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Rückblick auf den hiesigen Maoismus in seinem Zusammenhang (6)

Die Hinwendung von Vertretern der undogmatischen Linken in der DDR zu den „Grünen“ und dem Vorläufer der Partei „Die Linke“ weist darauf hin, daß die Ideologie der Neuen Linken kein Phänomen allein des Westens oder gar in der alten BRD ist, sondern eigenständig demselben Grund entsprossen ist wie West und Ost, Liberalismus und Sozialismus, und deshalb hüben wie drüben anzutreffen gewesen ist. – So stammte auch Rudi Dutschke, den man als prominentesten Repräsentanten der undogmatischen Linken in der alten BRD bezeichnen darf, aus der DDR; das aus verschiedenen Strömungen bestehende Sammelbecken der undogmatischen Linken wollte einen Sozialismus jenseits von West und Ost konstituieren, ohne dabei einer bestimmten Lehre zu folgen, was also den Maoismus allenfals als einen Aspekt unter vielen zuließ.

Wenn man die undogmatische Linke als aktionsorientiert bezeichnet, dann weist dies darauf hin, daß dem Mangel an einer einheitlichen Theorie eine Kompensation des Defizits mit Hilfe einer Praxis entsprach, die keine Regeln befolgte, weder im privaten Verhalten, noch in der Öffentlichkeit. Politisch war die undogmatische Linke daher zwischen Promiskuität und Terror angesiedelt,* was moralisch haltlose Intellektuelle ebenso anzog wie Vertreter des Lumpenproletariats mit Hang zum Berufsverbrechertum**; man denke an das Paar Baader-Ensslin.

* vgl. dazu den o.g. Fritz Teufel

** Schon in der Biographie Stalins (eigentl. Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili; geb. 1878 [offiziell 1879], gest. 1953) hatte es sich gezeigt, wie sich organisierte Kriminalität mit dem Anspruch auf revolutionäre Umtriebe zu verbinden vermag: Der junge Stalin organisierte einerseits Demonstrationen sowie Streiks, und er verübte andererseits nicht nur Raubüberfälle, sondern erpreßte auch Schutzgelder.

Rudi Dutschke siedelte, da ihm als Wehrdienstverweigerer ein Studienplatz verweigert wurde, nach West-Berlin über, wo er das Abitur noch einmal ablegte und nach dem Mauerbau (1961) ein Soziologiestudium aufnahm. – Nachdem im Herbst 1963 in München – inspiriert von den Autoren der „Frankfurter Schule“ – durch Dieter Kunzelmann* eine gegen Vietnamkrieg, Konsumterror und Medienmanipulation gerichtete „Subversive Aktion“ gegründet worden war, entstand  auch bald deren West-Berliner Sektion, zu der Dutschke im Jahre 1964 stieß. Damals war Dutschke theoretisch noch auf den Marxismus ausgerichtet, doch die Zugehörigkeit zur „Subversiven Aktion“ zeigt bereits seine Suche nach einer aktionistischen Praxis abseits jeder kommunistischen Partei; damit negierte er Lenins Verurteilung der Spontaneität und dessen Lehre von der Partei als politische Kampforganisation der Arbeiterklasse, die ihre ökonomischen Interessen gewerkschaftlich organisiert vertritt.**

* geb. 1939

** Lenin; eigentl. Wladimir Iljitsch Uljanow; geb. 1870, gest. 1924; hier: „Was tun? (1902)“, Kap. I d): „Ohne revolutionäre Theorie kann es auch keine revolutionäre Bewegung geben.“ Kap. II b): „Wir haben uns also davon überzeugt, daß der grundlegende Fehler der ,neuen Richtung‘ in der russischen [revolutionär-marxistischen] Sozialdemokratie in der Anbetung der Spontaneität besteht, im Nichtbegreifen der Tatsache, daß die Spontaneität der Masse von uns Sozialdemokraten eine Masse von [theoretischer] Bewußtheit erfordert.“ Zur Unterscheidung von Politik und Ökonomie s. Kap. IV c)

Die in den verschiedenen Städten der alten BRD vertretene „Subversive Aktion“ suchte ihre Möglichkeiten zu provokativen Auftritten zu erweitern und schloß sich 1964/1965 mancherorts dem SDS* an, so auch in West-Berlin. Daraus resultierte auch eine Umbildung der Demonstration von der bloßen Meinungsbekundung zur aktionistischen Provokation mit nicht-legalen Mitteln, z.B. dem Bewerfen des Fahrzeugs eines Staatsgastes mit Tomaten. – Dutschke befaßte sich nunmehr mit Auffassungen vom Sozialismus jenseits von Marx und Engels. So veröffentlichte er 1966 in einer Sondernummer der „sds-korrespondenz“ den Aufsatz „Zur Literatur des revolutionären Sozialismus von K. Marx bis in die Gegenwart“, auf den noch zurückzukommen sein wird.

* Sozialistischer Deutscher Studentenbund

Ab 1966 entwickelte der Wehrdienstverweigerer Dutschke auch den Plan des Aufbaues einer Stadtguerilla nach lateinamerikanischem Vorbild, offenbar ohne sich des Ausmaßes der dabei unumgänglich entstehenden Gewalt bewußt zu sein. – Dutschke propagierte eine Strategie zunehmender Spannung, des Ausnutzens jeder Möglichkeiten zur Eskalation von Gewalt in der Gesellschaft, was er als bloßes Sichtbarmachen der ohnehin vorhandenen Gewalt zu rechtfertigen suchte, wobei dann das, was er als revolutionäre Gewalt verstand, als Gegenwehr erschien, die sich die Befreiungsbewegungen der Dritten Welt zum Vorbild nehmen sollte, um in der Illegalität der hiesigen Metropolen zu agieren. Von daher gesehen erscheint es ganz folgerichtig, daß Dieter Kunzelmann, Angehöriger der „Kommune 1“ seit ihrer Entstehung, 1969 die „West-Berliner Tupamaros“ gründete; als Kunzelmann 1970 verhaftet wurde, löste sich seine Terrorgruppe auf.*

* Nach seiner Entlassung aus der Haft schloß sich Kunzelmann der KPD/AO an.

Den RAF-Terror ab 1970 verurteilte Dutschke, obwohl er plante, von den Universitäten aus operative Basen einer „Sabotage- und Verweigerungsguerilla“ zu schaffen. Diese sollten sich wohl in militante Stadtguerillagruppen* umwandeln, wenn die Zeit dafür reif war. – Dutschke, persönlich bekannt mit Angehörigen der Terrorszene, lehnte den Pazifismus natürlich ab, wollte die revolutionäre Gewalt aber auf eine solche gegen Sachen richten, nicht gegen Menschen; wie er angesichts dessen die revolutionären Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt bejahen konnte, bleibt unerfindlich.

* Die RAF verstand sich selbst als eine der aufzubauenden „bewaffnete[n] Stadtguerillaeinheiten“ und wollte als solche Teil, Fraktion, einer noch zu schaffenden kommunistischen Partei sein, wie die RAF in einem Schreiben an Nord-Koreas Dictator Kim Il Sung (1948 – 1994) bekannte.

Dutschke durchbrach auch selbst wiederum seine These von der Gewalt allein gegen Sachen, indem er den Tyrannenmord vehement befürwortete; um von der Gewalt gegen Sachen zur Gewalt gegen Personen zu gelangen, brauchte man den Begriff des Tyrannen nur – unter Einbeziehung seines Anhangs – etwas großzügiger zu fassen. Doch die RAF-Morde verurteilte Dutschke wiederum.

Am Grabe des RAF-Terroristen Holger Meins* endlich rief Rudi Dutschke mit erhobener Faust: „Holger, der Kampf geht weiter!“ Anschließend allerdings deutete Dutschke dies als eine ganz allgemeine Bekräftigung des Kampfes der „Ausgebeuteten und Beleidigten“, der als ein [gleichzeitiger] Lernprozeß vom Terror[ismus] doch nur behindert werde. – An diesem Kampf hatte demnach auch Rudis Freund Holger teilgenommen, doch sich als mehr hinderlich denn hilfreich erwiesen; gleichwohl hatte Holger also auf der Seite der Ausgebeuteten und Beleidigten gestanden.

* geb. 1941, gest. 1974

Dies zeigt, daß Dutschke den Terrorismus keineswegs so grundsätzlich ablehnte, wie es nach einzelnen seiner Äußerungen scheinen mochte; vielmehr scheute Dutschke offenbar vor den Konsequenzen seines eigenen Denkens zurück, um dann auf dem Friedhof doch einmal die Bedenken hintanzustellen. – Fünf Jahre darauf verstarb Dutschke selbst; zuletzt stand er der sich damals konstituierenden Partei „Die Grünen“ nahe. Immerhin reichte Dutschkes Lebenswerk aber aus für die Ehrung durch Benennung einer Berliner Straße nach ihm (2008). „Sage mir, wie Deine Straßen heißen, und ich sage Dir, wer Du bist“, möchte man dies kommentieren.

2 Kommentare zu „Rückblick auf den hiesigen Maoismus in seinem Zusammenhang (6)“

  • Unke:

    Natürlich gibt es bei einer solchen gerafften Form Lücken in der Darstellung. Ein Aspekt darf dabei keineswegs entfallen: das geradezu verzweifelte Betteln des Establishments um “Bambule”. Ist es nicht auf den ersten Blick verblüffend, dass die Regierung -die doch eigentlich für Ruhe und Ordnung eintritt- ein offenbar vitales Interesse daran hat Unruhe zu stiften? Damals wie heute.
    Die Auflösung gesellschaftlicher Zusammenhänge (“68″) war gewünscht und orchestriert. Der Spuk der 68er, der “Terror” (der in Wirklichkeit keiner war, das kam erst mit dem Fluten mit Kuffnucken), das Aufeinanderhetzen gesellschaftlicher Gruppen (vor allem Frauen gegen Männer): alles kein Zufall. Bis “68” sind die Gesellschaftsplaner an den friedfertigen, duldsamen und gelehrigen Deutschen geradezu verzweifelt. Nun, 50 Jahre später, haben sie immer noch nicht ihr Ziel erreicht: es gibt keine Gewaltorgie, keinen nennenswerten Widerstand – das Volk verschwindet einfach. Lautlos. “Not with a bang, but with a whimper”. Und der “neue Mensch”, den die Illusionisten sich zusammenphantasieren – er wird kommen, aber er wird ganz anders sein als ursprünglich gedacht. Die Zivilisation wird man dann -wie deren Träger- in der Diaspora suchen müssen.

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