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Rückblick auf den hiesigen Maoismus sowie weitere politische Strömungen zwischen Alter und Neuer Linker (16)

Während die SPD seit 1966 Regierungsverantwortung im Bund übernahm und sich die Sozialindustrie* ganz allmählich entwickelte, suchten K-Gruppen vor allem über den Anschluß an die pazifistische Anti-AKW-Bewegung eine Massenbasis zu gewinnen (s.o. Teil (10)); zu derselben Zeit erschloß sich für die undogmatische Linke ein Betätigungsfeld durch den sich entwickelnden Umweltschutz angelsächsischer Provenienz, der nicht zu verwechseln ist mit dem kontinentaleuropäischen, vor allem deutschen Naturschutz, denn es geht dem Umweltschutz nicht etwa um die Bewahrung der heimatlichen Natur neben der vertrauten Kultur, sondern um die Rettung der Natur vor dem Menschen im allgemeinen und dem weißen Mann im besonderen.

* Damit, daß Hilfen für Heranwachsende, Kranke, Notdürftige aller Art als gewinnbringende Unternehmen bzw. potentielle Investitionsobjekte betrieben wurden, veränderte sich der objektive Endzweck der Tätigkeit: Es ging nicht mehr darum, den Klienten dazu zu bringen, künftig ohne die Hilfeleistungen auszukommen, sondern sie möglichst gewinnbringend immerfort zu erbringen. Diese Sinnverkehrung des Helfens belastet einerseits die in der Sozialindustrie Beschäftigten, und andererseits brachte sie eine neue Bürgertugend perverso modo hervor: Die meiste wohlwollende Aufmerksamkeit und das meiste Mitgefühl galt fortan nicht mehr den Leistungswilligen und daneben den gutwilligsten Hilfsbedürftigen, sondern den widerspenstigsten, asozialsten und therapieresistentesten Zeitgenossen. – Die Vertreter der Alten Linken, die den damals sich vollziehenden Wandel bemerkten, hießen ihn gut, da sie davon ausgingen, daß die Umverteilung von Mitteln zu Gunsten der sich entwickelnden Sozialindustrie dem Proletariat zu Gute komme; es war aber das Prekariat, das gleichzeitig fortwährend an Umfang zunahm, was wiederum in der allmählich beginnenden Auslagerung der Produktion in Länder mit niedrigerer Entlohnung, d.h. in der anhebenden Globalisierung mittels Freihandel und internationalem Investitionsschutz (seit 1965) begründet war.

Drei Strömungen vereinten sich vom Ende der sechziger Jahre an zur Ideologie des Umweltschutzes: Pazifismus, angelsächsischer Tierschutz und us-amerikanische Frauenbewegung. Der Pazifismus lieferte die Utopie eines vollkommen friedlichen Diesseits, der Tierschutz (s. dort) Die geistigen Wurzeln der Neuen Linken: Das manichäische Denken) präsentierte die nicht-menschlichen Lebewesen als Opfer des Menschen, und die us-amerikanische Frauenbewegung kannte den Schuldigen für das Ausbleiben eines irdischen Paradieses, den weißen Mann (s. dort). – Der Umweltschutz ist, wie gesagt, nicht mit dem Naturschutz zu verwechseln, denn es geht nicht um die Bewahrung der heimischen Landschaften, sondern um die Rettung der weltweiten Natur vor dem Menschen, insbesondere dem weißen Mann, in dem sämtliche Schlechtigkeit, die bei anderen allenfalls rudimentär vohanden ist, Gestalt annimmt, weshalb er beständiger Aufsicht unterworfen werden muß.*

* Am Ende des 20. Jahrhunderts fand der Umweltschutz – nach dem „Waldsterben“ – seinen ultimativen Ausdruck in der Ideologie der Klimarettung, denn weil sich das Klima so lange wandelt, wie sich die Erde dreht, kann auch ebenso unbegrenzt dagegen angekämpft werden: Mit der Ideologie der Klimarettung wurde das ökologische perpetuum mobile erfunden.

1968 gründeten der schottische Chemiker Alexander King* und der italienische Konzernmanager Aurelio Peccei** den Club of Rome. King hatte während des Krieges zuerst Explosivstoffe im Auftrag der Regierung entwickelt und sich dann mit der Bekämpfung von Malaria befaßt; darüber kam er anscheinend zu der Frage, wie sich der Einsatz chemischer Stoffe auf Tiere und Pflanzen auswirkt; außerdem wollte er seine wissenschaftlichen Fähigkeiten nach dem Kriege für den Frieden einsetzen und gelangte so 1957 zur OECD (Organisation for Economic Co-Operation and Development), der UN-Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, und von 1960 bis 1974 amtierte King in Paris als deren Director general for Scientific Affairs, also Leiter der Abtreilung für wissenschaftliche Angelegenheiten. Als solcher lernte er Peccei kennen, der sich in einem Memorandum mit den Auswirkungen der industriellen Produktion auf Gesellschaft und Natur in der Dritten Welt befaßt hatte. Peccei sorgte für die finanziellen Mittel, so daß der „Club od Rome“ 1968 als thinktank konstituiert werden konnte. Wenige Jahre darauf erschien, verfaßt von mehreren Autoren, „The limits to Growth. A Report for the Club of Rome’s Project on the Predicament of Mankind (1972)“, das noch in demselben Jahr in deutscher Übersetzung veröffentlicht wurde: „Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur [Not-]Lage der Menschheit“. Damit wurde der – angesichts des wirtschaftlichen Aufschwunges nach dem Ende des 2. Weltkriegs – verbreiteten Illusion eines ununterbrochenen immerwährenden Wachstums die These einer natürlichen Begrenztheit entgegengesetzt. Es ging allerdings darin auch um die Zerstörung der Natur und die Endlichkeit von Ressourcen sowie die Überbevölkerung. Die wissenschaftliche Qualität der Darlegungen mag im einzelnen zweifelhaft sein, doch war es überaus berechtigt, dem naiven Optimismus die These der Begrenztheit aller Dinge in der empirischen Wirklichkeit entgegenzusetzen. Dabei blieb es allerdings nicht, sondern man begann, den Menschen und seine Industrie, d.h. den Weißen, als Bedrohung der Welt zu fürchten und spekulierte sogar schon über die Folgen einer Erwärmung der Erdatmosphäre in Folge der Verbrennung fossiler Brennstoffe einschließlich atomarer.***

* geb. 1909, gest. 2007

** geb. 1908, gest. 1984

*** „If the energy source is something other than incident solar energy (e.g., fossil fuels or atomic energy), that heat will result in warming the atmosphere, either directly, or indirectly through radiation from water used for cooling purposes.“ (Limits to Growth, S. 73)

1969 taten sich in Kanada Pazifisten in einem Bürgerkomitee zusammen, um die us-amerikanischen Atombombentests in Alaska zu verhindern; dazu wurde 1971 eine öffentlichkeitswirksame Aktion unternommen, nachdem ein Jahr zuvor der Name „Greenpeace“ entstanden war, der als Wortverbindung von „grün“ und „Friede“ bereits auf die Verschmelzung von Pazifismus und angelsächsischem Tierschutz hinweist. Ein Kutter wurde ausgerüstet, um an die Tradition der Quaker anknüpfend, Zeugnis ablegend passiven Widerstand zu leisten, d.h. in das Gebiet des Atomwaffentests zu fahren, um denselben durch die eigene Anwesenheit zu verhindern; dies war die Aktion „Greenpeace I“. An Bord befand sich auch ein Journalist, und so fand die Unternehmung weiten Widerhall in der Öffentlichkeit, obwohl das Schiff von der U.S. Navy gezwungen wurde zurückzukehren, ohne sein Ziel erreicht zu haben. – Da die USA ihre Atombombentests in Alaska 1972 einstellten, wurde dies als Erfolg der eigentlich gescheiterten Aktion „Greenpeace I“ betrachtet; das Bürgerkomitee benannte sich in „Greenpeace Foundation“ um und sann fortan auf die Rettung der Natur vor dem Menschen in der Tradition des angelsächsischen Tierschutzes. Ab 1975 begann man den Abschuß von Walen zu verhindern, und da sich diese Greenpeace-Aktion gegen sowjetische Walffänger richtete, fand sie schon 1976 die Unterstützung der CIA. Während des Winters 1975/1976 unternahm man erste Aktionen zur Unterbindung der Robbenjagd in Kanada. 1977 erhielt die Greenpeace-Organisation einen Beobachterstatus bei der 1946 gegründeten Internationalen Walfang-Kommission, und seitdem einen vergleichbaren Status in zahlreichen UN-Gremien.

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