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Gedankensplitter (Forts. 5)

Es gibt Friedensdiktate, die einen Staat äußerlich weiterbestehen lassen und ihm in Wahrheit doch solche Lasten auferlegen, daß sie sein Ende unausweichlich machen. – Antiochos III.* war auf den Spuren Alexanders in den Osten gezogen und hatte alle Völkerschaften zwischen Syrien und dem indischen Maurya-Reich unterworfen. Dann unterlag er in Kleinasien den Römern (190 v. Chr.) und mußte den Frieden zu Apameia schließen (188 v. Chr.), wonach er die Flotte zu vernichten, seine Kriegselephanten zu töten und 15.000 Talente zu bezahlen hatte, eine Summe von geradezu phatastischer Höhe. Antiochos der Große wurde dadurch zum Räuber degradiert, der Tempel in den eigenen Provinzen plünderte, um an Geld zu gelangen; bei einem Überfall auf ein Heiligtum im alten Elam, das etwa dem heutigen Khusistan entspricht, kam er ums Leben. Das Seleucidenreich versank nicht lange danach in innere Kämpfe und wurde 63 v. Chr. römische Provinz.

* 223 – 187 v. Chr.

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Chrysipp*, der “zweite Gründer der Stoa, dachte hinsichtlich der Gesetze nicht mehr bloß an die griechische Polis, sondern an sämtliche menschlichen Gemeinwesen. Deren jeweiliges Recht werde durch das eine Gesetz des göttlichen Logos normiert. Jeder Staat umfasse alle Menschen eines Territoriums mit denselben Gesetzen. Dessen Wert bemesse sich nach der Übereinstimmung seiner Gesetze mit dem, was man in der Folgezeit unter Rückgriff auf die aristotelische Terminologie „Naturrecht“ nannte; die Regierungsform eines Staates (Demokratie, Aristokratie, Monarchie) sei nicht ausschlaggebend für seine Legitimität, sondern die Übereinstimmung seiner Gesetze mit dem Logos.

* geb. 281/277, gest. 208/204 v. Chr.

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Das vor kurzem ausgerufene IS-Kalifat hat sein Kraftzentrum im Norden des Zweistromlandes, also in der altorientalischen Landschaft Assyrien. Schon das alte Königreich Assur, dessen früheste Hauptstadt denselben Namen trug, nämlich Assur, wollte der Gottheit, die wiederum Assur genannt wurde, alle Welt unterwerfen und führte dazu unablässig Krieg mit einer bis dahin unbekannten Grausamkeit. So habe ich mich schon länger gefragt, ob nicht Traditionen aus dem nördlichen Zweistromland beigetragen haben zur Entstehung des Islam.

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Buddha erscheint wie ein Schutzheiliger des neueren Liberalismus, wenn er für eine Religion der Beliebigkkeit benutzt wird, d.h. für die Ausklammerung der Wahrheitsfrage. In diesem Sinne scheinen ihn jedenfalls etliche Westler zu verstehen, die eine Buddhastatue aufstellen und z.T. abenteuerlichste Vorstellung vom Buddhismus damit verbinden, z.B. fun-fun-fun bis zum Ende und dann im nächsten Leben wieder dasselbe. – Ganz interessant erscheint der – gar nicht rein exotische – Ursprung der Buddhastatuen: Nach dem frühen Tod Alexanders d. Gr. (323 v. Chr.) entstanden mehrere Nachfolgestaaten seines Reiches, u.a. ein Graeco-Baktrisches etwa dort, wo das heutige Afghanistan liegt. In der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts eroberte es indische Gebiete südlich des Hindukusch – im Bereich des heutigen Pakistan; doch kurze Zeit später drangen die möglicherweise mit den Indo-Iranern und Skythen sprachlich verwandten Tocharer in Baktrien ein und besetzten das Land. Die dortigen Griechen sahen sich deshalb auf die neu gewonnenen indischen Provinzen beschränkt, wo sich damit ein Graeco-Indisches Reich konstituierte; dessen König Menander* konvertierte zum Buddhismus, und gleich ihm werden zahlreiche Griechen diesen Schritt vollzogen haben. Zwar zerfiel das Graeco-Indische Reich bald, aber die dort entstandene graeco-buddhistische Kunst existierte weiter, und sie brachte im 1. Jahrhundert n. Chr. erste figürliche Darstellungen Buddhas** hervor.

* möglichwerweise um die Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. – Die buddhistische Überlieferung nennt Menander Milinda.

** möglicherweise geb. ca. 560, gest. ca. 480 v. Chr.

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