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Kurzer Rückblick auf den hiesigen Maoismus (1)

Am Beginn der Entwicklung hin zur Neuen Linken, gleichsam als ihr Praeludium, erschien in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts der westliche Maoismus. Auf den ersten Blick ein erstaunliches Phänomen: Warum um alles in der Welt sollten sich Bürger des hochindustrialisierten Westens, z.B. der aus den Besatzungszonen der Westalliierten hervorgegangen Bundesrepublik, die fernöstliche Ideologie eines noch weitgehend von der Landwirtschaft geprägten Staates zu eigen machen?

Einen Schlüssel zum Verständnis liefert m.E. der Blick auf das mangelnde Ansehen des real existierenden Sozialismus außerhalb des Ostblockes: Seit den Auständen in der DDR (1953) und in Ungarn (1956) mochten sich nur noch wenige Sozialisten voll und ganz zum Kommunismus sowjetischer Provenienz bekennen. Hinzu kam der XX. Parteitag der KPdSU (1956), mit dem die Verbrechen des Stalinismus allmählich ruchbar wurden; den ersten Ansatzpunkt bildete die Kritik  am Personenkult Stalins*. – In der – aus den Westzonen hervorgegangenen – BRD wurde die KPD 1956 verboten, nachdem sie in den Bundestagswahlen 1953 nur noch 2,21% der abgegebenen Stimmen erhalten hatte.

* eigentl. Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili; geb. 1878 (offiziell 1879), gest. 1953

Die Lage derjenigen, die dem egalitären Ideal treu bleiben und sich nicht mit einer Gleichheit vor dem Gesetz zufrieden geben wollten, erschien äußerst heikel. – Eine neue Perspektive eröffnete sich angesichts des Bruches zwischen der Volksrepublik China und der UdSSR, der ab 1963 unübersehbar wurde. Als hiesiger Anhänger der in China herrschenden Ideologie des Maoismus vermochte man sich weiterhin auf den Marxismus-Leninismus zu berufen und konnte zugleich der westlichen Frontstellung gegenüber dem Ostblock Rechnung tragen. Durch den Einmarsch von Truppen des Warschauer Paktes in die CSSR (1968) mochten sich die dem real existierenden Sozialismus gegenüber kritisch eingestellten Linken bestätigt sehen, die dem Stalinismus nicht huldigten, was auf die Maoisten jedoch keineswegs zutraf, da sie dem Ostblock gerade seine Kritik am Stalinismus als Revisionismus, als Verrat vorwarfen.

Der frühe Maoismus im Westen erhielt ungeahnten Auftrieb durch die von Mao* ab 1966 betriebene Kulturrevolution, durch die er die Geschicke – dank der ihm verbliebenen Unterstützung durch das rot-chinesische Militär – erneut zu bestimmen vermochte, nachdem er teilweise entmachtet worden war.** Seine jugendlichen Roten Garden sollten alle noch erhaltenen Reste der überkommenen Kultur sowie alles neu Etablierte vernichten, um den Staat ganz der Willkür Maos auszuliefern, auf daß dadurch der Kommunismus endlich verwirklicht werde. In der ersten Phase der Kulturrevolution (1966 – 1969) versetzten die Roten Garden das Land in einen bürgerkriegsartigen Zustand, bis unter der Aufsicht des Militärs eine Reorganisation der KP und der rot-chinesischen Gesellschaft betrieben wurde (1969 – 1971), die mit dem Sturz Lin Biaos*** endete; darauf folgten die Jahre bis zu Maos Tod (1971 – 1976), in denen – nunmehr unter der Führung der KP – versucht wurde, die Konsolidierung der Verhältnisse behutsam fortzusetzen, da Zhou Enlai****, der langjährige Premierminister der Volksrepublik (1949 – 1976), zum mächtigsten Mann nach Mao aufgestiegen war und damit die Geschicke des Landes wesentlich zu bestimmen vermochte.

* Mao Tse-tung bzw. Mao Zedong; geb. 1893, gest. 1976

** Mao trat 1959 als Staatspräsident zurück: Seine Politik des „Großen Sprunges nach vorn [zur Industrialisierung des Landes]“ ab 1958 mündete in eine Katastrophe, in der schätzungsweise 25 bis 38 Millionen Menschen zu Grunde gingen, die meisten in Folge von Hunger. – Gleichwohl zündeten die blumigen Propagandaparolen, und selbst Papst Johannes XXIII. (1958 – 1963) ließ es sich nicht nehmen, in der Eröffnungsrede zum II. Vaticanum (1962 – 1965) von einem Sprung nach vorn, „un balzo innanzi“, zu sprechen, was er allerdings auf das Verständnis der katholischen Lehre bezog. – Die chinesische Kulturrevolution kostete noch einmal mehr als einer Million Menschen das Leben.

*** geb. 1907, gest. 1971 (durch Flugzeugabsturz auf der Flucht ins Ausland)

**** geb. 1898, gest. 1976

Der Maoismus eröffnete nicht nur die Möglichkeit, zugleich den Sozialismus zu propagieren und den Ostblock abzulehnen, sondern auch unter Verweis auf die Kulturrevolution alle Traditionen zu bekämpfen, alle kulturellen Kontinuitäten zu kappen, freilich nicht mit dem Ziel der Dictatur eines „Großen Steuermannes“ wie Mao, sondern um völlige Befreiung der Triebe von den Fesseln der Vernunft zu erlangen; ins Besondere die „Frankfurter Schule“ hatte ideologische Vorarbeit geleistet. Die Aussicht auf ein triebgesteuertes Dasein sprach vor allem studentische Kreise westlicher Länder an, während für die Werktätigen ein Abwerfen jeglicher Selbstdisziplin kaum mit dem Arbeitsalltag zu vereinbaren war.

In der BRD der sechziger Jahre kam noch ein weiteres für die Kulturrevolution sprechendes Motiv hinzu: Mit der Wendung gegen die eigenen Traditionen, den „Muff von tausend Jahren unter den Talaren“, wurde die von den Besatzern, ins Besondere den USA, kollektiv der Schuld an „Auschwitz“ bezichtigte „Tätergeneration“, so weit sie noch lebte, ins Abseits gedrängt, während sich den Studenten als jungen Leuten, Zöglingen der Reeducation, als Nutznießern des „Wirtschaftswunders“ nahezu unbegrenzte Karrieremöglichkeiten eröffneten, sozusagen als Belohnung für den Vatermord. – Daß man mit dem heimischen Ableger der Kulturrevolution auch ganz andere Interessen bediente, dürfte kaum einem unter den studentischen Revolutionären klar gewesen sein. Einerseits brachte die Zerstörung gewachsener Strukturen die Gesellschaft dem westlichen Modell der Gründung auf das (isolierte) Individuum näher. Andererseits erschien die Entwurzelung auch unter wirtschaftlichen und politischen Gesichtspunkten den Herrschenden begrüßenswert, da lauter einzelne ihre Interessen kaum so effektiv zu vertreten vermögen wie Kollektive.

[Absatz “Der frühe Maoismus…” ergänzt; 11. Aug.]

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