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Gedankensplitter (13. Jan. 2016)

Die Demoskopie gehört seit Roosevelts* Zeiten zum politischen Alltag; Roper, Crossley und Gallup** entwickelten die Technik der Meinungsumfrage. Die Demoskopie beschränkte sich nie auf bloße Erforschung von Stimmungen, sondern vermochte Medien bzw. die diesen verbundenen politischen Strömungen im Kampf um die Meinungsführerschaft unterstützen, denn indem Umfragen eine bestimmte Einstellung als die vorherrschende ausgeben, tragen sie ihren Teil dazu bei, daß sie zur vorherrschenden wird, soweit es noch nicht der Fall ist, denn wenn der überwiegende Teil dasselbe denkt, möchten die wenigsten davon ausgeschlossen sein und suchen sich anzupassen. Elisabeth Noelle-Neumann hat dazu – aus der Praxis heraus – ihre Theorie von der Schweigespirale entwickelt.*** Über Noelle-Neumann hinaus geht die volkspädagogische Indoktrination, die nicht nur durch „pc“ zum Schweigen bringen will, sondern auch mittels „nudging“ zur gewünschten Einstellung zu erziehen sucht. – Wie brisant die Erforschung von Stimmungen im Lande oder bestimmten Regionen sein kann, zeigt sich daran, daß diese Aufgabe im Dritten Reich der GeStaPo übertragen wurde.

* Franklin D.[elano] Roosevelt; geb. 1882, gest. 1945; US-Präsident 1933 – 1945

** Elmo Roper (geb. 1900, gest. 1971); Archibald Crossley (geb. 1896, gest. 1985); George Gallup (geb. 1901, gest. 1984)

*** geb. 1916, gest. 2010; „Die Schweigespirale. Öffentliche Meinung – unsere soziale Haut (1980)“

Das Ansehen der Demoskopie beruht auf ihrem Anspruch, wissenschaftlich zu arbeiten, doch würde sie sich darauf beschränken, tatsächlich vorhandene Stimmungen zu betrachten, verlöre sie an Attraktivität für politische Strömungen und die damit verbundenen Medien; die Demoskopie büßte weitgehend deren Unterstützung – vor allem durch Erteilung von Aufträgen – ein. So sieht sich die Demoskopie zu einer Gratwanderung zwischen Wissenschaft und Parteilichkeit genötigt. Seit dem Jahreswechsel 2015/2016 scheint der bundesdeutschen Demoskopie die Gratwanderung zunehmend schlechter zu gelingen, so daß sie zur einen der beiden Seite abrutscht, denn das Bild, das sie verbreiten möchte, stimmt immer weniger mit der Realität überein.

Auf t-online erschien gestern ein Artikel, der mit den folgenden Worten schließt: „Umfragen zur Stimmung ergeben ein unterschiedliches Bild. In einer INSA-Erhebung für die ,Bild‘-Zeitung unter 2039 Befragten gaben 61 Prozent an, wegen der Ereignisse von Köln gegenüber der Aufnahme von Flüchtlingen kritischer geworden zu sein. Zuvor hatten in einer Forsa-Umfrage für RTL 60 Prozent das Gegenteil gesagt.“ Da er dazu nichts anmerkt, scheint es dem Verfasser des Artikels offenbar nicht anstößig, wenn die eine Umfrage fast zwei Drittel beim „Hü!“ verortet und die andere eine ebenso große Mehrheit beim „Hott!“.

Man vermag darin jedoch, ein Aufbrechen des verordneten Meinungsbildes zu erkennen: Ein – wohl noch kleinerer – Teil der Einrichtungen für Demoskopie wendet sich anscheinend vom bisher Geltenden ab. – Ein ganz ähnliches Verhalten zeichnet sich in den Medien ab, deren überwiegender Teil nach wie vor der Propaganda der Politischen Klasse dient. So hieß es beispielsweise auf ZEIT ONLINE am 11. Januar „Rechtsextreme randalieren bei Pegida Demonstration in Köln“. Die Polizei hatte am 9. Januar offenbar gezielt auf eine Verhinderung der Veranstaltung hingewirkt, und zwar – bewußt oder unbewußt – Hand in Hand mit Provokateuren; man setzte auch einen Wasserwerfer ein. Doch es brach eines der etablierten Medien aus der Phalanx der regimetreuen Berichterstattung aus; Focus Online veröffentlichte am 11. Januar einen Artikel unter der Überschrift „Böller-Flugkurve beweist: Ein Vorwurf zur Demo in Köln ist offenbar falsch“ und zeigte dazu ein Video, das erkennen läßt, wie ein Böller hinter dem Rücken der Polizisten brennt und explodiert, nachdem er ganz offensichtlich nicht aus dem Demonstrationszug heraus angeflogen ist, sondern von jungen Leuten gezündet worden sein muß, die sich bei der Presse aufhalten, von ihrem Äußeren her aber auch in den Reihen der politischen Linken nicht auffielen.

Es entstand ein dpa-Bild, das nicht so bald vergessen werden wird, aber kaum der Intention der Nachrichtenagentur entsprechen dürfte: Ein Wasserwerfer der Polizei, der Deutschlandfahnen tragende Demonstranten beschießt, während diese nicht einmal drohend die Faust ballen, sondern ruhig abziehen oder das Geschehen wie ungläubig staunend verfolgen. Das Bild zeigt weniger den Triumph der Staatsmacht als deren Demaskierung.

  KölnJan16

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