Inhaltsverzeichnis

“Edgar J. Jung. Zur politischen Biographie eines konservativen Revolutionärs”

Um die Aktualität des Denkens Edgar Julius Jungs* an Hand eines Beispiels vor Augen zu führen, sei ein Zitat an den Beginn dieses Artikels gestellt: „Endlich gehört hierher (sc. zur Betrachtung des Zustandes der hiesigen Kultur) das umfassende Gebiet des deutschen Gesellschaftslebens mit seiner mehr oder minder starken Verderbung durch gewisse barbarische, koloniale Einflüsse, die uns hauptsächlich von Amerika beschert werden.“ Dieser Satz ist einem Vortrag Jungs aus dem Jahre 1926 entnommen, der den Titel trägt: „Zeitaufgaben des deutschen Akademikers“.

* geb. 1894, gest. 1934 (erschossen)

Die überabeitete Fassung des Vortrags, die 1927 veröffentlicht wurde, ist aufgenommen in den zweiten, „Quellentexte“ überschriebenen Teil des jüngst erschienenen Büchleins „Edgar J. Jung. Zur politischen Biographie eines konservativen Revolutionärs (Berlin 2015)“, das Karlheinz Weißmann* verfaßt hat und das in die Reihe „Erträge. Schriftenreihe der Bibliothek des Konservatismus“ als Band 3 aufgenommen worden ist. – Weißmann veröffentlichte zuvor bereits zwei Aufsätze über Jung, einen in der „Sezession 6 (2004)“ und einen in der Zeitschrift „Criticón 17 (1987)“, der mir allerdings nicht bekannt ist.

* geb. 1959

Das neue Büchlein besteht, wie bereits angedeutet, aus zwei Teilen. Der zweite Teil bietet einige Quellentexte, auch erstmalig veröffentlichte, der erste eine Beschreibung des Lebensweges und des politischen Denkens Jungs. Dessen theoretische Auffassungen werden präzis dargestellt und exakt mit Quellenangaben belegt. Die äußeren Lebensumstände Jungs hingegen bleiben weitgehend unbeachtet. Daher sind in der nachfolgenden Zusammenfassung einige Ergänzungen in eckigen Klammern hinzugefügt. – Dies ist bildet auch den einzigen Einwand gegen die Darstellung von meiner Seite, eben die so geringe Beachtung der äußeren Lebensumstände, die sich darin niederschlägt, daß versehentlich von Jungs Tätigkeit in einer Saarbrücker [S. 15] statt Zweibrücker Kanzlei die Rede ist, was aber gar nicht ins Gewicht fällt, da die Vita Jungs weithin dunkel bleibt.

Diese Darstellungsweise ist jedoch nicht unbedingt als Mangel des Büchleins zu betrachten, sondern wird eher darauf zurückzuführen sein, daß eben die verbalen Äußerungen eines Menschen als das Entscheidende zur Beurteilung seiner Person in politischer und auch allgemein philosophischer Hinsicht verstanden werden, „solo dicto“.* Mir hingegen scheinen die Werke stets bedeutsam zu sein neben den Worten; in beidem findet die Persönlichkeit ihren Ausdruck. Darum, das sei angemerkt, erscheint mir die Biographie eines Denkers auch nicht als „Hintertreppe“** zu seinem Verständnis. Schon die griechische Erziehung verfolgte seit der Archaischen Zeit (ca. 750 – ca. 500 v. Chr.) das Ziel, den Heranwachsenden in sittlicher wie intellektueller Hinsicht zu bilden: „Die Wortmächtigkeit darf der Tat nicht fehlen.“*** – Um dem Leser die Entwicklung Jungs auch hinsichtlich seiner Lebensumstände leichter nachvollziehbar erscheinen zu lassen, habe ich die Angaben des Weißmann-Bändchens mit Ergänzungen in eckigen Klammern versehen.****

* Anspielung darauf, daß der Katholik mit der Gnade mitwirken will, während der Mensch nach Luther erlöst wird „sola fide“, allein durch den Glauben; dazu analog gebildet: „solo dicto“, allein durch das Gesprochene. – Karlheinz Weißmann ist Protestant.

** „Die philosophische Hintertreppe (1966)“ lautet der Titel eines populären Buches von Wilhelm Weischedel (geb. 1905, gest. 1975)

*** Ilias IX, 443; ein Verweis auf diese Stelle enthält Ciceros „De oratore“ in III, 57.

**** Ebenso sind bestimmte Begriffe, die sich zwar auf das besprochene Buch beziehen, sich dort aber nicht wörtlich finden, in eckigen Klammern gesetzt. Die Zahlen in eckigen Klammern wiederum beziehen sich auf Seiten im besprochenen Buch.

*

In [dem am Rhein – gegenüber dem kulturell weit bedeutenderen Mannheim – gelegenen] Ludwigshafen wurde Edgar Julius Jung am 6. März 1894 als Kind* einer protestantischen Lehrerfamilie geboren. [Das damals bayrische Ludwigshafen war an einer während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts neugeschaffenen Anlegestelle rasch zur Stadt herangewachsen. Edgar Julius Jung besuchte dort – wie vor ihm Ernst Bloch** – das erst 1898 eingerichtete humanistische Gymnasium***, das aus einer 1873 gegründeten Lateinschule hervorgegangen war.]

* Wohl als zweites Kind; ein älterer Bruder scheint in die USA ausgewandert zu sein und dort eine Familie gegründet zu haben.

** geb. 1885, gest. 1977

*** Nach dem 2. Weltkrieg wurde daraus das nach dem ersten Bundespräsidenten benannte Theodor-Heuss-Gymnasium, das inzwischen in einem 1970 errichteten Neubau untergebracht ist.

 

Edgar Julius Jung legte das Abitur ab (1912) und nahm 1913 ein Jurastudium in der Schweiz auf. Bei Ausbruch des 1. Weltkrieges (1914 – 1918) meldete er sich als Freiwilliger in Bayern; von der bayrischen Kavallerie ließ er sich zu der Artillerie versetzen, wohl weil ihm bei den Chevaulegers der Aufstieg zum Offizier versagt blieb. Nach Kriegsende setzte er sein Studium in Deutschland fort und promovierte 1920. Zwei Jahre darauf trat er [im pfälzischen Zweibrücken] als Rechtsanwalt in die Kanzlei eines Geheimen Justizrates und Reichstagsabgeordneten der DVP* ein. Ebenfalls 1922 heiratete Edgar Julius Jung; [ein Sohn und eine Tochter wurden den Eheleuten geboren.**] – Edgar Julius Jung kandidierte ebenfalls bei Reichstagswahlen 1924, doch vergeblich; so wurde er stattdessen publizistisch tätig.

* Deutsche Volkspartei; gemeint ist Albert Zapf, geb. 1870, gest. 1940; Reichstagsabgeordneter von 1920 bis 1932

** Der 1922 geborene Sohn wurde Röntgenologe, die sechs Jahre darauf zur Welt gekommene Tochter, erst zum katholischen Glauben konvertiert, 1948 dann wieder abgefallen, Verlegerin. – Fand Jungs Ehefrau nach dem Tode ihres Gatten zum katholischen Glauben, so daß sie zusammen mit den beiden Kindern konvertierte?

In den auf das Kriegsende folgenden Jahren gehörte Edgar Julius Jung politisch zum nationalistischen Lager. Er trat bereits 1919 in ein Freikorps ein und war 1924 beteiligt an der Erschießung des Präsidenten der „Autonomen Pfalz“, des dortigen [Bauernführers] Franz Josef Heinz*, [übrigens Mitglied der DVP wie Jung. – Nach dem Attentat floh Jung aus der Pfalz in die bayrische Hauptstadt, wo er juristisch nicht verfolgt wurde, da Heinz als Verräter galt. So] ließ sich Jung als Rechtsanwalt in München nieder.

* geb. 1884, gest. 1924 (erschossen)

Um die Mitte der zwanziger Jahre begann Jung sich politisch neu zu orientieren, was wohl vor allem den Veröffentlichungen des in Wien lehrenden Ökonomen und Philosophen Othmar Spann* zu verdanken war. Jung wandelte sich allmählich zum Vertreter des sog. Jungkonservatismus. Er suchte, die Ideen der Moderne ins Gesamt – und damit eben auch den Nationalismus – gedanklich zu überwinden; das Engagement für die DVP verlor an Bedeutung für Edgar Jung. Ihm wurde klar, daß nicht allein Deutschland den Krieg verloren hatte, sondern das ganze alte Europa, das durch die Ideen von 1789 geprägt war und einer Neuordnung bedurfte, eines Bundes europäischer Staaten. Dieses Europa stellte er sich als einen Großraum vor, der seine Interessen als die der weißen Race gegenüber den Staaten der restlichen Welt vertritt, deren Dekolonialisierung Jung offenbar antizipierte; es sollte zu einer internationalen Arbeitsteilung kommen, die eine Absenkung des europäischen Lebensstandards zur Folge haben würde, doch wäre dies verschmerzbar durch das Dominieren von seelischen statt materiellen Werten, d.h. Religion und [naturrechtlicher] Ordnung statt [Warenüberangebot und Konsumismus].** Die internationale Arbeitsteilung sollte aber nicht zur ökonomischen Konzentration auf den Export führen, sondern dieser nur so weit betrieben werden, wie er zum Einkauf vor Ort nicht vorhandener Rohstoffe nötig wäre.***

* geb. 1878, gest. 1950 – Spann hatte von 1919 bis 1938 einen Lehrstuhl für Ökonomie und Gesellschaftslehre an der Universität Wien inne und forderte einen ständisch strukturierten Staat.

** s. „Denkschrift an von Papen (1934)“ [hier: S. 130]

*** s. ebd. [hier: S. 132f.]

In der Bildungspolitik lehnte Jung das allgemeine Streben nach Vermittlung von Wissen für den sozialen Aufstieg ab, da dies nur zu Einkindfamilien* führe und auf dem Irrglauben beruhe, man könne eine höhere Qualifikation beliebig vielen zuteil werden lassen. Stattdessen solle die Bildung jeden – [nach dem Maße] seiner Begabung – zum selbständigen Denken anleiten. [s. S. 104f.]

* zu ergänzen wäre „mit verwöhntem Nachwuchs“

In zwei Auflagen erschien Jungs Hauptwerk, „Die Herrschaft der Minderwertigen“, zuerst 1927 und danach in überarbeiteter Fassung 1930. Dieses Buch machte den Autor einer weiteren Öffentlichkeit bekannt. Es ging darin keineswegs um die Entwicklung einer biologischen Theorie, sondern um die Auswirkungen von Individualismus, Mehrheitsentscheidungen und vor allem des Gleichheitsideals, der revolutionären Égalité, auf die Gesellschaft und das dadurch bewirkte Emporkommen der Unfähigen.

Auch nach dem Wechsel ins jungkonservative Lager lehnte Jung die auf Mehrheitsbeschlüsse gegründete parlamentarische Demokratie ab. Stattdessen forderte er nun ein gestuftes Wahlrecht [mit] direktdemokratische[n] Elemente[n] innerhalb einer korporativen [Gesamtstruktur] und einen autoritär regierten Staat zur Verwirklichung einer metaphysisch fundierten volonté générale. Jung schätzte das Mittelalter und forderte eine Ausrichtung des Staates an kosmischer Ordnung, Weltordnung* [womit er sich dem von der katholischen Kirche damals noch konsequent vertretenen Naturrechtsgedanken näherte.]

* s. [S. 97]

Jung verstand sich als konservativ-revolutionären Denker und sah als geeignete Basis seiner politischen Vorstellungen eine breite Volksbewegung von. Jung pflegte Kontakte zu Unternehmern und suchte auch die geistig hochstehendsten Angehörigen der Arbeiterschaft zu gewinnen. In sozialer Hinsicht forderte Jung, die Anzahl der Besitzer [von Produktionsmitteln] zu erhöhen und nicht abzusenken ist, [also eine neuerliche Verbreiterung des Dritten Standes]. [s. S. 102f.]

Die alle Teile des Volkes erfassende NS-Bewegung erschien ihm von ihrer Art her verheißungsvoll. Doch deren ideologische Ausrichtung mißbilligte Jung, den biologisch begründeten Racismus und Antisemitismus an Stelle von Metaphysik, den Nationalismus an Stelle der [supranationalen] Reichsidee, den Sozialismus [an Stelle einer organisch gegliederten Gesellschaft]; Jung hielt Nationalismus wie Sozialismus für liberal [und bezeichnete damit Ideen der Moderne;* Jung erkannte also die nationalistische Rechte als Pendant der liberalen oder sozialistischen Linken]. So kritisierte Jung in der Denkschrift an von Papen (1934) den Nationalismus ([nicht nur] des Faschismus), der derselben Epoche angehöre wie der Liberalismus[, also der Moderne]. [S. 134, 141f.]

* Für den Liberalismus ist nach Jung der Individualismus konstitutiv; als Weltanschauung gehöre der Liberalismus zum Bürgertum. [S. 108] – Man könnte fragen, ob nicht der Nationalismus lediglich der auf eine höhere Ebene gehobene Konkurrenzkampfes einzelner Bourgeois ist und damit eine Spielart des Individualismus.

Den Niedergang der Weimarer Republik begrüßte Jung, nicht jedoch den Aufstieg Hitlers*. Anfangs befürchtete Jung, Hitler werde sich in das Weimarer System integrieren lassen, statt an dessen Überwindung mitzuwirken; schließlich stand Hitler an der Spitze einer Partei, die – bis 1933 – einen Teil des gesamten Parteienspektrums bildete. Anstelle der Weimarer Republik – und später des NS-Staates – sollte nach Jungs Vorstellung ein organisches Gemeinwesen entstehen, hinabreichend bis zu kleinsten sozialen Einheiten mit persönlicher Vertrautheit.** – [Ähnlich stellte sich Jung eine europäische Gesamtordnung vor, nicht als Paneuropa größerer, kleiner und kleinster Staaten, sondern als organisch um Kerne herum – wie Deutschland in Mitteleuropa – gewachsene Struktur.***]

* Adolf Hitler; geb. 1889, gest. 1945

** s. „Denkschrift an von Papen (1934)“ [hier: S. 134f.] – Das Gegenstück dazu bildet die von Jung abgelehnte Massenorganisation.

*** s. Jung, „Förderalismus als Weltanschauung (1931)“ – Bei einem solchen organischen Zusammenwachsen Europas blieben die kulturellen und völkischen Eigenheiten der einzelnen Länder bewahrt.

Jungs politischem Engagement fehlte die politische Machtbasis. Er [erkannte nicht, daß eine solche auf der in eine Bewegung oder Partei gesetzten Erwartung gründet, sie werde (objektiven Standes)interessen gerecht, sondern] ging davon aus, daß die Herrschaft auf der „inneren Bereitschaft der breiten Massen [beruhe], sich (wieder) führen zu lassen. … [Dies sei ein] ewiges Gesetz“, und darin bestehe „das Wesen jeder Gemeinschaft“.* Statt nach realen Machtmitteln [wie der SA**] zu fragen, dachte Jung an ein geistiges Ringen;*** der Weg an die Macht sollte „ohne das Stadium einer massenmäßigen .Plattform“ gelingen.**** – Jung blieb Theoretiker und wurde 1932 von Papens***** Redenschreiber. So war es auch Wort und nicht Tat, was Jung endlich den Tod brachte.

* Art. „Konservativer Kampf“, in: „Die Laterne 8 (1931)“ [hier: S. 114f.]

** Sturmabteilung

*** s. ebd. [hier: S. 115]

**** ebd. [hier: S. 114]

***** Franz von Papen; geb. 1879, gest. 1969

Die Vizekanzlerschaft von Papens in Hitlers Kabinett ab Januar 1933 lehnte Jung ab. Er versuchte gleichwohl, von Papen zum Mittelpunkt einer eigenständigen konservativen Strömung innerhalb des Staates zu machen, doch von Papen war als Persönlichkeit kaum dazu geeignet. – Jung verurteilte die nationalsozialistische Gleichschaltung samt dem anhebenden Totalitarismus und versuchte, eine konservative Opposition zu organisieren. Nachdem er in der zweiten Jahreshälfte 1933 unter Schwermut gelitten hatte, ging er an den Aufbau eines konspirativen [Netzwerkes], dem Mitglieder in den protestantischen Landeskirchen, in Zeitungsredaktionen, Intellektuellenzirkeln und im Staatsapparat einschließlich des Militärs angehörten.

Im Frühjahr 1934 hegte Jung Überlegungen zur Wiederherstellung einer Monarchie, die durch ein mittels von Papens angeregtes Testament Hindenburgs*, der tatsächlich im August jenes Jahres verstarb, in die Wege geleitet werden könnte; Hindenburg hinterließ Hitler jedoch lediglich einen Brief, der die betreffende Thematik behandelte und der Öffentlichkeit ohne weiteres vorenthalten werden konnte. – Jung ging es allerdings nicht um die Wiederherstellung des Wilhelminischen Reiches, sondern um eine Wahlmonarchie, wobei vorläufig ein Reichsverweser anstelle des Monarchen regieren sollte; man denkt in diesem Zusammenhang unwillkürlich an von Horthy** in Ungarn. Die Monarchie sollte ein Wahlkaisertum sein wie das mittelalterliche, wonach der Monarch von Kurfürsten zu wählen wäre. Solche Fürsten dachte sich Jung als Statthalter [neu zu schaffender Länder des Reiches].***

* Paul von Hindenburg; geb. 1847, gest. 1934; Reichspräsident 1925 – 1934

** Nikolaus (Miklos) von Horthy; geb. 1868, gest. 1957

*** s. Jung, „Förderalismus als Weltanschauung (1931)“ – Damit erscheint auch verständlicher, wie Jung sich das organische Zusammenwachsen Europas wohl vorstellte: Es sollten sich Länder wie die Tschechei an das Reich angliedern, indem deren Oberhaupt unter die Kurfürsten aufgenommen wird: Der König Böhmens hatte ja ebenfalls zu den Kurfürsten des bis 1806 bestehenden Reiches gehört.

Jung wandte sich dem Katholizismus zu, freilich ohne zu konvertieren, und begann, den Konservatismus als christliche Revolution zu verstehen, die den Nationalsozialismus abzulösen habe. Den ersten Anstoß dazu sollte eine Rede von Papens geben, die dieser am 17. Juni 1934 in Marburg halten sollte. Jungs Manuskript wurde von Papen so spät ausgehändigt, daß dieser keine Änderungen mehr darin vornehmen konnte. In konservativen Kreisen stieß die Marburger Rede auf Zustimmung, Hitler veranlaßte sie, die Liquidierung des Verfassers zu beschließen.

Am 25. Juni wurde Jung festgenommen und im Zuge der bald darauf erfolgten Niederschlagung des „Röhm-Putsches“ bzw. der Ermordung der SA-Führung ebenfalls erschossen. Weitere Persönlichkeiten der konservativen Bewegung teilten Jungs Schicksal, soweit ihnen nicht die Flucht ins Ausland glückte; Jung, bekannt für seine Eigensinnigkeit, hatte dies abgelehnt. – [Ein Vierteljahr nach seinem vierzigsten Geburtstag fand er den Tod:] In der Nach vom 30. Juni auf den 1. Juli 1934 wurde Jung – wohl im Bereich des KZ Oranienburg – erschossen und anschließend eingeäschert, [nachdem von Papen, der von der Festnahme Jungs bereits am 26. Juni benachrichtigt worden war, sich kaum wirksam für dessen Freilassung eingesetzt hatte; von Papen wurde Ende Juli 1934 Gesandter in Wien und später in Ankara (1939), so daß er sich zunehmend weiter vom Zentrum der Macht entfernte.]

*

[Wie deutlich erkennt man in der Biographie Jungs den Willen, hoch hinauf zu gelangen,* zuerst gesellschaftlich; aber allmählich wird dies zum Aufstieg zur göttlichen Wahrheit. Auch in seinem Hauptwerk befaßt sich Jung mit dem Emporkommen, das in der Moderne jedoch den Falschen gelingt, nämlich den Unfähigen, Minderwertigen. – Die Thematik des Aufstiegs bildet einen zentralen Inhalt von Jungs Biographie. Doch es kommt noch ein weiterer wichtiger Aspekt hinzu, nämlich sein Lebensende, das ihn Sokrates** ähnlich erscheinen läßt. Beide suchten dem Gemeinwesen, dem sie durch ihre Herkunft verbunden waren, bis in den Tod zu dienen und wichen nicht, obwohl sie die Möglichkeit dazu gehabt hätten; zum Zeitpunkt ihres gewaltsamen Todes waren beide Väter unmündiger Kinder, wenn auch Jung erst vierzig alt war, Sokrates aber bereits siebzig, da er sehr spät geheiratet hatte. Doch wie in der Antike das Andenken eines Philosophen besonders geehrt wurde, wenn er den Tod durch eine ungerechte Maßnahme des eigenen Staates gefunden hatte, man denke an Seneca***, so könnte auch Jungs in vergleichbarer Weise gedacht werden.]

* Schon in seiner militärischen Laufbahn wird dies sozusagen anschaulich, da er die Kavallerie verließ, bei der Artillerie zum Leutnant aufstieg und endlich zu den Fliegern stieß.

** geb. ca. 469, gest. 399 v. Chr.

*** Lucius Annaeus Seneca d.J.; geb. 4 v. Chr./2 n. Chr., gest. 65 – Zu seiner Ehrung durch den Vergleich mit Sokrates s. die aus dem 3. Jahrhundert stammende Doppelherme, die die Büsten beider – in janusköpfiger Weise vereint – darstellt.

1 Kommentar zu „“Edgar J. Jung. Zur politischen Biographie eines konservativen Revolutionärs”“

Kommentieren