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Kurzer Rückblick auf den hiesigen Maoismus (3)

Oft werden die Pariser Mai-Unruhen als Höhepunkt der studentischen Bewegung angesehen, so daß man mit Blick darauf von den „Achtundsechzigern“ spricht, doch eigentlich bildete das Jahr 1967 den Zenit, die Demonstration gegen den Besuch des Schahs von Persien mit dem Tod des Studenten Benno Ohnesorg*, der von einem West-Berliner Polizisten mit Verbindungen zur Ost-Berliner Staatssicherheit – vielleicht in deren Auftrag – erschossen wurde. Im April 1968, am Gründonnerstag jenes Jahres, verlor die Studentenbewegung in der BRD hingegen durch ein Attentat ihre wichtigste Führungsperson, den Soziologie-Doktoranden Rudi Dutschke**; der es zwar überlebte, jedoch so schwer verletzt wurde, daß er die frühere Wirksamkeit hernach nicht fortzusetzen vermochte und bereits 1979 verstarb.

* geb. 1940, gest. 1967

** geb. 1940, gest. 1979

Der Pariser Aufruhr vom Frühjahr 1968 markierte danach viel eher das Ende der Bewegung, denn der auf Moskau ausgerichtete Teil der Alten Linken rückte von den Studenten ab, wie im vorigen Teil deutlich geworden ist. Sie taten ihrerseits dasselbe, da der Einmarsch des Warschauer Paktes in die CSSR, mit dem der „Prager Frühling“ im August sein Ende fand, auf allgemeine Ablehnung stieß und nur von dem dem Ostblock treuen Teil der Alten Linken begrüßt wurde. Es folgte im September die Gründung der DKP* in der BRD, da die KPD 1956 verboten worden war. Im Herbst des Jahres 1968 konstituierte sich danach auch eine erste maoistische Gruppierung als Partei, die KPD/ML**.

* Deutsche Kommunistische Partei

** Kommunistische Partei Deutschlands / Marxisten-Leninisten

Eine weiterer Zweig der Studentenbewegung, der zur Gewalt neigende und zugleich ideologisch weniger fixe Teil, begann 1968, sich ebenfalls allmählich abzusondern, nachdem schon Anfang April, noch vor dem Dutschke-Attentat, ein erster Akt linksextremistischen Terrors stattgefunden hatte, eine zweifache Kaufhausbrandstiftung in Frankfurt. Die vier im Oktober jenes Jahres zu je drei Jahren Zuchthaus verurteilten, aber schon 1969 bis zu einer möglichen Revision wieder freigelassenen Täter bildeten ein Quartett um den Gewohnheitskriminellen und Gelegenheitsarbeiter Andreas Baader*, der in West-Berlin erfolgreich Anschluß an studentische Kreise gesucht hatte; einer der Täter trat anschließend seine Haft an, ein anderer stellte sich nach seiner Flucht, Baader hingegen und seine Komplizin Ensslin**, eine mit Rudi Dutschke persönlich gut bekannte*** Germanistik-Doktorandin, tauchten in den Untergrund ab. – Das Attentat auf zwei Warenhäuser in Frankfurt nach dem Vorbild**** eines – möglicherweise durch Brandstiftung verursachten – Kaufhausbrandes 1967 in Belgien, bei dem über dreihundert Menschen den Tod fanden, wurde gedeutet als Protest gegen den Vietnamkrieg, in dem alle Linken übereinstimmten, da Nordvietnam in seinem Krieg mit den USA sowohl von der Sowjetunion als auch von der VR China unterstützt wurde.

* geb. 1943, gest. 1977 [Selbstmord]

** Gudrun Ensslin; geb. 1940, gest 1977 [Selbstmord]

*** Er war der Patenonkel ihres Sohnes, den sie um Baaders willen ebenso verließ wie ihren Ehemann, der sich 1971 umbrachte.

**** Allerdings wurde der Frankfurter Anschlag nachts durchgeführt. – Das Flugblatt Nr. 7 der „Kommune 1“ (s.u.) hatte den Brüsseler Kaufhausbrand im Mai 1967 als „Schauspiel“ gedeutet, das „einer europäischen Großstadt“ Teilhabe am „knisternden Vietnam-Gefühl“, d.h. am Einsatz von Napalm, vermittle.

Noch etwas ganz anderes ereignete sich 1968, das jedoch ebenfalls einen Bezug zur studentischen Bewegung jener Zeit hatte, die Uraufführung des Musicals „Hair“, Haar. – Es gab auch eine Strömung innerhalb der studentischen Bewegung, die – im Grunde unpolitisch – nach alternativen Lebensformen suchte. Das lange Haar auch von Männern zielte letztlich auf eine Überwindung des Gegensatzes zwischen den Geschlechtern, während Phantasieuniformen wie die Sergeant Peppers* jeglichen Kriegsdienst und damit zugleich auch die Männlichkeit lächerlich erscheinen lassen sollten; die Übergänge zur Hippie-Bewegung und damit zur Drogenszene waren fließend. So beschäftigte sich auch ein Teil der studentischen Bewegung vor allem mit dem eigenen Unterleib; dahin gehört Daniel Cohn-Bendit ebenso wie die West-Berliner Kommune 1 (1967 – 1969), auch wenn man sie sekundär als Versuch zur Überwindung der für den Faschismus anfälligen Kleinfamilie verklären mochte. In der Suche nach alternativen Lebensformen wirkten sowohl Impulse der Lebensreformbewegung** nach wie solche des bakunistischen Anarchismus. Man lehnte jegliche Autorität ab. Um 1970 dann war Alexander Sutherland Neills*** Buch „Summerhill: A Radical Approach to Child Rearing (1960; dtsch. Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung. Das Beispiel [der Schule] von Summerhill, 1969)“ im Bücherregal der allermeisten progressiv Gesonnenen zu sehen.

* „Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band (1967)“ hieß eine Langspielplatte des britischen Quartetts „The Beatles“, auf der die Musiker in solcher Kleidung abgebildet waren.

** Cohn-Bendit hatte das – mittlerweile berüchtigte – Odenwald-Gymnasium besucht und war ab 1972 in einem von der Stadt finanzierten und von den Eltern selbstverwalteten Kindergarten der Universität Frankfurt beschäftigt; seine Tätigkeit dort nahm, wie Cohn-Bendit selbst bekannte, „bald erotische Züge“ an.

*** geb. 1883, gest. 1973

[Letzter Absatz ergänzt, 16. Sept.]

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