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Die Entstehung der anti-racistischen Ideologie (4)

Harriet Beecher kam 1811 zur Welt, ein Jahr nachdem ihr Vater seine Stelle als Geistlicher in einer Congregationalistengemeinde zu Litchfield in Connecticut angetreten hatte. Mit fünf Jahren bereits verlor Harriet ihre Mutter, ohne deren starke Persönlichkeit sich der Vater – nach eigener Aussage – hilflos wie ein Kind im Dunkeln fühlte. Harriet wurde zur Erziehung zeitweise einer in Nut Plains (Connecticut) lebenden Tante übergeben, in deren Haushalt auch Schwarze lebten,* die sie anscheinend nicht als racisch minderwertig betrachtete, sondern als Angehörige eines niederen Standes; die Tante gehörte der – aus der anglikanischen Staatskirche hervorgegangenen – Episcopalkirche an, und zwar der hochkirchlichen Richtung, die eine Nähe zum Katholizismus sucht.

* Dieser Umstand sowie das – nachfolgend erwähnte – Bekenntnis der Tante sprechen für deren Herkunft aus den Südstaaten.

Als Harriets Schwester Catherine* eine Schule zu Hartford in Connecticut eröffnete, wurde Harriet sogleich dort Schülerin und kam so unter Catherines Obhut (1824). – Catherine, das älteste der Kinder Lyman Beechers, hatte einen schweren Schicksalsschlag erlitten: Durch ein Schiffsunglück hatte sie ihren Verlobten verloren (1822), einen als Tutor in Yale tätigen Theologen, der sich auch als Mathematiker bewährte und so zum Professor für Mathematik und Naturphilosophie in Yale berufen wurde (1817),** da der Inhaber des Lehrstuhls zum Nachfolger Dwights als Leiter der Universität befördert worden war. Daraufhin zog Catherine, die fortan ehelos blieb, für zwei Jahre zu den Eltern ihres verstorbenen Verobten nach Massachusetts. Dort unterrichtete sie dessen zwei Schwestern als Hauslehrerin. Zu dieser Zeit besuchte Catherine Beecher die Gottesdienste Dr. Emmons, der ein erbarmungsloses Christentum predigte und die Gewissen damit peinigte; es dürfte sich um Nathanael Emmons*** gehandelt haben, der den erweckten Congregationalisten anghörte und der Gemeinde zu Franklin (Massachusetts) länger als ein halbes Jahrhundert vorstand. Catherine Beecher entwickelte in Opposition dazu eigene theologische Gedanken, in deren Zentrum ein sich erbarmender Gott stand, wobei sie – in Ermangelung rechter Belehrung in bezug auf die beiden Naturen sowie die Person des Heilands – dessen göttlicher Natur Leidensfähigkeit zuschrieb.

* geb. 1800, gest. 1878

** Alexander Metcalf Fisher; geb. 1794, gest. 1822

*** geb. 1745, gest. 1840; Geistlicher in Franklin von 1773 bis 1827

Als Catherine Beecher eine eigene Mädchenschule zu Hartford in Connecticut gründete, gehörte ihre Schwester Harriet dort, wie gesagt, von Beginn an zu ihren Schülerinnen. – Als Harriet Beecher später zu ihrem Vater und ihrer Stiefmutter nach Boston zog, erlebte sie ganz Ähnliches wie ihre Schwester Catherine zuvor. Harriet sollte (wohl 1826) die Gottesdienste eines mit ihrem Vater befreundeten Geistlichen besuchen und geriet als Jugendliche an einen pastoralen Quälgeist, der sie in jahrelang anhaltende Gewissensqualen stürzte, so daß sie zu sterben wünschte. Als Harriet nach Hartford zurückkehrte (1827), überwand sie – ähnlich wie ihre Schwester Catherine und gewiß nicht ohne deren Zutun – diese seelische Krise und gelangte zur Vorstellung eines liebenden Gottes (1829).

Als Lyman Beecher zum Leiter der Theologischen Hochschule Cincinnatis berufen wurde (1832), zog er mit seiner Familie und den unmündigen Kindern dorthin. Auch seine Tochter Catherine ließ sich in derselben Stadt nieder und gründete in Cincinnati eine neue Mädchenschule. Harriet fand dort eine Anstellung als Lehrerin. – Bald nach ihrer Ankunft begann Harriet Beecher wieder zu grübeln. Sie schrieb in einem Brief an eine Freundin, die strengen Sitten würden es erfordern, Gefühle zu unterdrücken, was aber ihre Seele aufzehren würde. Sie fühle sich erschöpft und wie abgestorben; jeder Gedanke schmerze. Offenbar drückte Depression sie nieder.

Zu jener Zeit entstand in Cincinnati ein privater Kreis von Freunden der Literatur, die auch selbst zur Feder griffen und einander ihre Texte vortrugen. Diesem Zirkel gehörte Harriet an und ebenso der Inhaber des neugeschaffenen Lehrstuhles für Biblische Theologie, Professor Stowe, sowie dessen Ehefrau Elizabeth, geb. Tyler,* die bald darauf an der Cholera starb.

* geb. 1809, gest. 1834

Harriet Beecher und Charles Stowe kamen nun einander näher und heirateten am Dreikönigstag des Jahres 1836. Die Hochzeitsreise bestand aus einer Kutschfahrt nach Columbus (Ohio) zwecks Abhaltung eines Vortrages, und an die Stelle der Flitterwochen trat eine Reise Stowes nach Europa, auf der er Bücher für die Bibliothek der Theologischen Hochschule Cincinnatis erwerben sollte und selbst öffentliche Schulen in Europa kennenlernen wollte, um das Bildungssystem in Ohio zu verbessern; bereits 1833 hatte Stowe zu den Gründern eines Lehrerseminars in Cincinnati gehört, welches das Unterrichtswesen Ohios verbessern sollte. Harriet Beecher-Stowe verbrachte diese Zeit in Cincinnati, wo sie bereits Erzählungen verfaßte, die in Zeitungen erschienen, und wo sie zu St. Michaelis ein Zwillingspaar zur Welt brachte, zwei Mädchen, die der Vater erst im darauffolgenden Jahr zum ersten Male sah, als er aus Europa zurückkehrte, wo er auch den von ihm verehrten Theologen Tholuck aufgesucht hatte. Das preußische Erziehungssystem beeindruckte den der deutschen Sprache mächtigen und die deutsche Literatur schätzenden Stowe zutiefst, so daß er seinen 1840 geborenen zweiten Sohn auf den Namen des preußischen Königs taufen ließ, Frederick William.* – Im Dezember 1837 trug Stowe einen Bericht über das europäische Erziehungswesen in Ohios Hauptstadt Columbus vor. Im folgenden Jahr erschien Stowes „Report on Elementary Public Instruction in Europe[.] Made to the thirty-sixth General Assembly of the State of Ohio (1838)“, der Bericht über den staatlichen Elementar[schul]unterricht in Europa, in dem Stowe zur Nachahmung des preußischen Beispiels riet und damit Gehör fand, so daß man beschloß, jeden Schulbezirk Ohios mit einem Exemplar des Berichts auszustatten.

* Frederick William Beecher, geb. 1840, gest. 1870(?) – An einer während des Sezessionskrieges als Soldat erlittenen Kopfverletzung leidend unternahm er eine Seereise zur weiteren Erholung, die ihn nach St. Francisco führte, wo der Dreißigjährige spurlos verschwand. (So zumindest die Version der Biographie Harriet Beecher-Stowes. – In Wirklichkeit tat Frederick William schon ein Jahr nach seiner Verwundung wieder Dienst als Soldat. Was seine Gesundheit noch nach Kriegsende beeinträchtigte, war sein Alkoholismus, und die Seereise sollte wohl vor allem der Ausnüchterung dienen.)

Während ihrer Tätigkeit als Lehrerin in der Schule ihrer Schwester Catherine hatte Harriet Beecher die Ansicht geäußert, daß Männer predigen und missionieren mögen, doch für den Unterricht und die Erziehung seien Frauen besser geeignet. Sie unterschied hier wohl zwischen Theorie und Praxis, und so mochte ihr Ehemann über Paedagogik raisonnieren, so lange er die erzieherische Praxis den Frauen überließ. – Harriets Halbschwester Isabella* gehörte der us-amerikanischen Frauenbewegung an und forderte nicht nur eine rechtliche Gleichstellung der Frau, sondern wies auch einerseits darauf hin, daß ihre Pflichten als Mutter sie persönlich einschränkten, und andererseits stellte sie fest, daß es der von Männern gebildeten Regierung an mütterlicher Weisheit und überhaupt an Moral fehle; es wäre hinzuzufügen, daß Frauen die geeigneteren Regenten wären. Dem Manne eine Vorherrschaft einzuräumen war Isabella Beecher nur so lange bereit, wie sie, ins Besondere als Mutter, einen Beschützer als notwendig empfand; wäre mangelnde körperliche Kraft und Mutterschaft der Frau anderweitig zu kompensieren, entfiele dieser Grund, so daß sich die Verhältnisse umkehren ließen, wonach die Geschicke endlich weise gelenkt würden und Moral Einlaß in die Politik fände, da Frauen den Männern in moralischer Hinsicht überlegen seien. So wird deutlich, daß nach Isabella Beecher die Mütterlichkeit, die sie in ihrer eigenen Familie nur unvollkommen vorzuleben vermochte, die gesamte Gesellschaft bestimmen soll, während jede einzelne Frau sozusagen davon befreit wird; das familiäre Leben wird auf die Gesellschaft übertragen, wodurch es selbst die in der Gesellschaft herrschende Freiheit [und Verrechtlichung] erlangt. Während Isabella Beechers politische Ideen auf eine weibliche Vorherrschaft hinauslaufen, begnügte sich ihre ältere Halbschwester Catherine, deren Schule in Cincinnati Isabella besucht hatte, mit der Forderung nach gleicher Bildung für Mädchen wie Knaben, da die Führung eines Haushalts eine ebenso komplexe Aufgabe darstelle wie die Leitung eines Betriebes.

* Isabella Hooker, geb. Beecher; geb. 1822, gest. 1907

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