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Gedankensplitter (16. Sept.)

In der Schule lernte ich, daß Kleisthenes mit seinen Reformen 510 v. Chr. in Athen nach der Tyrannenherrschaft die Demokratie einführte, während in Rom in demselben Jahr die Königsherrschaft beseitigt wurde, wonach die Republik entstand. – Man brauchte nur Republik und Demokratie gleichzusetzen wie Königsherrschaft und Tyrannis und bekam vor Augen geführt, wie sich zu derselben Zeit in zwei so bedeutenden Städten die Demokratie nach der Willkür etablierte. Wie gut paßte dies ins trizonesische Bildungsprogramm!

Inzwischen stellt sich mir die Geschichte doch etwas differenzierter dar: Kleisthenes entstammte dem Adelsgeschlecht der Alkmaioniden, das von den etwa 560 bis 510 v. Chr. als Tyrannen herrschenden Peisistratiden zeitweise aus Athen vertrieben wurde, aber wohl nicht als Gegner des Systems, sondern eher als Konkurrent, denn Kleisthenes bekleidete während der zwanziger Jahre des 6. Jahrhunderts v. Chr. das Amt eines Archon im Athen der Peisistratiden. Deren Sturz führte nicht etwa ein demokratisch gesinntes Volk herbei, sondern das reaktionäre Sparta, das von den Alkmaioniden dazu angestiftet worden war, wie man aus Herodots Geschichtswerk erfährt (V, 62ff.), weil man wohl von Seiten der Spartaner eine Wiederherstellung der Adelsherrschaft in Athen durch die Alkmaioniden erwartete. Doch Kleisthenes verhielt sich ganz anders. Anstelle der Peisitratiden verbündete nun er als Alkmaionide sich mit dem einfachen Volk, und um die Adelsherrschaft nachhaltig zu schwächen, führte er Reformen durch (508/507 v. Chr.).

Kleisthenes zerschlug die gewachsenen sozialen Strukturen der alten Phylen-Ordnung und schuf eine aus willkürlich zusammengewürfelten neuen Phylen; eine noch kleinere Verwaltungseinheit stellten nun die Demen dar, von denen es über hundert gab. M.a.W. Kleisthenes war in dieser Hinsicht radikaler als die französischen Revolutionäre mit ihrer Departementordnung von 1790. Kleisthenes war insofern auch erfolgreicher als sie, da sich die Demokratie in Athen tatsächlich auf Dauer durchsetzte, da der vom Adel beherrschte Areopag 462/461 v. Chr. weitgehend entmachtet wurde – und führende radikal-demokratische Politiker des 5. Jahrhunderts v. Chr. waren bezeichnender Weise wiederum mit den Alkmaioniden verwandt, so Perikles als Sohn einer Nichte und Alkibiades als Enkel eines Neffen des Kleisthenes. – Die Römer schüttelten 510 v. Chr. mit der Königsherrschaft zugleich die etruskische Oberhoheit ab, doch der nun herrschende Senat glich kaum den demokratischen Institutionen Athens, sondern viel eher dem dort entmachteten Areopag.

Was wir Schüler für Demokratie gehalten hatten war also einerseits eine vom Adel dominierte Republik (Rom) und andererseits eine vorgebliche Volksherrschaft unter der Leitung u.a. von Alkmaioniden, die hinsichtlich des Bündnisses von Adligen und einfachem Volk der Tyrannis gar nicht so unähnlich war (Athen). – In unserer Gegenwart beobachte ich es immer wieder, daß dort, wo die Abstufungen über denen “ganz unten” im Zeichen vorgeblicher Gleichmachung bis zum Verschwinden hin erniedrigt werden, eine Tendenz zum Totalitären entsteht, da doch immer ein “ganz oben” bleibt; so stehe ich dem Abbau von Hierarchien stets skeptisch gegenüber, vor allem, wenn es sich um gewachsene Strukturen handelt.

 

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