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Gedankensplitter: Globaler Neoliberalismus 1 (23. Jan. ’15)

Es fällt nicht schwer, Belege dafür zu finden, daß die Kluft zwischen Armen und Reichen überall größer wird; man gebraucht dafür gern das Bild der sich öffnenden Schere. – In den USA bespielsweise beobachtete man, daß seit 1980 die höheren Einkünfte schneller wuchsen als die geringeren, und die Kurve stieg noch steiler an, als die Geldmenge rasch vergrößert wurde während des Ankaufs von Staatsanleihen durch die FED seit Ausbruch der Finanzkrise 2008. Um dies mit einer Zahl als Beispiel zu konkretisieren: Von 2009 bis 2011 ist die Gruppe der wohlhabendsten sieben Prozent der US-Bürger um 28% reicher geworden, die restlichen dreiundneunzig um 4% ärmer.

Auch in Deutschland zeigt sich etwa seit der Jahrtausendwende das Phänomen der sich vertiefenden Kluft. 2007, vor Ausbruch der Finanzkrise, besaß die Gruppe der wohlhabendsten zehn Prozent gut 60% des gesamten Reichtums des Landes, etwa 4% mehr als noch wenige Jahre zuvor. In der nachfolgenden Zeit stagnierte diese Zahl, während in den USA zehn Prozent der Bürger sechs Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise bereits etwa 75% des gesamten Reichtums des Landes besaßen, und ihr Anteil am Aktienbesitz aller US-Bürger belief sich sogar auf 80% (2014).

Es ist aber absehbar, daß Deutschland nachziehen wird, denn der nun, im Jahre 2015 beginnende, gestern durch die EZB angekündigte Aufkauf von Staatsanleihen in Höhe von 60 Milliarden Euro pro Monat wird die Geldmenge rasch vergrößern und dazu beitragen, daß sich die großen Vermögen – wie in den USA – rascher vergrößern als die geringen, deren Besitzer eher erwarten dürfen, ärmer zu werden. Die Ersparnisse derer, die wenig haben, wachsen angesichts niedriger Zinsen kaum und werden durch die Geldmengenvergrößerung zudem noch an Wert verlieren. Gleichzeitig werden die Aktien- und Immobilienpreise zumindest nominell steigen. Ein Staatsverschuldungsprogramm, die Vergrößerung der Geldmenge mittels Aufkauf von Staatsanleihen durch Zentralbanken, beschleunigt offenbar die wachsende Ungleichheit innerhalb der Verteilung des gesamten Vermögensbesitzes.

Blickt man – mit Hilfe des Global Wealth Report der Credit Suisse (2014) – auf die gesamte Welt, zeigt sich die Situation noch deutlicher: Inzwischen besitzt ein Prozent aller Menschen 99% des globalen Reichtums, und umgekehrt teilen sich 99 Prozent der Menschen das restliche 1%. Der globale Schuldenberg erhöhte sich von 2007 bis 2014 von 70 auf 100 Billionen Dollar; die Gläubiger dieser Schulden sind wiederum zumeist in dem besagten 1 Prozent der Weltbevölkerung zu finden.- Das gesamte, immer weiter zunehmende Vermögen konzentriert sich in immer weniger Händen, denn die Schuldenlast für die einen, bildet eine Quelle des Reichtums für die anderen.

Die Zahl der Dollar-Milliardäre stieg allein von 2003 bis 2006 um 59%, und dieser Prozeß der Umverteilung, der Konzentration von Vermögen, hat sich danach weiter fortgesetzt. Es werden nicht einfach die Reichen nur reicher und die Armen ärmer, sondern es wird die Anzahl der Reichsten geringer und die Anzahl der übrigen größer. Dies zielt auf einen Zustand, in dem zum Schluß nur noch ein Mensch alles Vermögen der Welt besitzt; dies ist natürlich überspitzt formuliert. Aber tatsächlich wird die Gruppe derer, die einen immer größeren Teil des gesamten Reichtums besitzt, immer kleiner, und irgendwann wird es dazu kommen, daß diese zu klein gewordene Spitze der Pyramide abgesprengt wird; das scheint mir unumgänglich.

Da das Phänomen der sich öffnenden Schere überall im Bereich der globalisierten Weltwirtschaft anzutreffen ist, hier und dort vielleicht Stagnation, aber nirgends eine gegenläufige Entwicklung, scheint es offensichtlich, daß eine Gesetzmäßigkeit diesem Prozeß zu Grunde liegt.

 

7 Kommentare zu „Gedankensplitter: Globaler Neoliberalismus 1 (23. Jan. ’15)“

  • Klaus Mader-Amort:

    Die Spitze hat sich schon längst abgesprengt. Oder sagen wir: separiert isoliert und schwimmt wie auf einer undurchlässigen Luftmatraze auf dem Meer aus uns 99-Prozentigen. Denen ist auch vollkommen Wurscht, ob wir Demokratie machen oder Islam oder Krieg oder Pegida oder was auch immer. Bestenfalls sind wir für sie Unterhaltung. Die greifen auch nicht in unsere Politik ein. Die Vermögenszuwachs-Mechanismen sind auch so gestaltet, dass sie unabhängig von unseren politischen Aufgeregtheiten funktionieren, egal ob grad Kapitalismus oder Kommunismus gemacht wird. 99,9 % von denen sind hoch gebildet und kultiviert und bekommen das auch hin, ohne aufzufallen und ohne Skandale unter uns zu leben; und das heisst: die, die wir schon für steinreich halten, und moralisch für völlig aus der Spur sind es schon mal nicht.

  • Wolkenkuckuck:

    Ich erklär mir das folgendermaßen:

    Jede gerichtete Handlung einer Gruppe setzt das hierarchische In-Form-Sein ihrer Elemente voraus, unabhängig davon in welcher moralischen oder ideologischen Scheinwelt diese leben. Umso größer die Gruppe desto notwendiger und steiler die “Pyramidisierung”. Breitere Basis. Höhere Spitze.
    Somit spiegelt sich die hierarchische Struktur auf der wirtschaftlichen Mikroebene, innerhalb der Unternehmen, auf der Makroebene wider. Notwendigkeit anstatt Gesetz !?

    Jedenfalls ist der Glaube daran, daß der Wahnsinn Methode hat, irgendwie beruhigend.

  • L.:

    Immerhin gibt es mittlerweile in der VR China (ein Land das wir vor 30 Jahren noch als armes Entwicklungsland mit häufigen Hungerkrisenansahen) mittlerweile mehr Einkommensmillionäre als in den USA (wo es eine Menge gibt).
    In China gibt es 6000 “offizielle” (d.h. solche die nicht durch Korruption dazu wurden) Milliardäre. Die Zahl derjenigen, die diesen Status verschweigen müssen (weil sie durch die Politik dazu gekommen sind) dürfte noch mal so groß sein. Mittlerweile gibt es in China ca. 80 Millionen Menschen die ein europäischen Wohlstandsniveau (eigenes Haus/Wohnung, ein oder mehrere Autos, mehrmals Fleisch in der Woche)haben. Noch deutlicher sind diese Entwicklungen in Indien und Südkorea. Vietnam – durch einen langen Krieg geschwächt entwickelt sich schnell in diese Richtung.
    Ähnlich ist es in vielen anderen (auch Entwicklungs-)Ländern.

    Die beobachtete Kluft ist rein statistischer Natur. Das tatsächliche Bild zeigt, daß immer weniger Menschen in Armut leben und immer mehr Menschen zu Wohlstand kommen. Hungerkrisen gibt es praktisch nur noch da wo es Kriege gibt.
    Das angebliche Problem ist gar kein Problem sondern Ausfluß einer welthistorisch einmal günstigen Entwicklung, die u.a. darin zu sehen ist, daß seit 70 Jahren 5 Milliarden Menschen hinzugekommen sind und die Zahl der Hungernden absolut deutlich und relativ sehr stark gesunken ist.

  • virOblationis:

    Es geht mir nicht einfach um die Anzahl von Milliardären oder den Lebensstandard einer Nation, sondern um den Prozeß der Vermögenskonzentration (@ L.); zwar liegt China laut GINI-Index, der die Ungleichverteilung von Vermögen mißt, noch drei Punkte über den USA (2013), doch China sowie Rußland klammere ich in Gedanken ein, da es mir um den Bereich geht, der der neoliberalen Globalisierung uneingeschränkt offen steht; zu China s. Gedankensplitter (30. Sept. [2014]). – Wer meint, es existiere in der Realität gar kein Phänomen einer zunehmenden Ungleichverteilung von Vermögen, scheint in einem anderen Universum zu leben als ich (@ L.).

    In einem nächsten Beitrag werde ich versuchen, die Grundlagen des Prozesses näher zu beleuchten. Wenn man sie, d.h. das Wirtschaftssystem, in Frage stellt, wird man sogleich die USA als Schutzmacht des globalen Neoliberalismus herausfordern (s. den gegenwärtigen Handelskrieg mit Rußland), ggf. samt NATO. Es ist also keineswegs gleichgültig, was für ein politisches System in einem Lande herrscht (@ Klaus Mader-Amort).

    Wenn die Form in aristotelischem Sinne gedacht wird, bildet der Zweck, dem sie korrespondiert, eine objektive Größe in dem Fall, wenn er durch die Natur (bzw. deren Schöpfer) vorgegeben ist. Menschen aber als vernunftbegabte Wesen vermögen selbsterdachtes Artgemäßes mit entsprechender Form (Thomas: res artificiales) hervorzubringen, die mit bestimmten Zwecken verknüpft sind, die willentlich verfolgt werden, so daß keine Unabhängigkeit von solch einer subjektiven “Scheinwelt” vorhanden wäre (@ Wolkenkuckuck). – Das von mir herangezogene Bild der Pyramide ist nicht ganz unproblematisch, da es Gizeh assoziieren läßt, während es doch um einen Prozeß geht, der eine zunehmende Verkleinerung im Bereich der Spitze voraussetzt: Vielleicht hätte ich auf die Knickpyramide von Dahschur hinweisen sollen, nur in umgekehrter Weise, da dort auf einem vergleichsweise steilen Sockel eine flachere Spitze aufgesetzt ist, während es bei der Vermögenskonzentration um eine zunehmend breitere Basis und eine immer steilere Spitze geht.

  • L.:

    “Wer meint, es existiere in der Realität gar kein Phänomen einer zunehmenden Ungleichverteilung von Vermögen, scheint in einem anderen Universum zu leben als ich (@ L.).”
    Ohne Zweifel
    Die Frage ist doch nur wer von uns beiden in dem Universum lebt in dem der Rest der 7 Milliarden Menschen AUCH lebt.

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