Inhaltsverzeichnis

Zitat (2)

Verweilen wir noch zu einigen weiteren Überlegungen bei dem Zitat Madisons von 1778! – Wenn James Madison sich zwar immer wieder mit der Trennung von Staat und Religion befaßt, aber nur gelegentlich einmal über das Modell der Freiheit durch die Vielzahl religiöser Gemeinschaften spricht, dann zeigt dies, daß er das betreffende Denkmuster kaum selbst entwickelt hat, denn wovon das Herz voll ist, davon geht der Mund über. Vielmehr wird er es vorgefunden und auf die religiösen Gemeinschaften angewandt haben; vielleicht hat Madison auch bereits die Übertragung des Grundmusters auf die religiöse Situation des angelsächsischen Nordamerika von einem Unbekannten übernommen und bei Gelegenheit einmal in die Debatte eingeworfen.

Worum es bei diesem Denkmodell geht wird deutlich, wenn man beachtet, daß es Madison nicht um einen innergesellschaftlichen Frieden, um Eintracht geht, sondern um „freedom”, also nicht um eine Gesamtordnung, sondern um die Freiheit des Einzelnen. Der Einzelne und dessen Interesse bildet den Ausgangspunkt, und der nach dem Ganzen Fragende muß sich damit trösten, daß es im Gleichgewicht bestehe und daß es darum gut bestellt sei, so lange kein einzelnes Individuum ein Übergewicht erlange. – Im Gegensatz dazu stünde jedes Denken, das vom Ganzen ausgeht und das die Frage nach dem Wohl des Einzelnen im Rahmen einer – wie auch immer bestimmten – Gesamtordnung betrachtet.

Das Modell der Freiheit durch das Gleichgewicht einander die Waage haltender Elemente ohne übergeordnete Gesamtstruktur, läßt sich übrigens auch auf die Behauptung lauter gleichwertiger Ansichten übertragen, indem man eine objektive Wahrheit leugnet und sämtliche Meinungsäußerungen für einander ebenbürtig erklärt (@ Ingres). – Fragen wir deshalb einmal nach der Grundlage einer solchen Konzeption, die davon ausgeht, daß einander in ihrer Wirkmächtigkeit ungefähr entsprechende Elemente sich in einem Gleichgewicht halten, ohne daß es einer ihnen übergeordneten Größe bedürfte: Wir finden sie bei Adam Smith*, dem Stammvater des Liberalismus, der das Modell des freien Marktes in zwei Anläufen entwickelte.

* geb. 1723, gest. 1790

Adam Smith stammte aus dem streng presbyterianischen Kirkcaldy bei Edinburgh in Schottland, und trotz seiner anglikanisch gesinnten Mutter, hielt Adam Smith stets am calvinistischen Bekenntnis fest; der Vater, ein Advokat, der als presbyterianischer Kirchenältester das Amt eines die Kirchenzucht überwachenden Censors ausübte, war kurz vor der Geburt des Sohnes verstorben. Die Mutter zog ihren Sohn allein auf und sandte ihn nach Erlangung des Master of Arts in Glasgow (1740) nach Oxford (1740 – 1746), wobei sie vergebens hoffte, er würde sich dort zum anglikanischen Theologen ausbilden lassen und anschließend Geistlicher der Staatskirche werden. Stattdessen begann ihr Sohn Vorlesungen zu halten (1748), bis er an der Universität Glasgow einen Lehrstuhl für Logik erhielt (1751); anschließend wechselte er zur Moralphilosophie (1752) und veröffentlichte sein erstes großes Werk, das ihn seiner Zeit berühmt machte: „The Theory of Moral Sentiment (1759; dtsch. Theorie der moralischen Empfindungen, 1770)“. Darin geht Smith nicht von objektiven Größen wie der menschlichen Natur aus, um die Moralphilosophie zu begründen, sondern vom Individuum, das seine eigenen Interessen vertritt; es ist allerdings daneben auch mit „sympathy” für andere ausgestattet, so daß es zu einer Ausbalancierung der verschiedenen Interessen kommt, für die der Mensch außerdem mit der Fähigkeit des unparteiischen Zuschauers, „impartial spectator”, ausgestattet ist.

Smith war ein weitherziger Presbyterianer, kaum zu vergleichen mit seinen puritanischen Glaubensgenossen in Nordamerika, die allerdings auch in einer ganz anderen Umwelt lebten und für die das den Gegner daemonisierende, manichäische Denken eine weit bedeutendere Rolle spielte. Adam Smith sieht den Menschen so aufklärerisch-positiv, daß man sagen möchte, er dehne die Praedestination zum Heil auf alle aus und postuliere lediglich für das Gericht am Jüngsten Tag eine Scheidung in Gerechte und Ungerechte, die allerdings laut Smith nach einem Maßstab vorgenommen werden soll, der unserem irdischen Denken nicht mitgeteilt wird, damit wir nicht – ganz davon überwältigt – es versäumen, uns weiter mit den alltäglichen Dingen auseinanderzusetzen. – Doch, so wäre zu ergänzen, dürfte es sich bei dem Maßstab der Beurteilung nach dem Tode um etwas dem unparteiischen Zuschauer in uns Entsprechendes handeln, da dieser ja die höchste Instanz beim Urteil über sich selbst in diesem Leben bildet.*

* Der „impartial spectator” steht bei Smith an der Stelle des die göttlichen Geboten bezeugenden Gewissens, vgl. Rom. 2, 14f.

1776 veröffentlichte Smith sein zweites großes Werk, das der Nationalökonomie gewidmet und im Gegensatz zum ersten noch heute weithin bekannt ist: „An Inquiry Into the Nature and Causes of the Wealth of Nations (1776); dtsch. Untersuchungen der Natur und Ursachen von Nationalreichthümern 1776 / 1778)” – Hinsichtlich seiner moralischen Konzeption hatte Smith auf Gott verwiesen, ohne bei konkreten Einzelfällen auf ihn Bezug zu nehmen, d.h. Smith hatte die Verhaltensregeln insofern für heilig erklärt, als sie dem Willen des Schöpfers entsprechen, der den Menschen mit einer Natur ausgestattet hat, welcher eben eine spezifische Ethik entspricht, die wiederum Smith nachzeichnet; Smith war keineswegs ein Atheist, doch in seiner moralphilosophischen Konzeption erschiene Gott als im Grunde überflüssige Hypothese, wenn ihn nicht die Fähigkeit des unbeteiligten Zuschauers sozusagen unter den Menschen gegenwärtig machen würde. In der siebzehn Jahre später erschienenen Nationalökonomie geht Smith noch einen Schritt weiter, indem er sein Denkmodell nur noch vom Individuum her konstruiert, das ohne „sympathy” und ohne „impartial spectator” auskommt. Das Gleichgewicht zwischen den Individuen konstituiert sich nun von ganz allein, indem alle nur ihr je eigenes Interesse verfolgen.

Im zweiten großen Werk Smiths geht es zwar auch wieder um das Verhalten des Menschen, doch jetzt im besonderen um dasjenige unter ökonomischen Bedingungen; es geht um den Bürger als Unternehmer. Er richtet sich als Individuum nach seinem Eigeninteresse; dies gilt jedoch für jeden Einzelnen, so daß sich ins Gesamt die Interessen ausbalancieren und in ein Gleichgewicht geraten, weil nur das zu produzieren sich lohnt, was ein anderer erwirbt[; also dürfte ich den andern schon aus wohlverstandenem Eigeninteresse nicht ruinieren]. Der sich selbst regulierende freie Markt, der das Gemeinwohl im Sinne des Wohles aller Einzelnen garantiert, wirkt mit unsichtbarer Hand; eine übergeordnete Institution ist nicht nur nicht nötig, sondern sogar hinderlich zur Erlangung größtmöglichen Wohlstandes. – Mit seinem zweiten großen Werk ist Adam Smith der Stammvater nicht nur des Konkurrenz-Kapitalismus, sondern auch des Liberalismus geworden, der von jeder Bevormundung frei werden will und letztlich die politische Macht im Staate für sich und seinesgleichen reklamiert.

Wenn also das Madison-Zitat vor diesem Hintergrund verstanden wird, dann überträgt es das Modell des freien Marktes auf die religiöse Situation des angelsächsischen Nordamerika. – Wie im ersten Beitrag zu diesem Zitat deutlich wurde, läßt sich auch noch der Multikulturalismus von daher verstehen; er bildet also einen späten Absenker des liberalen Denkens in Zeiten des globalen Monopolkapitalismus, eine Anwendung auf die Gesellschaft außerhalb des ökonomischen Sektors, wie wir es analog schon im Madison-Zitat vorgefunden haben. Damit wird jedoch deutlich, daß der Multikulturalismus einen anderen geistigen Ursprung hat als die anti-racistische Ideologie, die nicht aus dem liberalen Denken hervorgegangen ist, wie noch zu zeigen sein wird.

3 Kommentare zu „Zitat (2)“

  • […] Zum Originalartikel […]

  • ingres:

    Also ich weiß nicht, ob MultiKulti einen direkten Vorläufer in der Geschichte hat. Ich meine es könnte doch ener unter den aktuellen spezifischen Bedingungen aus der Idee der Gleichheit entstanden sein. Das würde dann auch erklären, dass ich obgleich bis 2008 emotional links nie ídeologisch pro Ausländer war und meist am Tisch der einzige war, der offen Verständnis für die These der Verausländerung äußerte. Während meine Kollegen (nich bösartig) meinten: ja ne der Ausländer ist ja an allem schuld. Ich war auch nicht geächtet, aber hatte halt das Alleinstellungsmerkmal, jedenfalls am öffentlichen Tisch. Unter 4 Augen sah es dann manchmal anders aus. Da gab es noch mehr Vernunft.
    Aber woran lag es, dass ich nie für “mein Freund ist Ausländer” anfällig war, obwohl ich auch nie was gegen fiedliche Ausländer hatte?

    Nun ich was zwar gegen das Elend, aber nie für Gleichheit. Denn ich wußte immer was der Deutschlehrer auf der Realschule mal sagte, als ich 14/15 war. Ich saß nämlich als Braver , aber von den nicht Braven wegen der Körperkraft und der Noten Akzeptierter unter und bneben den Nicht Braven. Die Nicht-Braven haben mich immer angezogen, obwohl ich ihnen oft die Leviten las und die dann auch spurten.

    Ne aber der Deutschlehrer meinte: wie verschieden doch die Menschen seien. Nicht allein seine der Axel und der Udo äußerlich völlig verschieden, sondern noch mehr charakterlich und innerlich. Das führe ich seitdem immer an; wenn mir jemand was von Gleicheit erzählt, gleich welcher Art. Deshalb bin ich für MultiKulti nicht anfällig. Aber eben Leute für die alles gleich sein soll. Ja und wenn sich in der modernen Welt die Völker vermischen, dann sind sie im MultiKulti für die Gleichen dann eben alle gleich.
    Aber villeicht gibt es doch einen spezielleren Vorläufergedanken?

  • virOblationis:

    @ Ingres

    Tatsächlich besteht eine Verschiedenheit zwischen den Ethnien einer multikulturellen Gesellschaft, doch diese wird unter Verweis auf die vermeintliche (biologische) Gleichheit aller Menschen geleugnet, indem man die Qualität in Quantität umdeutet und statt von Staatsvolk und fremden Völkerschaften von – irgendwie doch unterscheidbarer – Mehrheit und Minderheit spricht, wobei die Minderheiten anwachsen sollen, bis keine Mehrheit mehr besteht. – Wer die Verschiedenheit der Racen nicht leugnet, gilt als Racist, und wer stattdessen auf einander mehr oder weniger verwandte Kulturen verweist, als Vertreter des Kulturracismus. Dabei verweist der Begriff Multi-Kulturalismus bereits selbst darauf, daß es eine Vielzahl von Kulturen gibt, ohne zugleich eine Perspektive zu deren Angleichung zu implizieren; m.a.W. der Begriff Multi-Kulturalismus setzt die Realität der Verschiedenheit der Ethnien voraus und hofft darauf, daß sie einander gegenseitig in einem Gleichgewicht halten, wenn es keine dominierende Mehrheit und keine benachteiligte Minderheiten mehr gibt.

Kommentieren