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Rückblick auf den hiesigen Maoismus in seinem Zusammenhang (9)

Während sich der undogmatisch-anarchistische Flügel der Achtundsechziger z.Z. der siebziger Jahre in verschiedener Weise um die Zerstörung des Staates bemühte, um kommunistische Verhältnisse entstehen zu lassen, hielt die maoistische Linke theoretisch noch an der Lehre vom Proletariat als dem revolutionären Subjekt fest. – Die KPD/ML fiel vor allem durch ihr Zentralorgan „Roter Morgen“ in der Öffentlichkeit auf; deren Verkäufer unterschieden sich hinsichtlich des Alters und der Kleidung zwar zumeist von den Anbietern des „Wachturm“ der Zeugen Jehovas, doch nur mäßig in der von ihnen erzielten Resonanz.

Zu Beginn der siebziger Jahre entstanden weitere maoistische Gruppen, die ebenfalls vor allem durch ihre Zeitung kenntlich waren, zuerst die KPD/AO, d.h. KPD Aufbau-Organisation, die zu Beginn des Jahres 1970 in West-Berlin gegründet wurde und das Blatt „Rote Fahne“ herausgab. Nicht nur die Bezeichnung der Partei, sondern auch der Name der Zeitung verweist auf Weimarer KPD, um den Anspruch zu erheben, deren Nachfolgerin zu sein, obwohl man dasselbe durch das Anhängsel AO wiederum relativierte, bis man Mitte 1971 auch dieses ablegte. – Wollten sich Maoisten gegenseitig das Recht bestreiten, die Tradition der verbotenen KPD zu repräsentieren, so sprachen sie vom jeweils anderen als einer bloßen Gruppe; so bildete die KPD/ML in den Augen ihrer Konkurrenten die „Gruppe Roter Morgen“ und umgekehrt die KPD/AO die „Gruppe Rote Fahne“. Während die einen den geistigen Anschluß an Albanien suchten, vollzogen die anderen jeden politischen Schwenk der KP Chinas nach.

Zwei schon durch die Namenswahl als weniger traditionell kenntliche Gruppierungen entstanden 1971 und 1973, der Kommunistische Bund um die Zeitung „Arbeiterkampf“ und der Kommunistische Bund Westdeutschland mit der „Kommunistischen Volkszeitung“. Nationale Töne wie in KPD/ML und KPD/AO klangen in den beiden jüngeren Gruppierungen nicht mehr an. – Die KPD/AO suchte währenddessen nicht nur eine Revolutionäre Gewerkschaftsopposition, RGO, aufzubauen, sondern die Massen auch in ihrer „Liga gegen den Imperialismus“ zu organisieren. Letztere entstand 1971 zur Unterstützung des Befreiungskampfes der Völker der Dritten Welt. Darin zeigt sich, wie sich angesichts der wenig revolutionären Situation in der BRD der Blick nach außen richtete; in der Wertschätzung von revolutionären Bewegungen in der Dritten Welt deckte sich die Sichtweise der KPD/AO mit derjenigen der undogmatisch-anarchistischen, u.a. in der RAF organisierten; so nimmt es nicht Wunder, daß sich der aus der Haft entlassene Mahler der KPD/AO anschloß und Parteimitglied wurde (1976).

Die geringe Anzahl der Mitglieder der K-Gruppen stellte deren Selbstverständnis nicht unbedingt in Frage, da doch seit Lenin die KP als – u.U. kleine – Partei der Berufsrevolutionäre verstanden wurde; schließlich hatte die russische Oktoberrevolution (1917) doch mehr einem Blanquisten-Putsch geglichen als einer Erhebung proletarischer Massen, auch wenn Marx noch gefordert hatte, „daß die Emanzipation der Arbeiterklasse durch die Arbeiterklasse selbst erobert“ werden müsse.* – Schwerwiegender erschien das Problem des vergeblichen Werbens um das heimische Proletariat, das einfach nicht zu revolutionären „Massenaktionen“ zu bewegen war. Doch hatte nicht Mao seiner Zeit vor einem vergleichbaren Problem gestanden, da in China zwar eine KP, aber noch so gut wie kein Proletariat vorhanden gewesen war? Dennoch war die Revolution dort erfolgreich durchgeführt worden (1949).

* „Provisorische Statuten der Internationalen Arbeiter-Assoziation (1864)“

Mao hatte mangels Proletariat auf das „Volk“ verwiesen, zu dem „alle Klassen, Schichten, gesellschaftlichen Gruppen [gehörten], die den Aufbau des Sozialismus billigen, unterstützen und dafür arbeiten“ im Gegensatz zu „alle[n] gesellschaftlichen Kräfte[n] und Gruppen, die sich der sozialistischen Revolution widersetzen“ als „Feinde[n] des Volkes.“* An die Stelle der durch die geschichtliche Entwicklung mit ihren objektiven Faktoren bestimmten revolutionären Haltung trat das subjektive Verhalten des einzelnen gegenüber der chinesischen Revolution und damit gegenüber der KP Chinas bzw. deren Generalsekretär Mao Tse-tung. Nicht mehr das Sein (des Proletariers) sollte das (revolutionäre) Bewußtsein (desselben) bestimmen, sondern das (revolutionäre) Bewußtsein bestimmte. – Diese Umkehrung der Theorie war bereits durch Lenin in die Wege geleitet worden. Die kommunistische Partei Rußlands hatte vor dem Problem gestanden, daß die Diktatur des Proletariats in einem nur in geringem Maße industrialisierten Land errichtet werden sollte. Noch deutlicher trat dasselbe Problem bei denjenigen Völkerschaften vor Augen, die dem zaristischen Völkergefängnis als Insassen angehört hatten, aber noch keinerlei Proletariat aufzuweisen hatten. Um sie nicht einfach ziehen zu lassen, sondern sie in die zu errichtende Union der sozialistischen Sowjetrepubliken einzugliedern, stellte Lenin die These auf, daß Kolonialvölker, ohne kapitalistisches Zwischenstadium durch gezielte Formung des Bewußtseins mittels sowjetischer Propaganda zum Kommunismus gelangen könnten: In seinem „Bericht der Kommission für die nationale und die koloniale Frage vom 26. Juli [1920]“, dessen Thesen zwei Tage darauf im Rahmen der Vierten Sitzung des II. Kongresses der Kommunistischen Internationale angenommen wurden,** sagte Lenin: „Die Frage lautete: Können wir die Behauptung als richtig anerkennen, daß die zurückgebliebenen Völker, die sich jetzt befreien und unter denen wir jetzt, nach dem [1. Welt-]Krieg, eine fortschrittliche Bewegung beobachten, das kapitalistische Entwicklungsstadium der Volkswirtschaft unbedingt durchlaufen müssen? Diese Frage haben wir mit einem Nein beantwortet. Wenn das siegreiche revolutionäre Proletariat [vor allem Rußlands] unter ihnen eine planmäßige Propaganda treibt und wenn die Sowjetregierungen [der sozialistischen Republiken] ihnen mit allen verfügbaren Mitteln zu Hilfe kommen, dann ist es falsch anzunehmen, daß das kapitalistische Entwicklungsstadium für die zurückgebliebenen Völker unvermeidlich sei. … [Somit gilt,] daß die zurückgebliebenen Länder mit Unterstützung des Proletariats der fortgeschrittensten Länder zur Sowjetordnung und über bestimmte Entwicklungsstufen zum Kommunismus gelangen können, ohne das kapitalistische Entwicklungsstadium durchmachen zu müssen.“ Von einer Diktatur des Proletariats kann unter solchen Umständen natürlich keine Rede sein; so treten eben an die Stelle von Arbeiterräten Bauernsowjets.

* „Worte des Vorsitzenden Mao Tsetung (1972, IV. Die richtige Behandlung der Widersprüche im Volke [2. Absatz,] aus: Über die richtige Behandlung der Widersprüche im Volke (27. Februar 1957)

** Lenin Werke Bd. 31 ([Ost-]Berlin 1966), S. 228 – 233

Es blieb in derselben Rede Lenins nicht bei der Ablösung des Seins durch das Bewußtsein. Man benötigte ja außerdem eine Klammer, welche die Arbeiter industrialisierter Länder – oder vielmehr die KP Rußlands – mit den Kolonialvölkern – des ehemaligen Zarenreichs – zusammenfassen sollte, da der Gegensatz von Lohnarbeit und Kapital unter vorindustriellen Verhältnissen nicht die gemeinsame Basis für das Zusammenwirken von sozialistischen und national-revolutionären Bewegungen bilden konnte. So postulierte Lenin nun einen neuen Klassengegensatz an Stelle desjenigen von Proletariern und Kapitalisten: „Das charakteristische Merkmal des Imperialismus besteht darin, daß sich, wie wir sehen, gegenwärtig die ganze Welt in eine große Zahl unterdrückter Völker und eine verschwindende Zahl unterdrückender Völker teilt, die über kolossale Reichtümer und gewaltige militärische Kräfte verfügen.“ Welche Rolle fällt dabei dem Proletariat „unterdrückender Völker“ zu? Sie stehen auf der Seite ihrer Bourgeoisie: „Es ist richtig, daß die…Arbeiteraristokratie [ja nicht nur, vO,] Englands und Amerikas die größte Gefahr für den Sozialismus und die stärkste Stütze der II. Internationale ist, daß wir es hier mit dem schlimmsten Verrat der Führer und der Arbeiter zu tun haben, die dieser bürgerlichen Internationale angehören.“ [Man erkennt schon die spätere Theorie vom sozialdemokratischen Sozialfaschismus.]

Damit ist das Proletariat als revolutionäres Subjekt im Prinzip erledigt; was blieb in industrialisierten Staaten der KP, wenn nicht das Lumpenproletariat?* – In Zeiten des Imperialismus bilden nicht mehr die Arbeiter, sondern die national-revolutionären Bewegungen der Kolonialvölker unter der Leitung des Rußlands das revolutionäre Lager. „Der zweite Leitgedanke unserer Thesen besteht darin, daß bei der heutigen Weltlage, nach dem imperialistischen [1. Welt-]Krieg, die gegenseitigen Beziehungen der Völker, das ganze Weltsystem der Staaten bestimmt wird durch den Kampf einer kleinen Gruppe imperialistischer Nationen gegen die Sowjetbewegung und die Sowjetstaaten, an deren Spitze Sowjetrußland steht.“ Ferner: „Zwischen der Bourgeoisie der ausbeutenden Länder und jener der kolonialen Länder ist eine gewisse Annäherung erfolgt, so daß die Bourgeoisie der unterdrückten Länder sehr oft – ja sogar in den meisten Fällen – zwar die nationalen Bewegungen [der bürgerlich-demokratischen Richtung] unterstützt, aber gleichzeitig im Einvernehmen mit der imperialistischen Bourgeoisie, d. h. zusammen mit ihr, alle revolutionären Bewegungen und revolutionären Klassen bekämpft.“ – Lenin nimmt Grundgedanken Fanon’scher Theorie schon vorweg, nur daß er dabei noch keine (anti-)racistischen Töne anschlägt. [Absatz erweitert; 20. Dez.]

* Dem entsprechend galt während der Weimarer Zeit eher die SPD als Partei der Arbeiter, die KPD hingegen vor allem als die der Erwerbslosen; vgl. dazu den Propaganda-Streifen „Kuhle Wampe (1932)“, der eigentl. von Erwerbslosen handelt, und mehr als Kulisse erscheinen Arbeiter.

 

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