl die Empirie sie danach nicht bestätigt, sondern ihr heftigst widersprochen hat, ist sie immer weiter aufrecht erhalten worden. Strittig scheint nur noch die Art und Weise, in welcher das soziale Konstrukt erstellt wird. Während man in den sechziger Jahren dies der Erziehung als bewußter Formung zuschrieb, hebt die seit Ende des 20. Jahrhunderts allseits bekannte Judith Butler*, eine jüdisch-us-amerikanische Tribade, den Sprachgebrauch hervor, der die Geschlechtsidentität konstruiere. Butler promovierte 1984 an der – seit 1980 als Hochschule der „Minderheiten“ geltenden – Universität Yale in Connecticut zum Doctor of Philosophy (Ph.D.) mit einer Dissertation, über „Subjects of desire: Hegelian reflections in the Twentieth-Century France (1987)“, [Verschiedene Philosophen bzw. philosophische] Subjekte [in ihrer kritischen Destruktion und dabei unbeabsichtigten Rekonstruktion der ursprünglichen Intention der Lehre vom Subjekt in der Hegel‘schen „Phänomenologie des Geistes“, das betrachtet wird unter dem Aspekt] von Verlangen [nach seinsmäßiger Integrität]. Reflexionen hegelianischer [Philosophie] im Frankreich des zwanzigten Jahrhunderts). Butlers Publizität begann mit der Veröffentlichung von „Gender Troubles (1990; dtsch. Das Unbehagen der Geschlechter, 1991)“; seit 1986 hat Butler als Professorin an verschiedenen us-amerikanischen Hochschulen gelehrt, bis sie 1993 als Rhetorikerin an die kalifornische Universität Berkeley (University of California, Berkeley) berufen wurde.

* geb. 1956

Während der siebziger Jahre galt Bruce Reimer als schlagender Beweis für die beliebige Festlegung des Geschlechts eines Kindes durch Erziehung [im Verein mit medizinischer Manipulation]: Reimer war als ein eineiiger Zwilling zusammen mit seinem Bruder 1965 zur Welt gekommen. Bei einer Operation wegen Vorhautverengung war Bruce Reimers Penis verstümmelt worden. Daraufhin gab ein us-amerikanischer Psychologe den Rat, Bruce als Tochter „Brenda“ aufzuziehen [und operativ sowie mit Hormonen zu behandeln]. Das leidgeprüfte Kind erfuhr 1980 von seinem wirklichen Geschlecht [und ließ die medizinischen Veränderungen, die an ihm vorgenommen worden waren, so weit wie möglich rückgängig machen]. Von da an nannte er sich „David“. Später heiratete er eine Mutter dreier Kinder. Nach der Trennung von ihr brachte er sich 2004 um; sein Zwillingsbruder war zwei Jahre zuvor durch eine Medikamentenüberdosis um‘s Leben gekommen. – Der Lohn für die Hartnäckigkeit der Verleugnung der Realität besteht in der Anerkennung der Wissenschaftlichkeit der gender studies, auch wenn diese nicht in Ratio und Empirie wurzeln, sondern in der Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat.

Man schuf den Begriff „gender“ anfangs dadurch, daß man damit die sozialen Implikationen der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Geschlecht bezeichnete, die man vom biologischen Geschlecht, „sex“, nun unterschied, ja loslöste. Damit blieb man der Bipolarität von Männlich und Weiblich jedoch noch verhaftet. Butler ging darüber hinaus, indem sie das biologische Geschlecht völlig ignorierte. Dadurch wird es möglich, auch mehr als zwei verschiedene Geschlechtsidentitäten zu postulieren.* Am Ende steht die Behauptung, es gebe so viele Geschlechtsidentitäten wie Menschen, d.h. jeder habe seine eigene, unverwechselbare; dieser entspricht die stets individuelle sexuelle Orientierung: Man erinnere sich, daß Marcuse schon in den fünfziger Jahren eine ursprünglich polymorph perverse Sexualität des Menschen vertrat; dies ist umformuliert worden zur These einer beliebigen sexuellen Orientierung, sexual orientation, deren Anerkennung international eingefordert wird. Jegliche Diskriminierung und Gewaltanwendung auf Grund mißliebiger sexueller Orientierung wird in einer Resolution des UN-Menschenrechtsrates, United Nations Human Rights Council (UNHRC), vom 17. Juni 2011 als Menschenrechtsverletzung beklagt und die Frage nach deren künftiger Unterbindung ins Auge gefaßt. Eine Mehrheit für eine entstprechende Deklaration in der UN-Vollversammlung steht freilich noch aus.

* Wegen der vermeintlichen Loslösung von der Bipolarität und somit auch vom weiblichen Geschlecht, bezeichnet man die betreffende Strömung nicht als feministisch, sondern meist als postfeministisch. – Nicht um die Aufhebung des Unterschiedes zwischen den Geschlechtern, sondern – in vergleichbarer Weise – um den zwischen Organischem und Anorganischem geht es der us-amerikanischen Biologin Donna Jeanne Haraway (geb. 1944) in „A Manifesto for Cyborg (1985)“; sie fragt (anschließend an die vermeintlichen Aufhebung der Grenze zwischen Mensch und Tier) nach der Möglichkeit einer die geschlechtliche Bipolarität überwindenden Verbindung von Mensch und Maschine, also nach einem Postgender-Wesen – und zwar in bezug auf den gegenwärtig (ver)weiblich(t)en Menschen: „The Cyborg… is the self feminists must code.“ Die Cyborg… ist das Selbst, das Feministinnen kodieren müssen. Die Autorin spricht in demselben Zusammenhang vom „Wiederherstellen unserer Körper“, „…recrafting our bodies…“, und bezieht sich gleichzeitig auf die „Frauen weltweit“, „(for) women world-wide“. Es geht also eigentlich um Cyborgs als Frau-Maschinen; Männer wären demnach endgültig überflüssig, nachdem sie schon gegenwärtig nur noch Berücksichtigung finden, so fern sie „feminized“, verweiblicht, sind. Durch die (ehemals weiblichen bzw. verweiblichten) Cyborgs würde daher auch die geschlechtliche Bipolarität der Menschen aufgehoben.

– Daher war es ganz konsequent, daß von der Partei der Grünen in West-Deutschland während der achtziger Jahre die Forderung ausging, die Paedophilie zu legalisieren. Das damalige Scheitern bedroht die gesamte Ideologie der Freiheit sexueller Orientierung; Frühsexualisierung und Indoktrination schon der Jüngsten im Kindergarten sind als Mittel geeignet, den dadurch angerichteten Schaden zumindest zu begrenzen. Den Kindern fügt man damit ja kein Übel zu, ist doch der Mensch von Beginn an ein sexuelles Wesen, dessen Trieb nach zeitlich und räumlich unbegrenzter Lustbefriedigung verlangt und dessen gesamter Körper ursprünglich als Instrument dazu dient.*

* so Marcuse in Triebstruktur und Gesellschaft, II. Der Ursprung des unterdrückten Individuums (Ontogenese); s. Die Frankfurter Schule 5: Marcuse.

Der einzelne sieht sich der Beliebigkeit ausgesetzt und findet weder in der Familie noch in der Gesellschaft Halt; auch die Religion bietet keine Verläßlichkeit mehr. Eine Stütze könnte in dieser Situation noch die Zugehörigkeit zu einem Volk mit einer unverwechselbaren Kultur bieten, doch auch sie wird eliminiert.

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Auf die kulturelle Beliebigkeit und damit die Gleichgültigkeit der Herkunft der Angehörigen eines Volkes bezog sich indirekt bereits Roosevelt in seiner Radioansprache zum Flag-Day 1942, denn darin ist nicht allein von allen Menschen als „every race“ die Rede. Das daran gehängte Gebet geht darüber hinaus. Dort heißt es von der angestrebten Welt der Zukunft, es solle sich bei der Erde dann um einen von Krieg unbelästigten („unvexed“) Planeten handeln, nicht gestört („untroubled“) durch Hunger oder Furcht und ungeteilt („undivided“) durch sinnlose Unterscheidungen von Race, [Haut]farbe oder Weltanschauung („race, color, or theory“): Die Unterschiede zwischen den Menschen hinsichtlich ihrer Abstammung werden damit als sinnlos („senseless“) bezeichnet und folglich geleugnet, während i[n de]m [offenbar von einem anderen Redenschreiber verfaßten] Prosateil der Ansprache noch von „every race“ die Rede war; Roosevelt spricht nicht von sich als Verfasser des Gebets, sondern sagt nur, daß es für die Vereinten Nationen an diesem Tage geschrieben worden sei, „that has been written for the United Nations on this day“, wobei „on this day“ wohl eher den Zeitpunkt bzw. Anlaß angibt, an dem es öffentlich zu sprechen sei, nicht den der Entstehung.

Wenn es keine verschiedenen Racen und nur verschiedene Tönungen derselben Hautfarbe gibt, besteht eine biologische Gleichheit aller Menschen. – Die Auffassung, Unterscheidungen in bezug auf „race, color, or theory“ seien sinnlos, erscheint auch deshalb bemerkenswert, weil sie die Weltanschauung in das Verbot der Unterscheidung miteinbezieht. Die oben erwähnte Diktatur des Relativismus wird hier bereits angekündigt.

So erscheint also der einzelne der Beliebigkeit ausgeliefert, ebenso seine Familie, die Gesellschaft, in der er lebt, seine kulturelle Heimat und Volkszugehörigkeit. All dies bildet ein Feld der Beliebigkeit. – Zugleich nimmt das in den USA verbreitete manichäische Denken zwei Pole des Guten und des Bösen an. Alle Elemente zwischen ihnen besitzen keinen eigenen Wert, nach dem sie zu beurteilen wären, sondern sind nur auf Grund ihrer Stellung zum Guten bzw. Bösen zu bestimmen.

Bildlich läßt sich dies mit den beiden Toren an den Schmalseiten eines Sportplatzes vergleichen. Nur in eines von beiden soll der Ball geschossen oder geworfen werden, in das andere keinesfalls; alles übrige ist auf das doppelte Ziel des Toreerzielens und -verhinderns hingeordnet.* – Dieses Denkmuster erleichterte den geistigen Wandel im Laufe des 20. Jahrhunderts, durch den viele Wertvorstellungen durch ganz andere, z.T. sogar entgegengesetzte, ersetzt wurden, denn von den beiden Polen, den beiden Toren, abgesehen, ist alles andere wandelbar,** vom positiven Pol zum negativen zu verschieben oder umgekehrt. Wo dieses Denken auch außerhalb der USA vordrang, erodierte das traditionelle Selbstverständnis des einzelnen zusammen mit dem der Familie, der Gesellschaft und des Volkes. Demnach müßte die Re-education dort am besten gelungen sein, wo dieses Denken nach us-amerikanischem Muster vollständig übernommen worden ist.

* Polo, die älteste Sportart, die auf einem Spielfeld mit (den) zwei (Schmalseiten als) Toren ausgetragen wird, hat seinen Ursprung im Raum der iranischen Kultur der vor-islamischen Zeit; von dort stammt auch die Zarathustra-Religion als Vorläuferin des Manichäismus.

** Es ist nicht ausgeschlossen, daß sich sogar die geschichtliche Konkretisierung des einen und damit ebenso des anderen Poles verändert; dies wird aber nur sehr selten geschehen können.

So gibt es nun innerhalb des Feldes der Beliebigkeit einen Bereich, der z.Z. in der Öffentlichkeit als der des Akzeptablen gilt; er ist in den USA auch Overton window, Overton-Fenster, genannt worden nach einem Soziologen.* Das Overton-Fenster setzt grundsätzliche Beliebigkeit voraus und andererseits die Pole des absolut Guten und Bösen. Aus diesen ergibt sich die Bewertung jedes Elements im Feld der Beliebigkeit. Um die Bewertung zu verändern, ist ein im Bereich des Pols des Negativen lokalisiertes Element ins Feld des entgegengesetzten Pols hin zu verschieben. Um dies zu bewirken, läßt sich z.B. auf die Verschiedenheit des betreffenden Elements mit demjenigen hinweisen, was zur Konkretisierung des Pols des Negativen dient, z.B. der Faschismus im allgemeinen oder Hitler im besonderen. Es sind aber auch noch viele weitere Maßnahmen denkbar, um die gewünschte Verschiebung vorzunehmen. Die Theorie des Overton-Fensters thematisiert diesen Vorgang, indem es die Verschiebung vom Pol des Negativen zum Pol des Positiven als eine solche von „less“ zu „more freedom“, von weniger zu mehr Freiheit, interpretiert; dabei wird Freiheit als Freiheit von obrigkeitlicher Reglementierung verstanden: Was zum Pol des Negativen gehört, ist gänzlich verboten oder der Zugang dazu obrigkeitlich beschränkt. Im Bereich des Pols des Positiven, der Freiheit, befindet sich die Menge z.Z. politisch akzeptierter Positionen; dieser Bereich wird Fenster des politisch Möglichen bzw. Overton-Fenster genannt. Nun sind immer wieder Verschiebungen aus dem Fenster hinaus und in das Fenster hinein zu beobachten; so wurde die Prohibition beschlossen (1919) und später wieder abgeschafft (1933), d.h. die obrigkeitliche Unterdrückung des Alkoholkonsums galt einige Zeit als akzeptabel, verschwand dann aber aus dem Fenster des politisch Möglichen, des von der Öffentlichkeit Akzeptierten. Praktische Bedeutung gewinnt das Overton-Fenster dadurch, daß seine Theoretiker Politiker voraussetzen, die nicht ihre eigene Meinung unverrückbar vertreten, sondern gewählt werden wollen und sich darum an den Bereich des in der Öffentlichkeit Akzeptierten zu halten haben, soweit sie nicht dafür sorgen können, daß sich der Bereich in ihrem Sinne verschiebt.

* Joseph Overton, zuletzt Senior-Vize-Präsident des Mackinac Center for Public Policy; geb. 1960, gest. 2003

 

3 Kommentare zu „Die Entstehung der Neuen Linken 3: Das Feld der Beliebigkeit“

  • Theosebeios:

    Behaviorismus:
    “Skinners populär gewordene Psychologie ermöglichte den Aufbau einer Sozialindustrie, denn nur unter der Voraussetzung einer grundsätzlichen Formbarkeit der menschlichen Verhaltensweisen erscheint ihr Einsatz erfolgversprechend.”
    Andererseits wurde der Behaviorismus Skinners von der linksparteilich dominierten Sozialindustrie von Anfang an scharf kritisiert. Vermutlich erleichterten Skinner u. Co. bürgerlichen Regierungen, den “Notwendigkeiten” Rechnung zu tragen. In der BRD und anderen europäischen Staaten ist der Aufbau der Sozialindustrie — wen überrascht es — an die Erfolge der Sozialdemokratie gebunden. Nicht zu vergessen sind die starken karitativen Motive, die in den 1950ern noch wirksam waren (siehe den Ausdruck Fürsorge!) und sich auf die christlichen Kirchen stützten.

    Judith Butler:
    Interessant ist, bei Butler die Ausformulierung einer Doppelstrategie zu finden: einerseits (nach außen)im Rahmen von Gendermainstreaming für die absolute Gleichstellung der Geschlechter zu agitieren, andererseits (nach innen) die Geschlechterkategorien, mit denen man nach außen operiert, systematisch zu “dekonstruieren”. Da das eine mit dem anderen nicht ersichtlich zusammenhängt, findet man leider viele intelligente Leute, die glauben, das eine habe mit dem anderen nichts zu tun.

    “Diktatur des Relativismus”
    Ich staune immer wieder, wie bequem sich unsere “Postmodernisten” (oder wie immer man sie nennen will) in der Geschichte des Denkens bedienen können. Hat die “Tribade” Butler Hegel etwa falsch verstanden? War sie nicht in Heidelberg gewesen, um sich bei namhaften Hegel-Kennern zu versichern? Und der unsägliche Konstruktivismus / Dekonstruktivismus, gibt es für seine Entfaltung nicht zahlreiche Ansätze in der Philosophiegeschichte? Folgt nicht auch der scharfsinnige Nikolaus von Kues einer nachvollziehbaren Logik?
    Als ich mich vor einigen Jahren näher mit Wilhelm Dilthey, einem Begründer der geisteswissenschaftlichen Hermeneutik, näher befasste, überraschte mich der gnadenlose Relativismus, zu dem dieser Pastorensohn sich letztlich hindurchrang (von anderen “Pastorensöhnen” gar nicht zu reden). Sind wir vielleicht in diese Diktatur zwingend hineingeworfen und kämpfen gegen sie (wenn wir es denn tun) vergebens? Zeigt nicht die Geschichte, dass der Relativismus überall aufbricht und sein zersetzendes Werk vollzieht, wo die beharrenden Kräfte schwächer werden? Muss es vielleicht so sein, weil wir doch in der besten der möglichen Welten leben?

    Unbeantwortbare Fragen, ich weiß. Aber: wo keine Frage, da unmöglich eine Antwort.
    Jedenfalls an dieser Stelle ein Dankeschön an VIROBLATIONIS für die unermüdlichen Bemühungen zur Fortbildung seiner erzkonservativen Leserschaft!

  • JF:

    Jop, auch von mir ein “Danke” an dieser Stelle, die Artikel bilden und regen zum Denken an.

  • virOblationis:

    Vielen Dank für den Zuspruch.

    Natürlich vermag jeder Irrtum, der auf reflektiertem Denken beruht, gute Gründe für sich anzuführen. – Zu Nikolaus von Kues nur die Anmerkung, daß auch ein Fußballer auf dem Spielfeld für die Mannschaft anzutreten hat, der er angehört und nicht für die Gegenseite.

    Zu Skinner habe ich, zur Erweiterung der Perspektive, einen Hinweis auf John Locke angefügt. So wird das Spezifische seiner Sichtweise hervorgehoben.

    Als ich nun nachträglich auf John Locke und die tabula rasa verwies, knüpfte ich daran folgende Überlegungen, mit denen ich mich zugleich noch einmal versicherte, in “Die geistigen Wurzeln der Neuen Linken 1: Die Gleichheitsideologie” in korrekter Weise auf Locke verwiesen zu haben: “Zwar ist bereits bei Aristoteles im dritten Buch des Werkes Über die Seele, Peri psyches, (III, 4 [429b]) vom erkennenden Menschen als einer Schreibtafel die Rede, auf der ursprünglich noch nichts geschrieben steht, auf die aber durch das Erkennen Einträge erfolgen; nur bezieht sich Aristoteles damit über die Sinneswahrnehmung hinaus auf das Erkennen des Intelligiblen, der Formen, wobei Gott ja als das Erkennen des Erkennens gilt, welches das menschliche Erkennen ewig gleich umfängt. Die Stoa kennt nichts Intelligibles, und statt von dem im Begriff erfaßten intelligiblen Allgemeinen geht sie von menschlich gebildeten Allgemeinbegriffen aus, wodurch die tabula rasa einen ganz anderen Stellenwert erhält; der Gott Logos der Stoa lenkt zwar alles gemäß seiner Vernunft, aber der menschliche Anteil am Logos vollzieht dies nur nach, wobei es demnach mehr um Anerkennen (des Schicksals) als um Erkennen geht. – Thomas hat die aristotelische Sichtweise aufgenommen (S. Th. I q 79 a 2 co), aber er ist durch sein Gottesverständnis darüber hinausgegangen, denn Gott ist für Thomas nicht nur [formales] Erkennen des Erkennens, sondern [inhaltlich] alles Erkennen erfassend im Betrachten seiner selbst. Dadurch erscheint das menschliche Erkennen als Fragment des Göttlichen, ewig Gleichbleibenden. Wenn der Mensch also ursprünglich einer tabula rasa gleicht, so dient seine Sinneswahrnehmung dazu, als Fundament des vernünftigen Erkennens ihm das erkennende Eingehen in den Bereich des Intelligiblen zu ermöglichen, was seine Vollendung in der seligen Anschauung Gottes erfährt. – John Locke knüpft also an das stoische Verständnis von tabula rasa an, da er sensualistisch denkt; seine Vorstellung von der Seele und den Allgemeinbegriffen verzichtet auf das Intelligible. Aus dem Erkennen als Nachvollzug des Göttlichen werden menschliche reflections auf Grund vorausgegangener sensations.”

    Dieses Beispiel soll lediglich verdeutlichen, daß ich mich stets sehr beschränke, um den Umfang des Geschriebenen nicht über die Maßen auszudehnen. Schon von daher werde ich nie auf alle sich im jeweiligen Zusammenhang erhebenden Fragen eingehen können, doch erhebe ich auch nicht den Anspruch, die behandelten Themen (irrtumsfrei oder) erschöpfend besprochen zu haben. Im Gegenteil: Ich bin stets bemüht, mich inhaltlich auf das Wesentlichste zu konzentrieren, wobei die Form wiederum möglichst konkret und anschaulich sein soll.

    ps. Außer erzkonservativen Lesern habe ich offenbar zumindest auch einen, der auf seine ihm vertrauten Denkgewohnheiten aus liberaler Tradition (noch) nicht verzichten will oder kann.

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